Es ist nicht immer notwendig um den halben Erdball zu reisen, um einen Kulturschock zu erleben: Nur ein paar hundert Kilometer ostwärts, in die ehemals blühenden Landschaften des "real existierenden Sozialismus", schon präsentiert sich eine Welt der Vorurteile und des Fremdenhasses; alles Klischee? Wenn jemand dort hineingerät, der einer orientalischen Kultur entstammt, sorgt das in Ossiland für eine gehörige Portion Irritation und verleiht der Song-Zeile I am an illegal Alien..., gleich eine neue Dimension. Salami Aleikum ist wundervolles erfrischendes Kino. Ein Geheimtipp.
Der schmächtige, in Köln lebende, Deutsch-Iraner Mohsen Taheri (Navid Akhavan) ist so recht in keiner Welt zu Hause. Sein Vater (Michael Niavarani) führt eine Metzgerei und Mohsen sollte sich dort als ganzer Kerl beweisen, kann aber den Anblick von Blut nicht ertragen. Er strickt lieber und gibt sich romantischen Tagträumen hin. Sein Vater hält ihn für einen Versager, der die Familie entehrt. Als dieser plötzlich einen Schwächeanfall erleidet und Mohsen die Metzgerei alleine leiten muss, schließt er, da er nicht in der Lage ist, selber zu schlachten, einen zweifelhaften Deal mit einem zwielichtigen Typen ab: der verspricht ihn mit Schafen aus Polen zu beliefern und diese für Mohsen sogar zu schlachten. Einziger Haken: Mohsen muss das Vieh höchstpersönlich aus Polen rüberschaffen.
Weiter als bis zum verschlafenen Kaff Oberniederwalde, im Herzen der ehemaligen DDR, kommt Mohsen aber nicht. Inmitten tiefster ostdeutscher Provinz strandet er mit defektem Kleinlaster. Auf der Suche nach einem Mechaniker, der den Wagen wieder flott bekommt, landet Mohsen bei Ana (Anna Böger). Einer großen, blonden, germanischen Eiche, die zu Zeiten der "SED-Sportförderung" mittels Anabolika zu einer überragenden Kugelstoßerin aufgebaut wurde, aber nach der Wende, mit Einzug der Dopingkontrollen, alle Titel und Medaillen aberkannt bekam. Nun arbeitet sie als Automechanikerin. Für Mohsen sieht Ana dennoch überaus lieblich aus und er sähe es gerne, wenn sie sich neben den Reparaturen am Wagen, auch seines Herzens annehmen würde.
Ana steht den Avancen des merkwürdigen kleinen Mannes mit orientalischem Einschlag aber sehr misstrauisch gegenüber. Schon einmal ist sie schwer enttäuscht worden und hat es kaum verwunden. In Wirklichkeit ist die "blonde Riesin" ein Sensibelchen und sogar Vegetarierin. Anas Vater (Wolfgang Stupph) ist eigentlich auch alles andere als begeistert von diesem liebestollen Fremdling. Um sich die Chancen bei Ana nicht zu verbauen, entschließt sich Mohsen zu verschweigen, dass er eigentlich in Sachen Schlachtvieh-Beschaffung unterwegs ist. Stattdessen behauptet er in der Textilbranche zu arbeiten. Prompt halten ihn alle für einen Investor, der dem abgewirtschafteten Textil-Betrieb, in dem ehemals der ganze Ort Arbeit fand, wieder auf die Beine helfen soll. Und schon schließt Anas Vater ihn in sein Herz, stellt sogar das kleine Restaurant, das er betreibt, auf persische Küche um. Mohsen wagt es nicht, die Situation aufzuklären, zu sehr ist er bereits Ana verfallen und will niemanden enttäuschen, aber die Gefahr lauert: Seine Eltern sind im Anmarsch und es gibt noch einen Nebenbuhler, der Ana nicht kampflos aufgeben will.
Wenn sich deutsche Filme interkulturellen Themen widmen, passiert das oft mit dem mahnenden moralischen Zeigefinger, der sich plump-stereotyper Muster zur Legitimation bedient oder, wenn es etwas humorvoller zugehen soll, verkommt das Ganze meist zum dämlichen Klamauk ohne einen Funken Esprit und Seele. Salami Aleikum beweist, dass es auch anders geht. Allerdings braucht es schon etwas Zeit, bis der Witz richtig zündet. Zu Beginn wirkt der Film etwas bizarr und erinnert an eine Mischung aus einem Musik-Comic-Video im Stile vom Beatles-Klassiker Yellow Submarine und beliebiger Migrations-Klamotte.
Doch nach kurzer Gewöhnungsphase entpuppt er sich als Leckerbissen und führt mit viel augenzwinkerndem Charme an die kulturellen Eigenheiten des Orients und des "Ossilandes" heran. Aus dem Clash of Cultures, der sich auf vielen Ebenen abspielt, sowohl innerhalb der persischen Familie, als auch zwischen Orient und Okzident und Wessis wie Ossis, entwickelt die Geschichte eine hinreißende satirische Dynamik. Gelegentlich wird es leicht derbe bis zuweilen politisch inkorrekt, doch nie verliert sich der Film in boshaften Attitüden. Hier wird liebevoll und mit Könnerhand persifliert.
Manchmal sind die Perser deutscher als die Ossis, die Ossis aufgeschlossener als die Orientalen und der "missratene Sohnemann" wird zur Parodie des weichgespülten modernen Mannes, der zum Stressabbau strickt - viel strickt, während seine hünenhafte Angebetete ihn auf Händen trägt. Alles kommt auf den Tisch und wird ordentlich durchgewalkt: Patriarchales Getue der Orientalen, Fremdenhass, Ostalgie, Deutschland als gelobtes Land und allerorts der Opportunismus, der kulturelle Zwistigkeiten gleich wieder wegwischt. Salami Aleikum ist eine schräge Show ethnischer Manierismen, die alle eines eindeutig aufzeigen: Kultur entpuppt sich mitunter mehr als Sache des Standpunktes, denn der Gene.
Dort wo Bewegung in den Köpfen möglich ist, können die Grenzen zwischen den Welten fallen. Selten wurde das Thema "Völkerverständigung" mit solcher Leichtigkeit interpretiert, mit wunderbaren Darstellern inszeniert und mit treffsicherer Komik aufs Korn genommen. Salami Aleikum ist ein wundervolles Plädoyer für den Schulterschluss der Kulturen und ein Feuerwerk an feinsinnigen Pointen. Wenn dem Film am Ende etwas die Puste ausgeht, ist das dann eine verzeihliche Sünde, da in den ersten beiden Dritteln viel Pulver verschossen wurde. Und natürlich, das sei noch verraten, da es zum Teil ein iranischer Film ist, bleibt eine Bollywood-eske Einlage nicht aus. Applaus, Applaus und bitte bald mehr davon.