Das übliche Bild vom Mittelalter ist das einer wissenschaftlich rückständigen Epoche. Adel und Klerus teilen sich die Macht, und die Kirche hält mit eiserner Hand alles Wissen unter Verschluss. Es gilt die Doktrin, Wissen, welches nicht durch göttliche Offenbarung zum Menschen gelangt, ist des Teufels. In dieser Zeit wirkt die Ordensfrau Hildegard von Bingen als von Gott inspirierte Seherin und Heilerin und hinterlässt einen Wissensschatz von dem heute noch gezehrt wird. Interessanter Film mit guten Ansätzen, der aber vieles nur streift und nicht wirklich beweist, dass er auf die große Leinwand gehört.
Die einem adligen Geschlecht entstammende Hildegard von Bingen (1098 - 1179) wächst ab ihrem achten Lebensjahr in einem "gemischtgeschlechtlichen" Benediktinerkloster auf. Gemeinsam mit einem anderen jungen Mädchen wird sie Jutta von Sponheim (Mareile Blendl) anvertraut. Daraus erwächst bald eine intensive "Mutter-Tochter-Beziehung", die ein Leben lang hält. Nach dem Tod ihrer Mentorin nimmt sie deren Platz in der Klosterhierarchie ein. Zu dieser Zeit rät ihr auch der befreundete Mönch Volmar (Heino Ferch), die göttlichen Visionen, welche ihr seit frühester Jugend zuteil werden, zu veröffentlichen.
Meine Eltern weihten mich Gott unter Seufzern, und in meinem dritten Lebensjahr sah ich ein so großes Licht, dass meine Seele erzitterte..., heißt es später in ihrer Autobiographie. Doch solches vor den hohen Herren der Geistlichkeit zu äußern, ist sehr gefährlich - ganz besonders als Frau. Wer zu Gott spricht, ist religiös; wer glaubt Gott spräche zu ihm, vermutlich wahnsinnig oder es ist nicht Gott, der da spricht. Was davon zutrifft, müssen die Kirchenoberen entscheiden. Die Beschreibung der Visionen ist aber von solch einer Reinheit, dass ihr die Erlaubnis, sie niederzuschreiben und zu veröffentlichen, nicht verwährt bleibt; zumal es eine gute "PR" darstellt und sich damit spendable Gönner fürs Kloster finden lassen. Vielleicht hat es auch geholfen, dass Hildegard gleich hoch pokert und sich im Vorfeld an einen Geistlichen wendet, der dem Pabst recht nahe steht. In den Jahren die folgen, wird sie jedenfalls noch einige Male von sich Reden machen. Nicht zuletzt im Kampf um einen eigenen Weg der Frauen innerhalb der patriarchal strukturierten Kirche, der dazu führt, dass sie im Jahre 1150 ein Frauenkloster gründet, dem sie als Äbtissin vorsteht.
Hildegard von Bingen gilt als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Mittelalters: Als Spross einer adeligen Familie genoss sie eine gute Bildung, die hinter den Klostermauern vervollkommnet wurde. Wenn zu dieser Zeit einer Universität etwas nahe kam, dann ein Kloster. Dort wurde alles Wissen konserviert, inklusive dem, das niemals in die Köpfe des einfachen Volkes gelangen sollte. Hildegard von Bingen beschäftigte sich neben der Medizin, mit der sie heutzutage spontan in Verbindung gebracht wird, in ihren Werken mit Religion, Musik, Ethik und Kosmologie. Zu ihrer späteren Lebenszeit war sie obendrein als Predigerin und Seelsorgerin unterwegs. Und sogar bei Esoterikern steht die Ordensfrau hoch im Kurs: In ihre Heilkunde schloss sie beispielsweise auch Edelsteine mit ein; eine Art Frühform einer "energetischen Lehre".
Diese Aspekte werden alle mehr oder minder von Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen gestreift. Anspruch auf Vollständigkeit erhebt der Film nicht. Dafür wäre durchaus ein Mehrteiler notwendig gewesen. Ein wesentlicher Aspekt des Films von Margarethe von Trotta (Rosa Luxemburg), der sich an den historischen Eckdaten entlang hangelt, ist die Beziehung zu ihrer Mentorin Jutta von Sponheim, welche sich später in ihrem eigenem Verhalten als Lehrerin spiegelt: Als die 16-jährige quirlige Richardis von Stade (Hannah Herzsprung) von ihrer Mutter (Sunnyi Melles) ins Klöster gebracht wird, da sich diese nichts mehr sehnt, als von Hildegard als Novizin unterwiesen zu werden, entwickelt sich zwischen Lehrerin und Schülerin ein inniges Verhältnis, das erneut an eine Mutter-Tochter-Beziehung erinnert; diesmal ist Hildegard allerdings in der Mutterrolle. Und hier erlebt man in der Zuspitzung, als Richardis Jahre später das Kloster verlassen soll, um selber Äbtissin zu werden, eine Hildegard, die so gar nicht mehr sympathisch ist und voll egoistischer Liebe den Weggang ihrer Schülerin verhindern will. Zu deren wohl, wie sich später herausstellt.
Die Fähigkeit, die Dinge, welche kommen sollten, zu erahnen, wird aber nur ganz sacht behandelt. Die Frage stellt sich, ob von Trotha das nicht wollte oder nicht wusste wie? Hildegard von Bingen gilt als Seherin. Der Film erzählt davon, explizit mit dem Motiv arbeitet er aber nur selten - bis auf eine Szene, die farbenfroh irgendwo zwischen LSD-Trip und Zeugen-Jehova-Kalender angesiedelt ist (weder soll das erste dabei verharmlost, noch der Wert des letzteren gemindert werden).
Ein anderes Motiv, das unterschwellig immer wieder eingeflochten wird, ist die Rivalität des zweiten Ziehkindes Jutta Sponheims, das sich immer zurückgestellt fühlte und auch als Erwachsene Ordensschwester Hildegard den Erfolg zu missgönnen scheint. Dieser interessante Strang (historisch aber wohl kaum belegt) verharmlost leider im Verlauf zusehends und klingt schlussendlich in einer platt-positiven Wendung aus. Die politischen Querelen der Zeit werden dafür etwas besser beleuchtet: Religion war damals Politik und ebenso Geschäft. Hier gelingt es tatsächlich einer Lebensrealität, die fast 1000 Jahre vergangen ist, Substanz zu verleihen. Und so fremd ist das "Geklüngel" zwischen Adel und Klerus dann auch wieder nicht. Ähnliches spielt sich heutzutage zwischen Politik und Wirtschaft alltäglich ab.
Alles in Allem wird vieles angerissen, aber ein eher holpriges Portrait der Zeit und der Ordensfrau Hildegard von Bingen skizziert. Zeitsprünge von wiederholt mehreren Jahren erschweren das Verständnis obendrein. Besonders hakt es aber an der Atmosphäre und dem Bild des Mittelalters: So recht hineinversetzt fühlt man sich nicht, und das mitunter etwas absonderliche Ausleben des Glaubens, des Kreises um Hildegard, entbehrt für den Otto-Normal-Cineasten unfreiwillig komischer Einlagen nicht. Damit zeigt sich, dass dieser Filmstoff tatsächlich eher für den speziell interessierten Kinogast gedacht ist, der auch ein wenig über Hintergrundwissen und die nötige Grundeinstellung verfügt. Der schlichtweg Unterhaltungssuchende ist hier eher verkehrt am Platz.