Geistergeschichten haben in der chinesischen Kultur ihren festen Stellenwert. Besonders die Seelen der Frauen kehren oft als Geist zurück und leben sich in der Welt der Lebenden plötzlich aus, wie es ihnen zu Lebzeiten niemals möglich war. Nach dem Tod ihrer taiwanesischen Geliebten Ai-Ling spukt diese der deutschen Künstlerin Sophie immerwährend im Kopf herum. Sie wird nur schwer mit dem Verlust fertig und die Reporterin Mei-Li wird vom Tod der ihr unbekannten magisch angezogen. Geht hier mehr vor, als die Lebenden verstehen können? Sensibles Gefühlskino, aber eine Spukgeschichte zum Wegschlummern.
Der Begriff Ghosted suggeriert logischerweise, dass es sich hier um Übersinnliches drehen muss. Am ehesten lässt sich dieser Begriff mit "heimgesucht" übersetzen. Irgendetwas ist in unsere Welt gelangt oder noch in dieser verhaftet und lässt von einer bestimmten Person oder einem Ort nicht mehr ab. Inspiriert von der Geister- und Mythenwelt Chinas inszeniert Regisseurin Monika Treut einen Film, der zwischen den Kulturen Westeuropas und Ostasiens angesiedelt ist und einfühlsam eine Geschichte um Liebe, Trauer, Verlust, Verarbeitung und die Unfähigkeit loszulassen erzählt.
Ai-Ling (Huan-Ru Ke), eine junge Taiwanesin, möchte nach Deutschland, um von ihrem in Hamburg lebenden Onkel Chen Fu (Jack Kao), einiges über ihren Vater - seinem Bruder - in Erfahrung zu bringen. Da er sehr früh verstarb, hatte sie keine Gelegenheit ihn kennen zulernen. Darüber hinaus hat Ai-Ling auch noch einen ganz bestimmten Verdacht. Zunächst aber ist einige Überredungskunst notwendig, da ihre Mutter (Yi-Ching Lu) alles andere als angetan von dieser Idee ist. Doch Ai-Ling setzt sich durch. Chen Fu nimmt sie herzlich auf und gibt ihr einen Job in seinem China-Restaurant. Wohnen kann sie bei Patrick (Kevin Chen), einem Angestellten ihres Onkels.
Schnitt - Zeitsprung von fünf Monaten - zurück nach Taiwan: Die deutsche Künstlerin Sophie Schmitt (Inga Busch) hat eine Vernissage. Sie präsentiert ihre neue Arbeit Rememberence, eine Videoinstallation in deren Mittelpunkt ihre verstorbene Geliebte Ai-Ling steht, die unter ungeklärten Umständen in Hamburg ums Leben kam. Auf der Vernissage fällt Sophie eine junge und attraktive Taiwanesin auf. Mei-Li (Ting-Ting Hu) behauptet sie sei Reporterin und an Sophies Arbeit interessiert. Zunächst blockt Sophie alle Kontaktversuche Mei-Lis ab, aber dann lässt sie sich doch zu einer Tour durchs nächtliche Taipei überreden. Die vermeintliche Journalistin scheint regelrecht besessen von der Künstlerin zu sein und startet sogar intime Annäherungsversuche. Sophie hat aber den Tod ihrer Geliebten noch lange nicht verarbeitet und ist nicht bereit, sich auf etwas Neues einzulassen. Mei-Li lässt aber nicht locker: Als Sophie nach Deutschland abreist, folgt sie ihr kurze Zeit später. Dort steht sie nicht nur eines Tages plötzlich vor Sophies Tür und vollendet ihre romantischen Absichten, sondern beginnt auch Nachforschungen über Ai-Lings Tod anzustellen.
Ghosted spielt auf verschiedenen Zeitebenen, die ineinander verschachtelt sind und deren Erzählstruktur miteinander verwoben ist. Wie das ineinander fließende Yin-und-Yang-Symbol streben die beiden Storylines ihrem jeweiligen Höhepunkt entgegen. Am Ende stehen die Hintergründe über Ai-Lings Tod und die Erklärung Mei-Lis Obsession Sophie betreffend. Aber zwischendurch dreht sich einfach viel um die Liebe zwischen zwei Frauen aus verschiedenen Kulturen. Ein bisschen Magie, östliche Mystik und schicksalhafte Fügung gesellen sich hinzu, doch wer hier eine Geschichte im Stile von A Chinese Ghost Story erwartet, liegt völlig falsch. Im Prinzip ist Ghosted ein sensibel erzähltes Gefühlsmelodram rund um unverarbeiteten Verlust gepaart mit Elementen des "Bespuktwerdens"; wobei sich - gewollter Weise - nicht ganz auflösen lässt, wo die Geister der Vergangenheit noch in den Köpfen herumspuken und bereits die übersinnliche Heimsuchung beginnt.
Aber ehrlich gesagt, dürfte das den normalsterblichen Kinofreund wenig zum Nachdenken darüber animieren. Mit Ghosted begibt man sich schon in sehr spezielle Arthouse-Kino-Gefilde. Man kann sich sogar fragen, ob diese Geschichte wirklich das Format der großen Leinwand rechtfertigt. Es ist gewiss nicht uninteressant und die kulturellen Kontraste geben grundsätzlich einiges her. Allerdings steigt der Film nie wirklich tief genug ein, um ernstlich zu Fesseln. Ein bisschen mit transzendenten Elementen der Toten- und Ahnenverehrung, wie es insbesondere bei den Han-Chinesen üblich ist, zu spielen und religiöse Praktiken, wie Totengeld-Verbrennung, als spirituelles Motiv in ein paar netten Bildern einzufangen, reicht nicht aus. Wer regelmäßig chinesisch Essen geht, kennt schließlich auch noch lange nicht alle Traditionen und die Vielfältigkeit der ostasiatischen Küche. Aber wer ganz ruhige und still erzählte Gutenachtgeschichten mag, kann sich Ghosted im Kino anschauen. Man kann aber auch warten, bis der Film nach der Geisterstunde mal auf arte läuft.