Ein Familiendrama aus der Traumfabrik, das sich dem Thema genmanipulierter Retortenbabys als Universalspender für ihre kranken Geschwister und deren Selbstbestimmung über ihren Körper annimmt?! Das ist mutig und nicht ohne weiteres vom amerikanischen Kino zu erwarten. Höchstens aber ein halbe Stunde währt die Hoffnung auf einen Film mit dieser Tiefe, bevor sich Beim Leben meiner Schwester als das entpuppt, was es ist: rührseliger Kitsch, um ein todernstes Thema.
Kate (Sofia Vassillieva) ist schon als Kleinkind an Leukämie erkrankt. Sie braucht ständig Bluttransfusionen, Knochenmark- und Gewebetransplantationen. Ideal wäre ein nahverwandter Spender, das würde die Chance einer Abstoßungsreaktion minimieren. Leider ist weder ihr Vater Brian (Jason Patric) noch ihre Mutter Sara (Cameron Diaz) ein kompatibler Spender. Um nicht auf einen Fremden als Spender zurückgreifen zu müssen, wird den beiden von Ärzteseite nahegelegt, ein Kind in Vitro, genetisch maßgeschneidert, zu zeugen, das für Kate den idealen Spender darstellen wird. Also erblickt Anna (Abigail Breslin) das Licht der Welt - ihr einziger Lebenszweck: Ersatzteilreservoir für ihre Schwester zu sein.
Das Leben Annas ist eine endlose Tortur: unzählige schmerzhafte Eingriffe, um aus ihrem Körper dies oder das für ihre Schwester zu extrahieren und deren Leben zu verlängern - oder deren Qual. Gleich zwei Schicksale stehen hier im Mittelpunkt: beider Mädchen Leben bedeutet Schmerz und Leid; die eine lebt nur noch durch die Spenden ihrer jüngeren Schwester, die andere existiert überhaupt nur, da sie geschaffen wurde, um ihre ältere Schwester am Leben zu erhalten. Doch eines Tages scheint für Anna das Maß ihrer Leidensbereitschaft erschöpft. Als Kates Nieren versagen, braucht diese dringend ein Spenderorgan. Und nichts liegt scheinbar näher, als Anna wieder auf den OP-Tisch zu befördern und ihr ungefragt eine Niere zu entfernen. Gefragt worden ist das Mädchen ohnehin nie - warum auch? Diesmal wehrt sich aber die 11-jährige: Mit ihrem ganzen Ersparten wendet sie sich an den berühmten Anwalt Campbell Alexander (Alec Baldwin), der soll sich ihrer Sache annehmen und sie vor Gericht vertreten.
Gleich mehrere Fragen stellen sich, wenn man einige Motive ganz sachlich und ohne die emotionale Schwere, welche die Grundtragik der Story in sich birgt, betrachtet: Da regen Ärzte an, ein Kind zu produzieren, dessen einziger Lebenszweck sein wird, maßgeschneiderter Universalspender für ihre Schwester zu sein. Die Verzweiflung der Eltern mal außen vor gelassen, wurde sich über die ethische Dimension dieser Grausamkeit Gedanken gemacht? Und der Horror setzt sich fort: Egal wie klein und zerbrechlich dieses Geschöpf ist, die Eltern lassen es auf den OP-Tisch legen und es wird entnommen, was immer gebraucht wird. Was für ein Akt der Unbahrherzigkeit - und der Barbarei. Wie sehr muss das eine Kind geliebt werden und wie wenig das andere?
Aber es ist Hollywoodkino und dieses wirklich starke Motiv im Plot, dass dieses Kind, das möglicherweise nicht genug Liebe verdient (auch wenn nach außen hin, sich alle lieb haben), um mal gefragt zu werden, sich plötzlich wehrt, wird gnadenlos zugunsten einer tränenreichen Sterbegeschichte weggewischt. Nicht, dass der Verlust eines Kindes nicht tragisch ist. Das soll keinesfalls in Frage gestellt werden. Jeder, der ein Familienmitglied oder einen Freund durch diese furchtbare Krankheit verloren hat, weiß wie grauenvoll dieser Sterbeprozess verläuft: Immer wieder Aufrappeln, hoffen, bangen, um niedergeschmettert zu werden; solange bis alle Hoffnung endgültig geschwunden ist. Und bei einem jungen Mädchen von 13 Jahren ist es noch einmal tragischer: Das ganze Leben steht ihr noch bevor, so viele Erfahrungen warten auf sie: die erste Liebe, der erste Kuss. Wie herzlos kann da eine Schwester sein, die sich weigert ihre Niere herzugeben?
Nun, nicht so herzlos wie es scheint oder nicht so herzlos, wie es nur einem amerikanischen Publikum erscheinen kann. Der Film lockt eindeutig auf eine falsche Fährte und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Wer einen spannenden Gerichtsprozess erwartet, wird enttäuscht werden und diese außergewöhnlichen Fragen, die zu Beginn implizit aufgeworfen wurden, scheinen Regisseur Nick Cassavates nicht bedeutend genug gewesen zu sein, um ausführlich behandelt zu werden. Vielleicht ist es aber auch der Vorlage geschuldet: Beim Leben meiner Schwester basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jodi Picoult. Möglicherweise ist es also nur ein handwerklicher Missgriff, den Film zu Beginn mit diesem Thema einzuführen. Und die andere falsche Fährte liegt natürlich verborgen in der tiefen Zuneigung der beiden Schwestern zueinander und bleibt der Schlusspointe geschuldet.
Schauspielerisch gibt es wenig Nennenswertes zu verkünden. Mag man der 37-jährigen Cameron Diaz gerade noch abnehmen, dass sie eine dreifache Mutter, mit Kindern im Alter von 11, 13 und 16 Jahren, darstellen könnte; ja, es gibt da noch den Sohn der Familie, dessen Rolle soviel Erinnerungswert hat, wie das Muster der Krankenhaustapete; im Charakterfach macht aber die Diaz keine wirklich gute Figur und nervt im Film als wenig sympathische Mutter, deren Liebe sich nur noch auf ihr krankes Kind fokussiert. Der Rest der Familie ist Beiwerk und wirklich Akzente vermag nur Abigail Breslin zu setzen, die Jungdarstellerin, die schon in Little Miss Sunshine und Die Insel der Abenteuer auf sich aufmerksam machte. Da ist in Zukunft noch einiges zu erwarten.
Beim Leben meiner Schwester kommt durchgängig kaum über das Niveau eines beliebigen TV-Kitschmelodrams hinaus. Das Thema ist nicht neu und ewig mit der gleichen Tragik auf die Tränendrüse drücken, fügt dem Schicksal Erkrankter und deren Angehörigen keine neuen Gesichtspunkte hinzu. Dort wo gepunktet werden konnte, wurde es hingegen verschlafen. Wer aber gerne taschentuchbewaffnet ins Kino geht und bereit ist, sich dieser rührseligen Geschichte auszuliefern, könnte möglicherweise ein paar Pro-Argumente finden.