Deutschen Filmen haftet oft eine merkwürdige Eigentümlichkeit an: Unfreiwillig komisch, zu stark bemüht es den großen Vorbildern aus Übersee gleichzutun oder hölzern verkrampft im Versuch partout anders sein zu wollen. Jakobs Bruder, die Geschichte um zwei ungleiche Brüder, zwischen denen ein alter Konflikt schwelt, macht in dieser Hinsicht einiges besser. In Punkto Plotlogik wird aber sehr grobmotorisch hantiert. Dieses Rumklempnern mit Motiven und wenig elegante Vorantreiben der Handlung, raubt dem Film etwas den Charme. Für zwischendurch aber eben noch empfehlenswert.
Wenn im Cast der Name Christoph Maria Herbst auftaucht, kann man gar nicht anders, als an den absonderlichen Bürodespoten der gleichnamigen TV-Serie Stromberg zu denken. Und im Prinzip ist die Erwartung an einen beliebigen Film damit regelrecht vorprogrammiert: Eine halbwegs ernste Geschichte kann doch dann nicht herauskommen? Stimmt, wirklich ernst geht es bei Jakobs Bruder nicht zu. Wenn auch die dramaturgische Ebene durchaus um sehr ernste Themen kreist: Mutter-Sohn-Konflikte, Verlassenwerden, Bruderzwist, Depression und beinahe beiläufig am Rande, aber eigentlich als roter Faden gedacht, eine schwere und unheilbare Krankheit.
Jakob (Christoph Maria Herbst) moderierte früher mal ein angesagtes Musikmagazin bei einem Fernsehsender, inzwischen langt es gerade mal zum Präsentator drittklassiger Verkaufsquiz-Shows. Finanziell geht es ihm nicht gerade prächtig. Der Lebenspartner seiner Mutter (Julia Maria Köhler/Hannelore Elsner) muss ihm sogar immer wieder aushelfen. Lorenz (Klaus J. Behrendt) ist ganz anders: fleißig, verantwortungsbewusst, ernsthaft und strebsam leitet er ein kleines Restaurant in Ostfriesland. Doch auch ihm geht es alles andere als prächtig: Seit ihn seine große Liebe verlassen hat, ist sein Leben ein Jammertal. Und irgendwie war das Brüderchen daran nicht völlig unschuldig. Besonders gut auf Jakob zu sprechen, ist er jedenfalls nicht.
Als Jakob plötzlich eines Nachts vor seiner Tür auftaucht, will Lorenz ihn zunächst nicht reinlassen. Doch Jakob ist nicht nur eine Nervensäge, sondern auch hartnäckig. Widerwillig öffnet er, aber das Wiedersehen verläuft nicht gerade herzlich, obwohl sie sich jahrelang nicht gesehen haben. Noch viel länger hat Lorenz seine Mutter nicht gesehen. Er hatte sich vor langer Zeit davongemacht und sich seither nicht gemeldet. Nun ist die Mutter schwer an Alzheimer erkrankt, berichtet ihm Jakob. Lorenz muss sich beeilen, wenn er sie noch einmal erleben möchte, wie er sie kannte, bevor die Krankheit ihr die Erinnerung raubt und unwiederbringlich ihre Persönlichkeit zerstört.
Jakobs Bruder entwickelt schnell Roadmovie-Qualitäten, bleibt aber stoisch am Bruder-Bruder-Konflikt haften und benutzt den Zwist des älteren mit der Mutter als Brücke (oder Krücke), um den Scherbenhaufen zwischen den Brüdern zusammenzukehren. Dass dabei reichlich skurrile Situationen und witzigen Wortgefechten entstehen, kommt der Dynamik des Films zugute. Klaus Johannes Behrend, vor allem als WDR Tatort-Kommissar Max Ballauf bekannt, liefert einen überzeugenden Gegenpart zum immer leicht grotesk aufspielenden Herbst. Dieser Eigenart Herbsts bedient sich der Film; es wäre auch unsinnig, dem auf düsfunktionale Querulanten abonnierten Schauspieler eine andere Rolle überzustülpen.
Zunächst kreist also die Handlung um die beiden Brüder, bis - mit einem gewissen Überraschungswert - eine weitere Figur in die Arena geworfen wird: Unterwegs gabeln die beiden die junge Tramperin Lara (Sophie Rogall) auf, die von zu Hause ausgerissen ist. Genau wie einstmals Lorenz. In Lara spiegelt sich Lorenz' Vergangenheit. Und dieser beginnt sich nun mehr mit ihr zu streiten, gewissermaßen also mit sich selber, als mit seinem Bruder. Aber auch Jakob entdeckt Altbekanntes in der rebellischen Teenagerin. Das macht aus ihrer Figur nicht nur ein doppeltes Spiegelbild, sondern auch die Dompteuse im Ringkampf der Brüder. Das mag nett angedacht sein und bringt Tempo in das simple Angriff-Parade-Angriff-Spiel; Elemente aber, die lediglich Katalysatorfunktion übernehmen, entwickeln oft nicht die gewünschte Intensität und wirken nicht selten hölzern. Um diese Klippe zu umschiffen, wurde dem Seelenleben der jungen Ausreißerin ein emotional trauriger Unterbau verpasst, der sie aus der reinen Kampfrichterfunktion heraushebt. Doch die eigentlich simple Story wird damit zusehends überfrachtet.
Bei dieser über weite Strecken eigentlich recht flott und amüsant erzählten Geschichte, sind es unterm Strich die unbeholfen eingebrachten Motive und wild eingeworfenen Handlungsfragmente, die merklich negativ ins Gewicht fallen. Möglicherweise sind es aber nur zu viele. Wenn dann zusätzlich noch eine Rückblendenstruktur hineingezwängt wird, um dem Zuschauer Informationen über die Ursache des Mutter-Sohn-Konfliktes zu liefern, reduziert sich zeitweise alles auf eine Art "Zweikanalberieselung" und dem Versuch das Puzzle richtig zusammenzufügen. Und trotz der beinahe rührenden Anstrengungen, überraschende Plotpointen zu erzeugen, um den Schwung nicht zu verlieren, bleibt im Wesentlichen die generelle Handlung recht vorhersehbar.
Wer beispielsweise mit einem wunderschönen, aber stark mitgenommenen, Oldtimer unterwegs ist, kann sich kaum wundern, wenn er mit diesem liegen bleibt. Und, wie sollte es auch anders sein: eben an einem Ort, von dem man nicht gut weg kann. Dieser erzwungene Aufenthalt und die unausweichliche Nähe nötigen die Beteiligten zwangsläufig, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und ein liegen gelassenes Portemonnaie liefert die Initialzündung, um aufzudecken, dass es sich beim Bruderstreit auch um Geld drehte. An solchen Punkten wird die Handlung nicht nur mit dem Vorschlaghammer vorangetrieben, sondern die Intelligenz des Zuschauers auch etwas gering geschätzt. Wenn man sich aber von solchen Macken nicht allzu sehr abschrecken lässt, kann es dennoch zu einem passablen Kinonachmittag reichen, da der Steifen dennoch etwas eigentümlich Charmantes hat. Deutsches Kino halt.