Der spanische Gangsterboss Carlos hat in Polen seine Tasche vergessen. Weil aber weder der schwule Mechaniker Harry noch sein brachialer Kollege Schorsch gerade pässlich sind, erhalten die bekifften Imbissbuden-Besitzer und Kleinkriminellen-Anwärter Johannes und Max ihre Chance. Doch je länger sie unterwegs sind, desto schräger wird der Trip für sie. Michael Glawogger lädt die Zuschauer in seinem absurd-satirischen Roadmovie Contact High zum charmanten Spiel mit Farben, Bildern, skurrilen Figuren und Pop-Referenzen ein. Detlev Buck, Michael Ostrowski, Raimund Wallisch, Georg Friedrich und Pia Hierzegger haben reichlich Spaß.
Eine Tasche mit unbekanntem, vermutlich kriminellem Inhalt steht im Mittelpunkt von Michael Glawoggers lässiger Komödie Contact High. Nicht viel, wenn man bedenkt, welch Terz um selbige in den folgenden 95 Minuten gemacht werden wird. Wie viele andere österreichische Filmemacher weiß Glawogger, wie man aus wenig viel machen kann. Zuvor hatte er mit Nacktschnecken einen respektablen Hit abgeliefert und für die Doku Workingman's Death einen Deutschen Filmpreis 2007 erhalten.
Die besagte Tasche mit unbekanntem Inhalt liegt in Polen, kommt von Woytila und ist für den Spanier Carlos bestimmt. Beide sind das, was man Gangster nennt. Als solche erledigen diese einen Abholdienst natürlich nicht selbst, sondern schicken untere Chargen los - wie den selbstgefälligen Mechaniker Harry (Detlev Buck). Der lebt in seiner Wiener Werkstatt mit seinen Angestellten seine schwule Phase in bester "Tom of Finland"-Tradition aus. Deshalb delegiert er die Aufgabe zunächst an den ebenso beschränkten wie rabiaten Kleinganoven Schorsch weiter. Aber auch der hat keine Zeit für eine Polen-Reise, weil er "dodal des Formal Äns-Fieba hoat".
Bei derart legerer Arbeitsauffassung muss der Auftrag ja bei Amateuren landen. Die heißen Hans Wurst und Max Durst, sind klamme Imbissbuden-Besitzer mit Hang zur Selbstüberschätzung und kennen Gauner mehr von Filmen denn aus eigener Erfahrung. Sie sind aber willig, wenn es gut für ihre Restaurant-Karriere ist.
Weil alle Beteiligten einen Hang zur Bewusstseinserweiterung haben, gehen sie nicht nur auf einen Trip nach Polen. Hans und Max, vorneweg, der zusammengestauchte Harry und der reuige Schorschi hinterher. Dabei ist die Beschaffung der Tasche eine Sache, das Behalten und der Rücktransport eine andere...
Tatsächlich findet man in dieser Kifferkomödie viele Trips. Schon lange ist diese Form der Tüten- und Pillenförmigen Unterhaltung keine alleinige Sache der Siebziger Jahre mehr (Cheech & Chong). Lammbock (2001) und Konsorten blieben allerdings dem Klamauk treu und gingen selbst nicht mit in die bizarren Träume. Das taten nur wenige Werke wie Terry Gilliams Fear and Loathing in Las Vegas. Michael Glawogger darf dank seiner "Gnade der späten Geburt" und den heute (computer-) technischen Möglichkeiten der britischen Regie-Ikone zeigen, wie plastisch so ein Abdriften in ganz träumerische Sphären aussehen kann.
Cineastischer Surrealismus ist allerdings keine österreichische sondern eher eine japanische. Dort sind quietschbunte Bilderbögen längst genauso fester Bestandteil von Jugendfilmen wie Kamikaze Girls, Memories of Matsuko oder Paco and the Magical Book wie in Hollywood überdimensionierte Effekte in Actionfilmen. Seltsamerweise haben sich Kifferfilme noch nicht bis nach Fernost durchgesprochen.
Die surrealen Collagen in Contact High haben dieselbe Wirkung wie das Titelgebende sozialpsychologische Phänomen. Jenes beschreibt das Phänomen, wenn eine Person in Gegenwart eines unter Drogen stehenden Menschen das Gefühl bekommt, ebenfalls "high" zu sein. Entsprechend darf man Contact High als lustvolles Drogenspiel sehen, das die Leute in den Zustand eines "euphorischen Amüsements" versetzt. Deshalb verlässt man das Kino danach auch beschwingt und amüsiert, selbst wenn das Unterbewusstsein beständig alarmierend behauptet, dass man gerade nichts von Substanz konsumiert hat.
Hier feiert der österreichische Humor, genauer der Wiener Schmäh, eine überraschende Verbrüderung mit dem trockenen norddeutschen Understatement, denn Nordlicht Detlev Buck passt sich trotz seines exotischen Zungenschlags hervorragend in das heitere und mitunter grenzdebile Reiseerlebnis ein.
Dieses wird mit zunehmendem Verlauf immer realitätsfremder und orientiert sich an dem harmlosen Niveau typischer Kiffer-Filme. Doch Glawogger hebt das Ganze durch liebenswerte Einfälle und skurrile (Loser-)Figuren auf das Niveau eines psychedelischen Traumes, das auf sein Publikum abfärbt. Vergleiche als Speed-Version von Pulp Fiction entspringen wohl einem übermäßigen Cannabis-Konsum eines Tarantino-Fans. Eher wirken die beiden herumirrenden Duos wie Veralberungen des Gangster-Kults der 90er Jahre.
Glawogger kreiert sein eigenes Universum aus künstlich belebtem Spießertum, weggerauchter Spaßgesellschaft der Neunziger Jahre und totalen Loser-Träumen. Kein Wunder, dass sich selbst die alten Sechziger Jahre-Tapeten selbstständig machen und eine erstaunliche Attraktivität entwickeln.
Fans des verrauchten Subgenres kommen hier ebenso auf ihre Kosten wie die des österreichischen Humors und visueller Bilderorgien. Allerdings sollte niemand eine zwingende Geschichte erwarten, auch wenn Glawogger durchaus mit einer mindestens ebenso sinnvollen Handlung aufwarten kann wie Terry Gilliam. Sein Contact High irritiert ebenso, wie es spaßig mit den Konventionen der Gangsterkomödie spielt und sich auch nicht zu schade ist, einen Sprung ins romantische Nass zu machen.
Die kleinen schrägen Episoden voller absurder Situationen und charmanter Einfälle leben natürlich auch von der Klasse ihrer Darsteller. Ob Co-Autor Ostrowski und die drei anderen Hauptfiguren oder Pia Hierzegger, Jeremy Strong und Hilde Dalik in den weiteren Rollen - sie sind Trash-Versionen diverser Klischees, Parodien zahlloser Krimikomödien und dennoch Unikate in eigener Sache.
Der ausgelassene Spaß findet seinen Niederschlag auch in dem feinen Soundtrack, der sogar ohne Drogen und Contact High beschwingt. Im Übrigen ist es nur ein Gerücht, dass man das Örtchen Drogomysel nur total breit ertragen kann, auch wenn es in der polnischen Provinz liegt.