Foto-Journalist Yann Arthus-Bertrand widmete sich mit Home einem sehr persönlichen Anliegen: dem Umweltschutz. Mit teils atemberaubenden Luftaufnahmen, seine Spezialität, brachte er Bilder ans Licht, die man wohl vorher so noch nie gesehen hat. Seien es die gerodeten Länder Rapa Nuis oder riesige Treibhausgärten und Viehfarmen. Mit seiner Botschaft der fortschreitenden und sich letztlich wahrscheinlich selbst ausrottenden Industrialisierung avanciert Home zu einem der wichtigsten Filme des Jahres.
"Listen to me", zieht einen Glenn Close gleich zu Beginn in ihren Bann. Es ist ein amerikanischerer Start in dieses interessante Thema oder vielleicht nur ein persönlicherer. Auf jeden Fall sollte gleich vorab gesagt werden, dass man bei Home am besten die langweilige und monotone deutsche Synchronisation unangetastet lässt. Denn der deutsche Sprecher scheint die Kommentierung von Arthus-Bertrands Film eher als Auftragsarbeit angesehen zu haben. Schon allein sein "Dürfte ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten?" ist bei einem derartigen Thema bereits zu viel der Höflichkeit. Denn Home macht im Laufe der nächsten neunzig Minuten klar: um Aufmerksamkeit zu bitten ist zu spät. Dem Thema muss sich gewidmet werden, weshalb Closes "Hören Sie mir zu" sehr viel passender, da aufdringlicher ist.
In den ersten 25 Minuten ist dann von Zivilisationskritik noch nichts zu spüren. Stattdessen resümiert der Film die bisherige Entwicklung des Planeten Erde. Von seinem Beginn aus "Chaos und Feuer" bis hin zu den Cyanobakterien, die als Vorfahren der heutigen Pflanzen gelten und das Speichern der Sonnenenergie möglich machten. Dank ihnen war Photosynthese möglich und dank der Photosynthese Leben. Wobei auch die Photosynthese wie so viel - oder wenn es nach dem Film geht: alles - nur ein Glied in einer Kette von Lebewesen und Ereignissen ist. Alles hat eine Verbindung, eine Beziehung, und nichts ist autark. Der große Kreislauf des Lebens also, wie er auf simpelste Weise bereits in Disneys Der König der Löwen behandelt wurde. Nachdem die Bedeutung von Vulkanen, Meeren und Vegetation hervorgehoben wurde, kann sich Arthus-Bertrand dem wichtigsten Thema widmen. Der vielleicht größten Schöpfung der Erde, dem Menschen, der wohl auch zu ihrem Henker werden wird.
Arthus-Bertrand erzählt vom Agrarbau, der ersten großen Revolution in der Menschheitsgeschichte, und wie er inzwischen zum Krebs des Planeten geworden ist. Wüsten werden mittels Bewässerung zu Farmen umfunktioniert, tausende Treibhäuser für Gemüsezüchtung installiert oder anderswo "Konzentrationslager-ähnliche Viehfarmen" platziert. Einschüchternde Bilder von menschlicher Megalomanie, die Mancher wohl an dieser Stelle zum ersten Mal zu Gesicht kriegt. Das manifestierte Beispiel des Größenwahns ist dann Dubai, die Stadt, in der das Unmögliche möglich gemacht wird. Nichts sei ferner von der Natur als Dubai, erklärt der Film. Und nichts sei gleichzeitig so abhängig von der Natur wie Dubai. Die Stadt muss sich ihre Lebensmittel importieren lassen und auch über Wasser verfügt sie nicht. Dafür kann es sich Dubai leisten, für teures Geld das Meerwasser zu entsalzen, künstliche Inseln ins Meer zu setzen und Hochhäuser zu bauen, deren Spitze von der Kamera fast gar nicht mehr erfasst werden kann.
"Faster and faster", wolle die Zivilisation vorankommen. Immer wieder spricht Glenn Close diese Worte, die sich zum Mantra entwickeln. Schneller und schneller. 100 Millionen Tonnen Fisch werden jedes Jahr gefangen, die Meere sind zu 75 Prozent bereits leer gefischt oder ihre Arten vom Aussterben bedroht. In Indiens Westen sind dreißig Prozent der Brunnen ausgetrocknet, das Bevölkerungswachstum ist größer als das Wasservorkommen. Haiti kann seine Bevölkerung nicht mehr ernähren und das Tote Meer verliert jedes Jahr einen Meter seines Wasserspiegels, weil Israel des Wassers des Jordans bedarf. Es sind teilweise schockierende Wahrheiten, die Home propagiert. Dass Nigeria Afrikas größter Ölexporteur ist, aber siebzig Prozent der Landesbevölkerung in Armut lebt. Der Reichtum sei da, erklärt Close, doch die Einwohner erhalten keinen Zugang zu diesem. Schneller und schneller. Die Regenwälder Borneos werden kaputt gerodet, stattdessen andernorts Eukalyptuswälder gezüchtet, da diese schneller wachsen. Doch ein Wald ersetzt den anderen nicht. Und außerdem sind die Eukalyptusblätter giftig für andere Pflanzen.
Die Menschheit kümmert sich nicht um das, was sie produziert oder besser gesagt: fabriziert. Als Mahnbeispiel werden die Rapa Nui angeführt. Die Zivilisation der Osterinseln, die ihren gesamten Waldbestand so lange gerodet hat, bis es keinen Baum mehr gab. Ohne Bäume konnten keine Boote gebaut werden. Ohne Boote nicht gefischt werden. Ohne Fischerei die Bevölkerung nicht ernährt werden. Die Rapa Nui verschwanden schließlich. Nach uns die Sintflut. Ein Sprichwort, das in einigen Jahrzehnten schon Realität werden könnte. Die Eisoberfläche der Arktis hat in den letzten vierzig Jahren vierzig Prozent an Dicke verloren. Der Nordpol selbst hat in dreißig Jahren dreißig Prozent seiner Oberfläche eingebüßt. Dies führt zu zahlreichen Problemen. Zum einen geht mögliches Trinkwasser in die Meere verloren. Dann wiederum steigt der Meeresspiegel. Elf der fünfzehn größten Städte der Welt, darunter Tokyo, New York oder Rio de Janeiro, liegen an der Küste. Sie werden es sein, die mit dem steigenden Wasserlevel kämpfen müssen. Von dem Einfluss, den dies auf die globale Erwärmung hat, ganz zu Schweigen.
Die Menschheit habe noch nie in einer derartigen Atmosphäre gelebt, erinnert Close. Die Folgen sind momentan nicht absehbar. Denn der Zustand ist schwer zu erfassen. Allein in den letzten fünfzig Jahren hat sich die Weltbevölkerung verdreifacht. Verdreifacht. Während sich die Menschen vermehren, gehen die Ressourcen der Erde zurück. Zwanzig Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen hierbei ganze achtzig Prozent der Ressourcen. Unsere Ausgaben für Waffen übersteigen unsere Entwicklungshilfe um das 12-fache. Täglich sterben 5.000 Menschen an schmutzigem Trinkwasser. Das Schockierende ist: die Regierungen sind sich dessen bewusst. Auch ohne Filme wie Home. Sie entscheiden sich nur dazu, nichts zu unternehmen. Zumindest die meisten von ihnen. Wo andere Dokumentarfilme wie I.O.U.S.A. und dergleichen stets nur konstatieren, ohne Lösungen vorzuschlagen, widmet Arthus-Bertrand die letzten zehn Minuten einigen positiven Beispielen. Zum Beispiel Costa Rica, das sich entschieden hat, sein Militär abzuschaffen und stattdessen das Geld für Umweltschutz und Gesundheit auszugeben. Auch wenn dies bereits 1949 geschah. Und damit vor jenen dramatischen fünfzig Jahren, die das Gesicht dieses Planeten verändert haben.
Mit Home ist Yann Arthus-Bertrand ein bedeutender Film gelungen, der in seinen Bann verschlägt, schockiert und nachdenklich macht. Die Luftaufnahmen sind hierbei teilweise derart schön, dass man den Film stoppen und das Gesehene an die Wand hängen möchte. Auch die musikalische Untermalung ist durchweg stimmig und abwechslungsreich ausgefallen. Dabei kritisiert der Film nicht so sehr den Zustand unserer Heimat als dass er einfach diesen Zustand benennt. Dass es auch anders geht, räumt Arthus-Bertrand zum Schluss ein, wie auch sonst mitunter klar wird, dass die menschliche Existenz auch ihren Preis hat. Problematisch dagegen ist die Finanzierung des Filmes durch die französische Holdinggesellschaft PPR, der unter anderem Gucci und Puma angehören. Der Vorwurf des Greenwashings, also der positiven Presse durch einen minimalen Einsatz für die Umwelt, liegt wohl sehr nahe. So wird ein Unternehmen wie Puma, das in Asien Dumping-Löhne an seine Arbeiter bezahlt, für ein bis zwei Millionen Euro zum Umweltaktivisten. Doch vielleicht ist dies ein Preis, den man zahlen muss, um durch Home ein wenig wach gerüttelt zu werden. Denn noch ist es nicht zu spät. Noch können wir etwas verändern. Ansonsten endet wohl die gesamte Menschheit wie die Rapa Nui.