Der deutsch-bengalische Filmemacher Shaheen Dill dokumentiert im bettelarmen Bangladesh ein beunruhigendes soziales Phänomen: Weil die Eltern eine schulische Ausbildung nicht bezahlen können, besuchen immer mehr Kinder eine kostenlose Koranschule, eine Madrasa. Dort lernen sie 12 Stunden am Tag unter ebenso einfachen wie rigiden Bedingungen die über 6000 Verse des Korans auf Arabisch auswendig. Als Lohn dürfen sie sich später "Hafiz" nennen und die Eltern erhalten einen Platz im Paradies. Eine imposante und nachdenkliche Doku, die Armut, den Verlust der Kindheit und die Auswirkungen einer religiös orientierten Erziehung anprangert, aber auch Verständnis und Einfühlungsvermögen für die Not und die allgemeine Situation der Menschen in Bangladesh zeigt.
Das Dokumentarfilmfest in München hat schon seit einigen Jahren den indischen Subkontinent fest im Visier. Ob Indien, Pakistan oder Bangladesh - die radikalen Umwälzungen bei gleichzeitiger Bevölkerungsexplosion bieten faszinierende und beunruhigende Themen. Und immer mehr Filmemacher nehmen sich den immer stärker drängenden Fragen und Problemen an. So präsentierten die Festival-Macher im letzten Jahr Werke über die Poesie und die Philosophie der Bhakti (Word Within The Word), über den Kaschmir-Konflikt (How We Celebrate Our Freedom), über Frauenrechte, Tradition und Moderne (Lakshmi And Me) sowie über Frauen in ungewöhnlichen Berufen (Godesses).
In Bangladesh, einem der ärmsten Länder der Welt, sind die Aufstiegschancen rar gesät. Das staatliche Bildungssystem kostet Geld, das die Masse der muslimischen Bevölkerung nicht hat. Also schicken viele Familien ihre Kinder auf die weitgehend kostenlosen Koranschulen, die Madrasas. Dort lernen Kinder zwei Jahre lang und zwölf Stunden täglich die mehr als 6.000 Verse des Korans auswendig. Auf Arabisch, dessen Sinn sie nicht verstehen, und unter dem Eindruck, dass dies nicht mit "sonderlich pädagogischen Mitteln" geschieht. Ziel der Ausbildung ist der Beruf des Hafiz, des Korankundigen. Für sie und ihre Eltern, die eines oder mehrere Kinder in die Koranschule schicken, bedeutet dies zudem die Hoffnung auf einen Platz im Paradies, was letztlich dem Klostersystem im christlichen Mittelalter recht ähnlich ist.
Dem deutsch-bengalischen Filmemacher Shaheen Dill-Riaz ist es trotz eines allgemeinen Filmverbotes gelungen, eine Drehgenehmigung für eine Madrasa in der Hauptstadt Dhaka zu erhalten. Prompt macht er sich an eine Bestandsaufnahme des Ist-Zustands, beobachtet Lehrer und Schule im täglichen Umgang miteinander, registriert den murmelnden Chor von zahllosen Kindern in den Klassen, die Koranverse rezitieren, während die Männer angestrengt in die Mauer aus Worten hineinlauschen, um Fehler erst sanft und schließlich immer unsanfter zu korrigieren.
Nein, eine Schule nach westlichem Vorbild mit klaren pädagogischen Ansätzen ist dies nicht. Dill-Riaz blickt in angestrengte Kinderaugen, die sich bemühen und doch meist ängstlich wirken. Diese Kinder wissen, dass hier ihre einzige Chance auf eine bessere Zukunft liegt, ob sie wollen oder nicht. Doch der Spaß ist gleich Null und von Kindheit findet sich keine Spur. Zwar bieten viele Koranschulen auch weiterbildende Studien an, die zu anderen Berufen führen. Weil aber die harte Grundausbildung oft den Willen der Kinder zum Lernen zerstört, ist der Prozentsatz derjenigen, die weitermachen, verhältnismäßig klein.
Doch Shaheen Dill-Riaz bricht nicht den Stab über den Koranschulen. Er ist zwar selbst Moslem, doch schickten ihn seine Eltern nie an eine Madrasa. Also forscht er nicht nur Zuhause nach den Gründen über die Popularität und den Einfluss der Koranschulen. Er wendet sich auch an Verantwortliche der Koranschulen und aus dem staatlichen Bildungssystem. Und kommt zu klaren wie erschreckenden Ergebnissen...
Wenn er seinen Film mit den alljährlichen Festivitäten der islamische Missionsgemeinschaft "Tabligi Jamat" in Dhaka eröffnet, kommt dies nicht von ungefähr. Er versteigt sich scheinbar zu der Aussage, dass es früher nicht im Ansatz so viele Menschen mit einem offenen religiösen Bekenntnis gegeben habe. Sein Vater, gläubig ohne der Religion eine dominante Rolle in seinem Leben zu geben, berichtet von den eigenen Erwägungen, den Sohn auf eine Koranschule zu schicken, und der abschlägigen Entscheidung - letztlich, weil man sich das Schuldgeld leisten konnte.
Ein Beamter aus dem Bildungsbereich berichtet von der rasant wachsenden Bedeutung der Koranschulen, die in den Sechziger und Siebziger Jahren noch ein relativ bedeutungsloses Dasein fristeten. So schält sich augenscheinlich die These heraus, dass die Armut des Landes und der Abbau der kostenlosen Bildungsmöglichkeiten zugunsten kostenpflichtiger Angebote, die Koranschulen gefördert haben. Das Resultat ist eine einseitige und nach westlichen Maßstäben wissensfeindliche schulische Erziehung sowie eine zunehmende religiöse Radikalisierung breiter Teile der Bevölkerung, die sich seit mittlerweile mehreren Generationen in einen gefährlichen Fatalismus und nun in einen Fundamentalismus flüchtet. Gleichzeitig kann Dill-Riaz eindringlich klar machen, dass die Koranschulen nicht per se aktiv diesen zunehmenden Fundamentalismus fördern. Sie besetzen nur die Lücken eines bildungsfeindlichen Systems getreu dem Koran, der soziales Engagement und Bildung vorschreibt. Vielmehr vermitteln sie zumindest so etwas wie Hoffnung auf eine Zukunft.
Selten hat ein Film den Zusammenhang von Bildungsmangel, Armut und religiöser Radikalisierung so klar aufgezeigt wie Korankinder. Mit einfachen Mitteln, klaren Bildern und einer klaren Erzählstrategie beweist Regisseur Shaheen Dill-Riaz die gerne zitierte, aber scheinbar ebenso gerne ignorierte These, dass die Investition in Bildung radikale Ideen fernhält, Zukunftschancen eröffnet und den Schlüssel zum Wohlstand bildet.
Dabei ist sein eigener Standpunkt besonders interessant, denn er bietet dem westlichen Betrachter durchaus einen Einblick in das Denken der asiatisch-muslimischen Bevölkerung sowie einen Lösungsansatz in der Diskussion um religiöse Gefühle und dem Problem seiner Radikalisierung als Bedrohung für den Westen. Als Filmemacher nimmt Dill-Riaz eine kritisch-distanzierte Haltung ein. Als Muslim bringt er dem System der Madrasas sowie der Tabligi Jamat auch Respekt entgegen. Er stellt klar, dass sich durch die Koranschulen eine fast vollständige Durchdringung des Alltags durch die strenge religiöse Ideale ergibt, dies aber nur eine Folge aber kein eigentliches Ziel der Organisatoren ist. Auch wenn ambitionierte Kreise dies offen und vehement zur Errichtung eines Gottesstaates ausnützen wollen.
Würde der Staat seine Bildungsaufgaben selbst in die Hand nehmen und die Aufstiegs- und Zukunftschancen nicht durch die Erhebung von Schuldgeld gen Null fahren, könnten mehr Menschen der Armut entfliehen, wäre der Zulauf zu den Koranschulen weitaus geringer und würde sich die Gefahr einer Radikalisierung sowie eines fundamentalistischen Gottesstaates abschwächen. Shaheen Dill-Riaz' so authentisches Korankinder ist ein imposantes Beispiel für diese keineswegs überraschende Entwicklung. So ziemlich jedes muslimische Land der Dritten Welt, das mit Armut konfrontiert ist, erlebt eine ähnliche Entwicklung. Nur die vermeidbaren Folgen sind beängstigend.