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Die Besucherin

(Die Besucherin, 2008)

Dt.Start: 14. Mai 2009
DVD: 27. November 2009
Premiere: 11. Februar 2008 (Berlinale, Deutschland)
FSK: ab 12 Genre: Drama
Länge: 104 min Land: Deutschland
Darsteller: Sylvana Krappatsch (Agnes), Andre Jung (Bruno), Samuel Finzi (Walter), Jule Böwe (Karola), Isabel Metz (Leni)
Regie: Lola Randl
Drehbuch: Lola Randl


Inhalt

Agnes hat in ihrem Leben alles fest im Griff. Dass sie nur wenig Zeit mit ihrem Ehemann Walter, ihrer Tochter Leni und auch ihrer Schwester hat, stört sie wenig. Eines Tages überlässt ihr ihre Schwester einen Schlüssel für eine fremde Wohnung, in der die Blumen gegossen werden sollen. Fasziniert von diesem Ort, findet Agnes heraus, dass die Wohnung einem Ehepaar gehört und die Frau kürzlich ums Leben gekommen ist. Als sie eines Tages in der Wohnung einschläft, wacht sie am nächsten Morgen mit einem fremden Mann im Bett auf. Von da an gerät ihr Leben völlig aus den Fugen.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Die Besucherin hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 30%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Julian Reischl
Die Besucherin hat eine Wertung von 30%
Schwermütiges deutsches Drama um eine wertekonservative Wissenschaftlerin, die sich durch einen geradezu nichtigen Anlass in einem irrationalen, emotionsgeladenen und selbstzerstörerischen neuen Lebenswandel wiederfindet. Ein gelungenes, aber definitiv nur für ein kleines Publikum geeignetes Spielfilmdebüt.

Bild aus Die Besucherin Die Radiologin Agnes hat keinen Grund, sich zu beschweren: Im Beruf läuft alles, Geld ist offenbar nicht knapp, Ehemann Walter arbeitet tapfer an einem Kriminalroman, und die gemeinsame Tochter Leni entwickelt sich auch prächtig. Eines Tages steht Agnes' Schwester Carola in der Praxis, sie habe die Liebe ihres Lebens gefunden und müsse sofort, also noch heute, abreisen, ob Agnes ihr mal schnell ein paar Tausend Euro leihen und außerdem noch eine Wohnung hüten könne. Nur die Blumen gießen und den Briefkasten leeren, einmal die Woche. Agnes leiht ihr das Geld, sagt aber die Wohnung ab. Die Schwester hinterlegt daraufhin den Schlüssel einfach bei Agnes zuhause, so dass die Wissenschaftlerin gezwungen ist, sich nun doch auch noch um die Wohnung zu kümmern.

Der dortige Wellensittich ist bereits verdurstet, was auf die Zuverlässigkeit der Schwester rückschließen lässt, doch die Pflanzen sind wohl noch zu retten. So verbringt Agnes mehr Zeit in der Wohnung, als sie eigentlich wollte, und erfährt, durch eine Art plötzlicher Faszination über ein fremdes Leben getrieben, mehr über deren Bewohner, als sie je vorhatte.

Bis eines Tages ein Mann die Wohnung betritt. Agnes liegt zu diesem Zeitpunkt zusammengerollt im Bett, da sie beim Grübeln eingeschlafen war. Der Mann entdeckt ihre Anwesenheit, legt sich wortlos neben Agnes und beschläft sie. Agnes lässt den spontanen Zeugungsakt über sich ergehen, ohne überhaupt nachzuschauen, wer denn da die Wohnung betreten hat. Als der Mann fertig ist, erhebt sich Agnes und geht.

Immer wieder treffen die beiden aufeinander, und bald führen Agnes und Bruno, so der Name des Mannes, eine Art routinierte Beziehung, obwohl sie sich kaum kennen. Agnes hat den Lebensfaden der Frau, die eigentlich mit Bruno in dieser Wohnung lebt, aufgegriffen. Dies führt natürlich zu ernsten Anspannungen in Agnes' Familie, denn zu Recht fühlt Walter sich betrogen.

Dass mit Agnes etwas massiv nicht stimmen kann, wird spätestens offenbar, als sie sich ohne einen Mucks einfach für die sexuellen Bedürfnisse eines Wildfremden benutzen lässt. Was in der wirklichen Welt klar als Vergewaltigung (oder als sensationelle Dummheit) gelten würde, ist hier lediglich der Anfang eines Denkprozesses. Tatsächlich entpuppt sich die Mutter und Wissenschaftlerin auch in weitergehenden Ereignissen als ausgehöhlte Existenz, deren Hülle durch die skurrilen Ereignisse in der fremden Wohnung nach innen bröckelt wie die eines beschädigten Schoko-Nikolaus.

Leider wurde diese Offenbarung der nicht-heilen Welt als solche sehr schwach umgesetzt: Die Dialoge wirken praktisch immer gestelzt und passen teilweise kaum zueinander, die Leute reden in den Szenen nicht wirklich miteinander, sondern aneinander vorbei, sie scheinen nur ihre Textstellen aufzusagen, eine richtige Leinwandchemie kommt nicht zustande. Es findet auch keine nennenswerte Entwicklung der Figuren statt, und deren jeweilige Motivation bleibt auch weitgehend unklar. Agnes begeht im Lauf der Handlung einige weitere schwere Fehler, die ohne den ordentlichen Aufbau ihrer Figur jedoch nicht nur unerklärlich bleiben, sondern auch aus neutraler Sicht schlicht dumm sind. Die Häufung der Fehlentscheidungen der Hauptfigur ist jedoch so überzogen, dass man eigentlich nur noch davon ausgehen muss, dass die Figur der Agnes den Draht zur Realität vollkommen verloren hat.

Es ist ja verständlich, wenn jemand in einer überraschenden Situation eine dumme Fehlentscheidung trifft, doch dass Agnes fast im ganzen Film an jeder einzelnen Verhaltens-Weggabelung zielsicher falsch abbiegt (und das als vernunftbegabte Wissenschaftlerin), ist mehr als nur auffällig unsinnig. Stress und Druck können Menschen natürlich zu nicht-rationalen Taten treiben, aber die Größenordnung, in der Agnes hier augenscheinlich am Rad dreht, endet üblicherweise in der Geschlossenen.

Doch Regisseurin Lola Randl lässt diese überauffällige Diskrepanz kalt, sie stürzt ihre Figur in ihrem Spielfilmdebüt vom einen Extrem ins Andere, lässt sie sich von der berechnenden Wissenschaftlerin zum durchgedrehten Nervenbündel wandeln. Ein Auspendeln auf einen gesunden emotionalen Mittelwert zeichnet sich jedoch nicht ab, daher dürfte ein Großteil der Zuschauer nicht mit dem Film zurechtkommen.

Leider erinnert Die Besucherin durch den unerklärten und dadurch nicht besonders fesselnden Sinneswandel der Hauptfigur eher an Das Haus der Schlafenden Schönen als an Helen: Eine Menge der potentiellen Sprengkraft der zugrundeliegenden Idee bleibt ungenutzt. Die einzig wirklich nachvollziehbare Szene ist die Reaktion des Buchhändlers auf Agnes' Besuch in seinem Geschäft. Doch das ist leider zu wenig für einen ganzen Spielfilm.



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