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Hunger

(Hunger, 2008)

Dt.Start: 13. August 2009
DVD: 09. Juli 2009
Premiere: 15. Mai 2008 (Cannes Film Festival, Frankreich)
FSK: ab 16 Genre: Drama
Länge: 96 min Land: UK, Irland
Darsteller: Michael Fassbender (Bobby Sands), Stuart Graham (Ray Lohan), Helen Madden (Mrs Sands), Des McAleer (Mr Sands), Liam McMahon (Gerry), Laine Megaw (Mrs. Lohan), Brian Milligan (Davey), Lalor Roddy (William)
Regie: Steve McQueen
Drehbuch: Steve McQueen, Enda Walsh


Inhalt

1981 leitet der IRA Kämpfer Bobby Sands zusammen mit mehreren Mitinsassen im Maze Gefängnis, Nordirland, einen selbstzerstörerischen Hungerstreik gegen die alltägliche Gewalt und den Machtmissbrauch seitens der Gefängnisleitung und ihrer Justizvollzugsbeamten. Sein Ziel ist die Erlangung des Status eines politischen Gefangenen, doch bevor er es erreichen kann, verhungern Sands und neun seiner Mitstreiter.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Hunger hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 62%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Florian Lieb
Hunger hat eine Wertung von 62%
Steve McQueen ist tot und er hat nicht irgendwann einmal Regie bei einem Film geführt, der erst jetzt veröffentlicht wurde. Zwar heißt auch hier der Regisseur Steve McQueen, aber heutzutage ist ohnehin alles so verwirrend. Besonders wenn deutschstämmige Schauspieler irische Sozialhelden portraitieren. Und nicht minder, wenn der Film, der dabei herauskommt, ohne politische Vorkenntnis nicht unbedingt einzuordnen ist. Da hilft es erst recht nicht, wenn Regisseur McQueen seinen Film mit unterschiedlichen Facetten versieht. Diese sind zwar individuell betrachtet durchaus ansehnlich und in ihrem jeweiligen Subgenre verhaftet, doch schlüssig wirkt das Ganze hinterher nicht.

Bild aus Hunger Den Beginn macht ein Mann oder besser gesagt eine Hand. An den Knöcheln leicht aufgeplatzt wird sie in ein Becken mit kaltem Wasser getaucht. Anschließend geht dieser Mann namens Ray Lohan draußen eine Zigarette in der Kälte rauchen. Es offenbart sich einem zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass man hier dem Antagonisten des Filmes begegnet. Dabei spielt Lohan, einer der Gefängniswärter in Maze Prison, einem paramilitärischen Gefängnis für IRA-Terroristen, nur eine untergeordnete Rolle in Hunger. Genauso wie Davey, der als neuer Häftling eingeliefert wird. Genauso wie dessen Zellenmitbewohner Gerry. Die erste halbe Stunde seines Filmes präsentiert McQueen dem Publikum Davey als Identifikationsfigur, nur um sich in der restlichen Stunde seiner Geschichte nicht mehr mit diesem zu beschäftigen.

Vielmehr beginnt nach dreißig Minuten der Fokus auf einmal einem anderen Häftling zugewendet zu werden. Bobby Sands ist bereits zum zweiten Mal wegen illegalen Waffenbesitzes inhaftiert. Er zählt zur verhärteten Front, die aus Protest ihre Zellenwände mit den eigenen Exkrementen vollschmieren und später ausflippen wie ein Berserker, als das Gefängnis die Wände neu streicht und sogar mit Betten und Tischen versieht. Richtig hübsch sah das aus, aber die Insassen ziehen es vor sprichwörtlich in ihrer eigenen Scheiße zu wohnen. Das verwundert den Zuschauer. Das stößt ihn ab. Man kann schwer mit einer Figur mitfühlen, die sich wie Rumpelstilzchen benimmt und dabei die eigene Hand in den Arsch steckt. Zwar blendet McQueen zu Beginn kurz ein, zwei Sätze zur Lage ein, doch einem Menschen in Chile oder Südkorea dürfte dies wenig Verständnis über die nordirische Situation Anfang der achtziger Jahre beibringen.

Mit Hunger widmet McQueen sich dem zweiten Hungerstreik der Gefängnisinsassen des Maze Prison von 1981. Die IRA-Terroristen wie Bobby Sands verlangten keine Gefängniskleidung tragen zu müssen und auch von Häftlingsarbeit verschont zu bleiben. Nur zwei von mehreren Forderungen und wenn man sich an Großbritannien im Thatcherismus erinnert, kann man sich vorstellen, dass keine dieser Forderungen akzeptiert wurden. Mit Hunger führt der Regisseur den Zuschauer in diese Welt ein, präsentiert in der ersten halben Stunde ein klassisches Gefängnisdrama, in welchem die Insassen misshandelt, geschlagen, getreten und erniedrigt werden. Bei der wöchentlichen Kontrolle untersucht Lohan die Häftlinge rektal auf Gegenstände und schreitet direkt danach dazu über, ihnen in den Mund zu schauen. Die Handschuhe wechselt er während dieser Prozession nicht.

Dann beginnt sich die Handlung des Filmes zum ersten Mal zu wenden. Der Fokus rückt von Davey auf Bobby Sands und dies sehr plötzlich. Die Idee zu einem Hungerstreik keimt auf. Wieso genau wird nicht erklärt. Die berühmte Sequenz steht nun bevor: eine einzelne ungeschnittene Aufnahme von 17 Minuten Dauer zwischen Fassbender und Liam Cunningham. Vier Versuche hat es gebraucht und mehrere Wochen Vorbereitung. Frontal nimmt McQueen die beiden Männer auf, die im Film selbst Sands und den zur Konsultation einberufenen Priester Father Moran darstellen. Die beiden Männer reden über den Hungerstreik, über Sands Inhaftierung und die Sache der IRA. Doch die Hintergründe werden nicht wirklich aufgedeckt und die Szene geht auch weitaus länger, als die bloße 17-minütige Einstellung. Wie es zu dieser kam, bedenkt man die Misshandlung der Häftlinge durch die Wärter zuvor, bleibt verwunderlich.

In seinem letzten Filmdrittel macht McQueen dann einen Sprung. Sands befindet sich bereits seit einigen Tagen im Hungerstreik und weist bereits Körpermerkmale auf. Die folgenden Minuten widmen sich ganz dem Todeskampf des IRA-Häftlings, selbstverständlich ohne großartige Erläuterungen. Nicht nur wird abgesehen von der gut halbstündigen Dialogszene fast kein Wort gesprochen in Hunger, sondern auch nicht viel erklärt wenn denn mal gesprochen wird. Weder wird auf andere Hungerstreiker eingegangen, noch auf den Effekt, den Sands Tat auf die anderen Häftlinge, Wärter, Mitterroristen oder die britische Regierung hatte. McQueen verfolgt lediglich die Abmagerungskur Fassbenders mit der Kamera. Dabei steht auf formaler Ebene jedes Drittel in Hunger für sich selbst. Das radikale, provozierende Stück der Aufzeigung von Missständen, der scheinbar hintergründige Dialog über das Wieso und Warum und jene Chronik von Sands allmählichem Tod.

Oft wirkt es so als würde McQueen voraussetzen, dass der Zuschauer weiß, wer Bobby Sands ist und wie der Hungerstreik 1981 verlaufen ist. So mutet sein Film die meiste Zeit an. Vorwissen über die politische Lage in Nordirland und den Kampf der IRA ist hier klar von Vorteil. Dahingehend kann der Film auch nicht vollends überzeugen, zu unterschiedlich das Gesamtprodukt, zu inhaltsleer die Intention des Werkes. Hier stirbt ein Mensch, das sieht man, nur ist es einem relativ egal. Ein Häftling, der zuvor mit seiner eigenen Scheiße seine Wand angeschmiert hat, weigert sich jetzt zu essen, weil er seine eigenen Klamotten anziehen will. Schwerer kann man den Zugang zu einer Figur, die durchaus eine Agenda besitzt, nicht gestalten, wenn man dem Publikum diese Agenda vorenthält. Dabei spielen die Darsteller allesamt gut, beeindruckend ist speziell Fassbenders Engagement, das an Christian Bales Beitrag in Der Machinist erinnert. McQueen liefert mit Hunger einen Beitrag zur nordirischen Geschichte ab, das weitaus mehr Potential gehabt hätte.



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