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Schande

(Disgrace, 2008)

Dt.Start: 17. September 2009 Premiere: 06. September 2008 (Toronto Film Festival, Kanada)
FSK: ab 16 Genre: Drama
Länge: 118 min Land: Australien, Südafrika
Darsteller: Paula Arundell (Dr Rasool), Scott Cooper (Student), Eriq Ebouaney (Petrus), Jessica Haines (Lucy), John Malkovich (David Lurie), Fiona Press, Monroe Reimers, Charles Tertiens (Ryan)
Regie: Steve Jacobs
Drehbuch: J.M. Coetzee, Anna Maria Monticelli


Inhalt

Der alternde Professor David Lurie findet nur noch wenig Erfüllung im Leben. Als auch noch seine Affäre zu einer Studentin auffliegt, verlässt er die Universität und hofft auf der Farm seiner Tochter Lucy auf einen Neuanfang. Statt Ruhe und einer Zuflucht findet er dort aber etwas ganz anderes: Mitten in der Abgeschiedenheit der Ostkap-Provinz ist das gesellschaftliche Leben so kurz nach der Apartheid immer mehr aus den Fugen geraten.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Schande hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 92%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Schande hat eine Wertung von 92%
Die Apartheid gilt offiziell in Südafrika als abgeschafft. Die friedliche und gleichberechtigte Koexistenz der weißen und schwarzen Bevölkerung ist aber immer noch Utopie. Weiße Männer in Positionen mit gesellschaftlicher Macht nutzen ihre Privilegien immer noch aus; anderswo leben die Weißen in höchster Gefahr. Der Literaturprofessor David Lurie erlebt beide Seiten und wird mit Realitäten konfrontiert, die so gar nicht in sein Weltbild passen. Schande stellt das Überlegenheitsgefühl der ehemaligen Herren auf den Prüfstein und zeigt die Grenzen der Wandlung Südafrikas. Die schwarze Bevölkerung wird aber keinesfalls verklärt. Täter finden sich auf beiden Seiten. Feiner Film mit langem Nachwirkeffekt.

Bild aus Schande Ein Film, der ohne Effekttheater, große Gesten und Theatralik sowie vordergründiger Dramaturgie auskommt und trotzdem eine nachhaltige Wirkung und das Gefühl einer gewissen Ehrfurcht vor der Leistung hinterlässt, das muss schon großes Kino sein. Purismus alleine erzeugt diese Emotionen allerdings nicht. Bei Schande gibt es viele Feinheiten zu bestaunen: schon die Kamera schafft völlig unangestrengt und ohne gezwungen Spannung einbringen zu wollen, eine mächtige und tragende Grundstimmung. Die schiere Weite und karge Schönheit der gezeigten Landschaften Südafrikas tragen wie selbstverständlich dazu bei. Selten zuvor wurde aus Perspektive und dem eingesetzten Spiel aus Schärfe und Unschärfe so viel gemacht. Und gerade letzteres spiegelt, in wundervoller Weise, das Innenleben der Figuren wieder. Zu Beginn allerdings, wähnt sich der Zuschauer in einem anderen Film: inmitten eines städtischen Dramas, in dem ein Universitätsprofessor seine Position für die Erfüllung seiner sexuellen Vorlieben ausnutzt.

In Südafrika sind die Zeiten der Apartheid, der strikten Trennung zwischen weißer und schwarzer Bevölkerung und der Entrechtung letzterer, vorbei - scheinbar. An der Universität in Kapstadt unterrichtet der 52-jährige Literaturprofessor David Lurie (John Malkovich). Er ist geschieden und macht keinen besonderen Hehl aus seiner Vorliebe für junge Frauen. Besonders für solche, mit milchkaffeefarbener Haut. Regelmäßig besucht er die Prostituierte Soraya, die genau in dieses Schema passt; als diese ein paar Wochen keine Zeit hat, sucht er sich Ersatz: Die junge Studentin Melanie Isaacs (Antoinette Engel), die eines seiner Seminare besucht, will er verführen. Aus Angst vor dem Einfluss auf ihre Noten, gibt sich Melanie ihm hin; sie hofft, Lurie wird sich schnell sättigen und bald von ihr ablassen. Diesmal aber scheint aus Luries Obsession mehr geworden zu sein: Der alternde Don Juan entflammt in Begehren und Leidenschaft. Melanie aber will so nicht weiter machen und meldet ihren Lehrer der Universitätsleitung.

Lurie wird vor ein Komitee zitiert. Kurzerhand bekennt er sich schuldig. Ich wurde zu einem Diener des Eros, gibt er sich dabei trocken und lakonisch. Reue zu zeigen, lehnt er aber ab: Eher lass ich mich öffentlich erschießen! Der Mann, der stets ein Buch des englischen Dichters Byron mit sich trägt, wie andere eine Bibel, lebt in versnobten Elfenbeinturmwelten, die sich nicht allzu viel um weltliche Moral scheren. Nachdem ihm das Komitee nahe legt, seinen Posten niederzulegen, fährt Lurie aufs Land, um seine Tochter Lucy (Jessica Haines) zu besuchen. Die lebt abgeschieden in einer wunderschönen Einöde und bewirtschaftet ein kleines Stück Land. Kaum aber, dass Lurie ankommt, zeigt sich, dass dort eine andere Form der Lebensrealität vorherrscht. Dort kehren sich die Machtvorzeichen um: Weiße können schnell zu Freiwild werden und eine junge weiße Frau erst recht. Für Lurie werden die kommenden Erfahrungen, in all ihrer Härte und Brutalität, zum persönlichen Prüfstein: Läuterung oder Rache, manchmal liegen diese beiden Seiten näher beieinander, als auf den ersten Blick abzusehen ist.

Nahezu unmerklich dreht sich der Film: Wirkte anfänglich Malkovichs Figur versnobt überlegen, stets Byron zitierend und von überirdischen, selbstgefälligen Moralvorstellungen getragen, verliert sie sich nun in einer Welt, die sich der Kontrolle durch die "weißen Herren" entzieht. Der ehemals elitäre, mit Macht ausgestattete, Dandy, klammert sich immer noch an seine "intellektuelle Überlegenheit". Das wirkt absurd und surreal und steht sinnbildlich für die Hoffnungslosigkeit der Weißen, die ihre anerzogene Rolle weiterzuspielen versuchen und dabei nicht merken, dass sie längst den Boden unter den Füssen verloren haben. In der weiten großen Leere wirkt Lurie verloren und hilflos und eben hier zeigt sich, wie viel Malkovich imstande ist, aus diesen wenigen dramaturgischen Ankerpunkten zu zaubern: Ein Blick, ein kleines Mimikspiel, eine fragile Geste: und doch mehr schauspielerische Ausdruckskraft, als von manch einem Hollywoodmimen in einem ganzen Film zu erwarten ist. In Schande zeigt sich der beste Malkovich seit langem, vielleicht sogar überhaupt.

Der, mit dem Nobelpreis für Literatur prämierte, J. M. Coetzee, schuf die Literaturvorlage, die in Südafrika sogar für heftige Parlamentsdebatten sorgte. Der ererbte Hass und der existenzielle Kampf zwischen Weiß und Schwarz treten offen zu Tage. Es scheint nichts zu existieren, was das wirklich beenden könnte. Es gibt kein "sich richtig Verhalten". In diesem Konflikt sind beide Seiten gefangen. Den Kontrast zu dieser Gewalt bilden die wunderschönen Landschaften, wirken außerweltlich bezaubernd und friedlich. Doch diese ganze Pracht vermag am Ende eine Frage nicht schlüssig zu beantworten: Warum und wie viel ist ein Mensch bereit zu erdulden, um an dem Fleck zu leben, den er sich ausgesucht hat? Luries Tochter Lucy zahlt im Verlauf des Films einen immens hohen Preis, für ihre Beharrlichkeit. Und fast mutet ihre Leidenswilligkeit wie ein Christus-Komplex an. Das ist vielleicht auch der einzige Makel, den man am Film finden kann, wenn man den will.

Diese Entschlossenheit all das hinzunehmen, regelrecht Buße zu tun für die Kollektivschuld aller Weißen, würde man eher in einem Film mit parabelhafter Erzählstruktur erwarten. Aber ob der Film nun dort eine Antwort schuldig bleibt oder nicht, Schande ist auf jeden Fall für alle uneingeschränkt empfehlenswert, die einen Film suchen, der auf vielen Ebenen zum Nachdenken anregt und der, sofern er überhaupt mit Stereotypen aufwartet, diese tatsächlich aus einem realen gesellschaftlichen Kontext gewinnt. Das ist ganz feines Kino, von dem man sich mehr wünscht.



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