Sympathische Pseudo-Doku über die nur scheinbar chaotischen Abwrackbrüder aus dem Westerwald. Nachdem sich eine Nation von Ordnungsfanatikern in einer Vielzahl von TV-Produktionen an dem skurrilen Vierergespann sattsehen konnte, werden die einzigartigen Brüder nun für ihren ersten Kinofilm mit dem Wohnwagen nach Italien geschickt.
Peter, Uwe, Manni und Günter Ludolf sind mittlerweile wirklich jedermann ein Begriff, wenn man nur "diese Autoverwertung, wo alle Teile auf Haufen liegen" anspricht. Tatsächlich hatten sich die vier Brüder aus Dernbach im Westerwald schon lange, bevor das Fernsehen auf sie aufmerksam wurde, einen lokalen Kultstatus erobert. Mittlerweile gibt es Ludolf-DVDs, Ludolf-Bücher, sogar ein Kochbuch und mindestens einen Fanclub. Und nun kommt eben der Ludolf-Film.
Die Autoverwertungsfirma, die die vier Brüder von ihren Eltern geerbt haben, arbeitet nach einem besonderen Prinzip: Während jeder der Brüder eine spezielle Aufgabe hat, die nur er erledigen darf, ist das Kernstück der Anlage die große Halle, in der sämtliche ausgeschlachteten Teile lagern, sortiert in mannshohe Haufen, überhängende Stapel und in kaum noch auszumachende Schwerlastregale. Ruft ein Kunde an, weiß Peter auswendig, ob das gewünschte Teil auf Lager ist oder nicht.
Der vorliegende Film ist jedoch keine neutrale Dokumentation, sondern eher eine Event-Reportage im Stil einer Dokumentation. Interviews wechseln sich mit klar inszenierten Alltagsabläufen ab, und plötzlich steht eine Idee im Raum: Zu Ehren der verstorbenen Eltern, die sich diesen Traum nie erfüllen konnten, wollen die Brüder nach Italien fahren. Damit sie diese Reise als Belohnung verbuchen können, müssen jedoch zunächst alle noch auf dem Hof vorrätigen Autos verwertet werden. Wobei das Kind im Manne dann auch noch etwas zu sagen hat, denn zur Feier des Tages wird das letzte Auto kurzerhand in die Luft gesprengt.
Mit einem alten Wohnwagen an einem ähnlich alten Zugfahrzeug machen sich die Brüder auf nach Jesolo. In den Alpen macht der Kühler des Autos erstmal schlapp (die Brüder sind allesamt keine Leichtgewichte, bevorzugten aber dennoch die Passstraßen), und die Zwangspause wird für eine kleine Schneeballschlacht genutzt. Die Existenz einer Baumgrenze beeindruckt die Brüder zutiefst, ebenso die Größe des Campingplatzes in Italien. Doch nichts auf der Welt ist schöner als der Blick aufs Meer, das Camping am Strand und natürlich der Besuch von Venedig. Offensichtlich genießen die Ludolfs erstmals in diesem Film den Duft der großen weiten Welt.
Interessant ist die Frage der Stellung einer Familie wie die der Ludolfs in unserer heutigen Gesellschaft: "Organisiertes Chaos" dürfte in Bezug auf das Ludolf-Imperium den Nagel auf den Kopf treffen, doch wird es wohl immer wieder Leute geben, die die Ludolfs als Messies bezeichnen. Das ist jedoch sicher nicht wahr, denn gerade die Ludolfs leben davon, Müll von Verwertbarem zu trennen. Dass der Schwellenwert für Verwertbarkeit bei den Ludolfs weiter unten angesetzt ist als bei den meisten anderen Menschen, zeugt eher für ein ausgeprägtes, vorbildliches Wiederverwertungsdenken der Brüder.
Die Ludolfs verkörpern einen unkomplizierten, unprätentiösen Typ Mensch, wie er noch vor hundert Jahren allgegenwärtig war: Keine hochtrabenden Träume, keine durch chic und Trend verblendeten Vorlieben, keine Notwendigkeit, zum Entspannen um den halben Erdball zu fliegen und dann doch nur im Hotel zu sitzen. Stattdessen Offenheit, eine sympathische Art des "Geradeheraus", simple Freuden, frugale Mahlzeiten und stets gute Laune. Jeder sollte ein bisschen wie ein Ludolf sein, zumindest im Geiste. Denn unter der oberflächlichen grauen Routine verbirgt sich immer noch ein kleines, aber gesundes Maß an Flexibilität und schelmischer Neugier.