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Wenn einen das Fernweh packt, steigt man einfach in einen See und taucht auf der anderen Seite der Erde aus einem anderen wieder auf. Die Geister werden einen schon beschützen. Klingt nach einer Legende, Alfonsina glaubt aber daran, dass ihr deutscher Großvater genauso aus Bayern nach Bolivien kam. Und wie er, spürt auch sie das Fernweh in ihrem Innern lodern. Schreibe mir - Postkarten nach Copacabana ist originelles Kino, das sich wenig um klare Erzählstrukturen schert und einfach mit einer poetischen und etwas mystischen Geschichte bezaubern möchte. Mal was anderes, aber schön.
Die Copacabana liegt bekanntermaßen in Rio de Janeiro in Brasilien. Aber nicht dort allein: Neben der ersteren, weltbekannten, gibt es noch ein kleines unbekanntes Städtchen in Bolivien auf 4.000 Meter Höhe, gleich neben dem Titicaca-See, das diesen Namen trägt. Vor einigen Jahrzehnten marschierte der bayerische Bursche Alois (Florian Brückner/Luis Bredow) los, stieg in einen Bergsee seiner Heimat und tauchte aus dem Titicaca-See wieder auf - behauptet die Legende. Kaum war er aus dem See gestiegen, begegnete ihm das hübsche Indio-Mädchen Elena (Agar Delos). Und prompt machte der schneidige Alois auf Elena soviel Eindruck, dass aus den beiden ein Paar wurde, und eine Liebe begann, die ein Leben lang hielt und so stark war, dass Elena sogar bayerisch kochen lernte, da ihr Alois dies so gern mochte.
Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Alois ist verstorben und in dem kleinen Haus leben nur noch Elena, ihre Schwiegertochter Rosa (Carla Ortiz), die als Stewardess arbeitet und Elenas und Alois einzigen Sohn heiratete, einen Flugkapitän, der vor einiger Zeit verunglückte. Und natürlich ist da noch Alfonsina (Julia Hernandez), die 14-jährige Tochter Rosas und Elenas heißgeliebte Enkelin. Alfonsina glaubt die Legende, dass ihr Großvater in einen See in Oberbayern stieg und aus dem Titicaca-See wieder auftauchte; oft stellt sie sich vor, wie das gewesen sein muss und wie es in Alois Heimat und an vielen anderen exotischen Orten aussieht. In ihr lodert ein furchtbares Fernweh: Sie würde gerne die ganze Welt bereisen und da ihr das nicht vergönnt ist, sammelt sie wie eine besessene Postkarten aus aller Herren Länder. Eines Tages begegnet ihr Daniel (Friedrich Mücke), ein junger Zoologiestudent aus München und Alfonsina verguckt sich gleich etwas in ihn. Ob sich die Geschichte ihrer Großmutter eine Generation später wiederholt? Doch am liebsten würde sie doch die Welt bereisen - vielleicht gemeinsam mit Daniel.
Charme, Charme, nochmals Charme und die besondere eigene Note, davon lebt jeder Film. Und davon hat Schreibe mir - Postkarten nach Copacabana jede Menge: sympathische Schauspieler, bunte Bilderpracht in kuriosem Ethno-Mix, atemberaubende Andenpanoramen begleitet von wunderschöner landestypischer Musik - die zuweilen mit bayerischen Blaskappeleneinlagen auf Kollisionskurs gerät - und die besondere Kombination von Motiven, die man so nicht alle Tage sieht. Eine Story gibt es irgendwie auch, vielleicht sogar gleich mehrere davon, was dem Film eine gewisse Richtungslosigkeit verleiht: Zum einen sicherlich Coming-of-Age-Story, gespickt mit Motiven der Selbstfindung, des Erwachsenwerdens, der ersten großen Liebe, Vorstellungen von Sex, Wünschen und Erwartungen; ganz gleich ob in Bolivien oder in Bayern: Das läuft immer ähnlich ab.
Ein anderer Teil von Schreibe mir - Postkarten nach Copacabana ist dem Familiendrama geschuldet: Zwei Frauen, die beide ihren geliebten Gatten verloren haben; die eine ist noch jung und attraktiv, aber die Wahlmöglichkeiten in solch einem kleinen abgeschiedenen Ort sind nicht gerade üppig; die andere hütet ihre Erinnerungen wie einen Schatz und hat sich in eine Art Geisterrealität geflüchtet, in der ihr Alois immer noch präsent ist und sie mit ihm reden kann.
Zwischen diesen beiden Hauptsträngen gibt es allerlei üppiges Ethno-Colorit und Culture-Clash: Indianische Frauen, die gerne mit Passt scho antworten und Semmelknödel zubereiten, einerseits erzkatholisch sind, aber schamanistischen Bräuchen nachgehen, seltsame Heilige anbeten und am liebsten kitschige Telenovelas schauen. Manchmal verliert sich der Film in diesem illustren Reigen. Und nicht alles scheint sorgsam durchdacht zu sein: Für Irritation sorgt die kleine Liäson zwischen der 14-jährigen Alfonsina und dem gut zehn Jahre älteren deutschen Studenten. Seitens des Mädchens mag diese erste romantische Erfahrung naiv unschuldig wirken, aber die Vorstellung, dass der junge Mann mit dem Gedanken spielen könnte, etwas mit ihr anzufangen, könnte beim europäischen Zuschauer etwas Naserümpfen produzieren. Hier wäre aus dem mitt-zwanzigjährigem Studenten wohl besser ein 16-jähriger Schüler-Tourist gemacht worden.
Dennoch behält der Film seine Existenzberechtigung. Trotz solcher Mankos und etwas konfus-richtungslosem Plot sowie einer merkwürdigen spirituellen Metaebene, die gar nicht recht erklärt oder begründet wird, macht Schreibe mir - Postkarten nach Copacabana Spaß. Es ist sicherlich kein Kino der großen Momente, aber eine feine Drei-Generationen-Geschichte mit einem nicht alltäglichen kulturellen Schulterschluss zwischen Bolivien und Bayern. |