Der bekannte intellektuelle Pariser Anwalt Beauvois übernimmt in Monaco die Verteidigung einer mondänen Dame, die ihren Liebhaber ermordet haben soll. Doch statt sich um den Fall zu kümmern, verliebt er sich lieber in sexy Wetterfee Audrey, die unbedingt ein Star in Paris werden will. Selbst sein Bodyguard Christophe kann nicht verhindern, dass sich der ältere Beauvois erst in die Arme des jungen Mädchens, danach in jede Party und schließlich ganz in die Lächerlichkeit stürzt. Anne Fontaine erzählt in ihrer hintersinnigen Tragikomödie Das Mädchen aus Monaco von der Vernunft zerstörenden Kraft der Liebe älterer Herren.
Einen Rechtsanwalt spricht man in Frankreich hochachtungsvoll mit "Maitre" an. Ein besonders bekannter und berühmter Pariser Advokat ist Bertrand Beauvois (Fabrice Luchini). Gerade wurde der Maitre für die Verteidigung von Madame Lassalle (Stéphane Audran) im Fürstentum Monaco engagiert. Die hat angeblich ihren Liebhaber ermordet. Weil Monaco aber nicht Paris ist, erhält Bertrand vom Sohn der Angeklagten (Gilles Cohen) den Bodyguard Christophe Abadi (Roschdy Zem) an die Seite, was den feinsinnigen Gentleman ganz schön irritiert. Vielleicht liegt es an dieser nun so exponierten Stellung oder nur an der Eleganz der monegassischen Metropole, ganz bestimmt liegt es aber auch an der sexy Wetterfee Audrey (Louise Bourgoin), dass Bertrand aus seinem inneren Gleichgewicht geworfen wird.
Statt sich auf den Fall vorzubereiten, folgt er seit der ersten beiläufigen Begegnung dieser ehrgeizigen jungen Frau wie hypnotisiert, obwohl sie eigentlich gar nicht sein Typ ist. Audrey hingegen ist sich schon nach ein paar Sekunden sicher. Sie würde alles tun, um ein Star zu werden, um aus Monaco heraus und in die Metropole Paris hinein zu gelangen. Anfangs ist Bertrand über die entwaffnende Umgarnung amüsiert, aber bald helfen auch Christophes Warnungen nichts mehr. Und der hatte immerhin bereits eine Affäre mit Audrey.
Schon leidet die Arbeit, entdeckt Bertrand lieber die sinnlichen und anderen Freuden des Lebens als sich auf den Gerichtstag vorzubereiten. Schließlich beginnt er sich lächerlich zu machen und kann doch nichts dagegen tun. Nicht einmal widersprechen kann er, nur Christophe um Hilfe bitten.
Der schüchterne Intellektuelle des französischen Kinos heißt schon seit Jahrzehnten Fabrice Luchini. Er erweist sich, wie so oft, als Idealbesetzung für diese französische Version des alten Professor Unrat, der in Heinrich Manns gleichnamiger Novelle einem jungen Varieté-Mädchen verfällt. Doch anders als Marlene Dietrich in Von Sternheims Der Blaue Engel (1930) ergeht sich ihre Enkelin Louise Bourgoin auf der Leinwand nicht in Harmlosigkeiten. Sie ist purer, kalkulierter Sex, frei von Naivität und Moral. Sie becirct mit entwaffnender Attraktivität und Offenheit. Man kann es nachvollziehen, dass der arme Intellektuelle, der sich vor der Körperlichkeit im Allgemeinen und den Frauen im Besonderen fürchtet, wie von einem Magnet zu ihr hingezogen wird.
Die Filmemacherin Anne Fontaine hat sich diese geistreiche Komödie ausgedacht und gemeinsam mit Benoit Graffin auch das Drehbuch geschrieben. Nach dem schwülstigen Nathalie (und kurz vor dem glamourösen Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft) erzählt sie diesmal ungleich beschwingter vom Aufblühen der Lust und der Lebensfreude sowie dem rapiden Ausfall der Vernunft, wenn unerfahrene Männer plötzlich lieben. Federleicht und mit herrlicher bis frivoler Situationskomik reißt sie die Zuschauer mit sich. Luchini redet sich um Kopf und Kragen, Christophe bebt innerlich und Audrey hat mächtig Spaß.
Viele Passagen erinnern, nicht nur wegen der Bodyguard-Situation, an Agnès Jaouis Lust auf Anderes. Auch Anne Fontaine umreißt verschiedene Beziehungsthemen aus Männersicht. Doch ist Fontaines Hauptfigur kein tumber Kerl wie Jean-Pierre Bacris Castella, der erst die Kultur entdecken muss, um sich zu verlieben. Er ist vielmehr der smarte Bourgois, der in herrlicher Selbstüberschätzung glaubt, dass ihn eine Blondine, die ihm intellektuell nicht das Wasser reichen kann, auch sonst nicht übertölpeln könnte. Bertrand ist ein moderner Swann (nach Marcel Proust), dessen Selbstgefälligkeit von der Liebe ausgehebelt wird.
Fontaine inszeniert den Maitre aber nicht als trockenen Fisch, der sich in der öden intellektuellen Tiefsee tummelt. Auch das Gegenteil, die Banalität, ist nicht der Fall, selbst wenn die Filmemacherin immer wieder die Mechanismen des Boulevardschauspiels bemüht. Bei aller Partystimmung umweht den Advokaten immer eine gewisse Melancholie, so als ob er wüsste, dass sein Tun nicht ohne Konsequenzen bleiben wird. Der unterschwellige Ernst zeigt sich die gesamte Spielzeit über in subjektiven Kameras und in ominösen Bildwinkeln. Es sind kleine Hinweise. Sie führen dazu, dass man sich gleichermaßen überrascht und in seinen düsteren Vorahnungen doch bestätigt fühlt, als Kehrtwendung schließlich eintritt.
Anne Fontaine gelingt es, sowohl exzellent zu unterhalten als auch sanft nachdenklich zu stimmen. Ein feiner, sehenswerter Balanceakt, nicht nur für Freunde der gehobenen französischen Unterhaltung.