Heat-Regisseur Michael Mann schafft es tatsächlich einen Film von 143 Minuten Länge abzuliefern und dennoch nur einen kleinen Auszug aus dem Leben von John Dillinger zu zeigen, wodurch die Hintergründe dieser Figur unbeleuchtet bleiben. Am Ende ist man nicht viel schlauer als vorher, weiß aber immerhin, dass John Dillinger ein charmanter Held und ein sympathischer Mörder war. Manns Film bewegt sich dramaturgisch auf einer Nulllinie, bleibt stets oberflächlich und hat auch sonst, abgesehen von zwei Weltstars in den Hauptrollen und einer authentischen Kulisse, nicht viel zu bieten. Vor allem scheitert Mann beim Versuch mit Public Enemies eine Hommage an die Gangsterfilme der 30er umzusetzen. So wechselt sich Romantikkitsch mit brachialer Gewalt auf absolut konfuse Weise ab. Insgesamt stehen stets hirnverbrannte und vollkommen überflüssige Shootouts vor jeder Story und so ist Public Enemies trotz einem gewissen Unterhaltungswert vielleicht die größte Enttäuschung des Jahres.
Der Bankräuber John Dillinger war der Erste, den das FBI als Staatsfeind Nummer 1 bezeichnete. Auf seine Ergreifung war eine Belohnung in Rekordhöhe ausgesetzt. Dillinger war bei der amerikanischen Bevölkerung überaus beliebt, da er es geschafft hatte, sich einen Ruf als eine Art moderner Robin Hood zu erarbeiten. Diese Ehre verdankte er vor allem der Tatsache, dass er stets nur das Geld der Banken nahm und sich nicht noch zusätzlich an den Privateigentumen der Bankbesucher bediente. Da Dillinger jedoch das Geld nicht für die Armen, sondern im Wesentlichen um sich selbst zu bereichern stahl, ist dieser Ruf jedoch mehr als fraglich. Zur Legende wurde Dillinger auch dadurch, dass er es schaffte, das FBI regelmäßig an der Nase herum zu führen. Nachdem er von einer rumänischen Prostituierten verraten wurde, erschoss ein FBI-Beamter Dillinger im Juli 1934 beim Verlassen eines Kinos.
Die Geschichte um John Dillinger wurde bereits mehrfach verfilmt. So beispielsweise 1973 in Dillinger oder 1991 unter dem Titel Dillinger - Staatsfeind Nummer 1. Die neueste und teuerste Verfilmung des Stoffes stand unter der Leitung von Michael Mann (Collateral). Leider ist Manns Version jedoch derart misslungen, dass man sich fragen muss, wie es möglich ist, etliche Millionen so unsinnig zu verpulvern.
Das Drehbuch von Ronan Bennet muss trotz der beachtlichen Spieldauer von Public Enemies recht dünn gewesen sein. Ein Grund dafür, dass der Film dennoch durchaus abendfüllend ist, sind die vollkommen übertriebenen Schießereien, die weder optisch besonders ansprechend noch sonst irgendwie wertvoll sind. Es wird einfach nur geballert. Nicht mehr und nicht weniger. Das kann bei einem Shoot 'Em Up sicherlich Spaß machen und wunderbar funktionieren, bei einem Film, der sich jedoch zumindest lose auf historische Tatsachen stützt und wenigstens so tut, als hätte er einen gewissen Anspruch ist es unverzeihlich, wenn durch stupide Bleiverschwendung Story gekürzt wird, beziehungsweise ein Film unnötig gedehnt wird. Public Enemies sollte Teil des Lehrplans an Filmhochschulen sein, denn nur wenige Filme schaffen es, eine Dramaturgie zu haben, die nicht mehr als eine gerade Linie ist. Bei einem Kunst- oder Experimentalfilm kann dies sicherlich funktionieren, bei einer Mainstreamproduktion wie Public Enemies ist es jedoch fatal.
Michael Manns Film kann als Hommage an die Gangsterfilme der 30er Jahre verstanden werden. Besonders gegen Ende wird dies ziemlich eindeutig klar. So sind auch die kitschigen Liebesszenen als Tribut an die alten Zeiten interpretierbar. Da der Film jedoch einfach nicht den Charme der Klassiker ausstrahlt und sich die Sehgewohnheiten des Publikums innerhalb der letzten 70 Jahre natürlich extrem geändert haben, greift man sich nur noch an den inzwischen schon schmerzenden Schädel. Der Zuschauer von heute braucht keine derartig stereotype Etablierung einer Liebesgeschichte und schon gar nicht, wenn die primitiven Rührseligkeiten zwischen Dillinger und seiner Frau scheinbar nur dazu dienen, um den absurden und abrupten Einstieg in die Beziehung der Beiden zu kaschieren. Denn leider kommen beide so zusammen, wie es nun mal einfach nur im Film geht, was natürlich dem Genickschuss eines jeden historischen Bezuges gleichkommt. Apropos Genickschuss, der Liebeskitsch wäre nicht halb so schlimm, würde die Liebesdrama-Romantik nicht immer wieder durch brachiale, sinnlose Gewalt unterbrochen, die weder großartig handlungsfördernd, noch aussagekräftig sondern einfach nur da ist.
Dass Public Enemies zwangsläufig zum Kassenerfolg werden muss, verdankt der Film vor allem seinen beiden Hauptdarstellern Johnny Depp und Christian Bale. Doch während Johnny Depp gewohnt gut aufspielt, ist es ausgerechnet Chrisitan Bale, der absolut blass bleibt. In der Rolle des Melvin Purvis ist er beliebig austauschbar, denn er schafft es nicht, dem Cop genug Profil zu verleihen, um ihn als ernst zu nehmenden Gegenspieler Dillingers glaubhaft zu machen. Bales Darbietung gehört zu den größten Enttäuschungen im Film, was schade ist, wenn man an seine großartigen Leistungen in Filmen wie American Psycho oder Der Machinist denkt, in denen der Waliser eindrucksvoll sein Talent unter Beweis stellte. Auch wenn Depp zumindest in Public Enemies in einer ganz anderen Liga spielt als Bale, ist dennoch fraglich ob er die richtige Besetzung für den Bankräuber ist. Denn auch wenn ein Johnny Depp einem Film eigentlich immer gut tut, ist er es auch, der mit seinem Spiel dazu beiträgt, dass John Dillinger unerträglich heroisiert wird. Er spielt ihn als eine Art Übermensch, was sicherlich von Michael Mann und Konsorten beabsichtigt war, was dem Film aber wiederum ein großes Stück Glaubwürdigkeit nimmt. Ein Darsteller mit mehr Ecken und Kanten wäre hier sicherlich die bessere Wahl gewesen. Der restliche Cast leistet gute Arbeit und macht noch das beste aus dem offensichtlich fragwürdigen Drehbuch, das keinem außer den beiden Stars und Dillingers geliebten Billie Frechete, gespielt von Marion Cotillard (La Vie en Rose, große Auftritte gönnt.
Wenn man das Kino verlässt und dem ganzen Zirkus vielleicht sogar noch etwas abgewinnen konnte, muss man dennoch automatisch den Vergleich zu anderen Gangsterfilmen ziehen und sich auch fragen, was wäre, wenn sich beispielsweise ein Martin Scorsese (Hexenkessel) der Geschichte angenommen hätte. Als nächstes stellt sich dann noch die Frage was der Film ohne seine beiden Hauptakteure machen würde, wahrscheinlich wäre er als Direct-to-DVD-Erscheinung in den hintersten Ecken der Videotheken verstaubt und würde im Nachtprogramm von RTL 2 oder Vox laufen. Wenn man dann noch bedenkt, dass man auch nach fast zweieinhalb Stunden immer noch nicht wirklich etwas über John Dillinger weiß und dass das, was man gesehen hat, derartig unglaubwürdig wirkt, dass man dem, was man zu wissen meint, keinen Glauben schenkt, wird einem, trotz eines gewissen nicht abzustreitenden Unterhaltungswertes, die Unsinnigkeit des Gesamtwerkes deutlich.
Abgesehen von den teils guten Darstellerleistungen, ist es schwer positives zu finden. Am Besten fällt insgesamt noch der authentische Soundtrack auf, der gut zum Flair der damaligen Zeit passt. Selbiges gilt für die gesamte Kulisse, die atmosphärisch funktioniert. Irgendwie hat es Mann dann doch geschafft, dass Public Enemies zumindest nicht langweilig wird. Das war es dann aber auch schon. So ist Public Enemies die vielleicht größte Enttäuschung des Filmjahres und ein weiteres Beispiel dafür, wie Unsummen investiert werden um absoluten Müll zu produzieren.