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Wüstenblume

(Desert Flower, 2009)

Dt.Start: 24. September 2009
DVD: 03. März 2010
Premiere: 24. September 2009 (Deutschland)
FSK: ab 12 Genre: Drama
Länge: 129 min Land: UK, Deutschland
Darsteller: Liya Kebede (Waris Dirie), Sally Hawkins (Marylin), Craig Parkinson (Neil), Meera Syal (Pushpa Patel), Anthony Mackie (Harold Jackson), Juliet Stevenson (Lucinda), Soraya Omar-Scego (Waris), Timothy Spall (Terry Donaldson), Chris Wilson (Embassy Official), Eliezer Meyer (European Man), Teresa Churcher (Schwester Anne), Prashant Prabhakar (Kami)
Regie: Sherry Horman
Drehbuch: Waris Dirie, Sherry Horman


Inhalt

Die junge und hübsche Somalierin Waris Dirie wird eines Tages in einem Londoner Fastfood-Restaurant von dem Starfotografen Terry Donaldson angesprochen. Was daraus folgt, ist eine steile Karriere als Model auf den Laufstegen der Welt. Doch die junge Frau verbirgt ein tragisches Schicksal: Im Alter von drei Jahren wurde sie in ihrer Heimat Somalia im Genitalbereich verstümmelt. Nun nutzt sie ihre Bekanntheit dazu, auf dieses grausame Ritual an kleinen Mädchen aufmerksam zu machen und dagegen vorzugehen.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Wüstenblume hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 79%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Wüstenblume hat eine Wertung von 79%
Die sich illegal in London aufhaltende Somalierin Waris stolpert über ihr Glück, als sie dem Modefotografen Donaldson begegnet, der auf Anhieb entdeckt, welches Potenzial in ihr schlummert. Fast übernacht wird sie zu einem gefragten Model und ihre furchtbare Vergangenheit scheint für immer hinter ihr zu liegen. Es gibt aber Wunden, die keine Zeit der Welt heilt. Wüstenblume präsentiert sich als Aschenputtel-Geschichte, aber in dem bunten Gewand steckt eine Story voller Tragik und ein Schicksal, das Abertausende teilen. Wichtiger Film, vordergründig verspielt, doch dort wo es sein muss, schonungslos.

Bild aus Wüstenblume Die schönsten Blumen blühen manchmal an den unwirtlichsten Plätzen. Mit 13 flieht Waris Dirie (Liya Kebede) aus ihrer Heimat vor einer Zwangsheirat mit einem Mann, der gut und gerne ihr Großvater hätte sein können. Tagelang irrt sie durch die Wüste; mehr tot als lebendig gelangt sie nach Mogadischu. Die Familie ihrer Mutter gewährt ihr Unterschlupf, doch ihr Verhalten stößt nicht auf Verständnis. Frauen haben sich zu unterwerfen. Ein eigener Wille wird nicht erwartet und ist auch nicht gewollt. Trotz allem schafft man sie außer Lande, nach London. Als Putzkraft lebt und arbeitet sie dort in der somalischen Botschaft - fast einer Sklavin gleich - das Gebäude verlassen darf sie nicht. Als Waris nach einigen Jahren nach Somalia abgeschoben werden soll, flieht sie und versucht auf eigene Faust in der Metropole zu Überleben.

An diesem Punkt steigt der Zuschauer in das Geschehen ein. Die Dinge, die zur Vergangenheit der Protagonistin gehören und der Figur Inhalt und Substanz verleihen, haben die Macher in eine Rückblendenstruktur eingebetet. Und so notwendig und relevant diese Informationen (später) für die Komplettierung des Gesamtbildes sind, desto unrunder lassen die Rückblenden zunächst die vordergründige Geschichte wirken. Zu Beginn sieht es einfach danach aus, mitten in einer munter-spritzigen Culture-Clash-Comedy gelandet zu sein. Die junge Waris irrt halbverloren durch das immerfort pulsierende London. Verständigen kann sie sich so gut wie gar nicht. Die paar Worte, die sie auf Englisch kann, hat sie aus dem Fernseher. Erst als ihr die flippige Marilyn (Sally Hawkins) begegnet, die als Verkäuferin arbeitet, eigentlich aber von einer Karriere als Tänzerin träumt und Waris bei sich aufnimmt, beginnt sich ihr Leben zu bessern. Erst aber die Zufallsbegegnung, nachdem sie einen Job in einem Schnellrestaurant angenommen hat, mit dem Star-Modefotografen Donaldson (Timothy Spall) verändert endgültig alles: Er ist es, der ihre verborgene spröde Schönheit und ihr besonderes Charisma entdeckt und sie fast übernacht zu einem gefragten Model macht. Wüstenblume wäre an diesem Punkt nicht mehr als eine fröhlich-verträumte Cinderella-Geschichte, gäbe es nicht noch eine andere Seite: die eines geschundenen Mädchenkörpers und seiner misshandelten Kinderseele.

Ein Martyrium, das jedes Jahr hunderttausende junge Mädchen erleben müssen, kommt hier an den Pranger: die Verstümmelung im Genitalbereich. Praktiziert in moslemischen Ländern, ist es kein Gebot des Korans; "begründet" sich vielmehr auf uralte Traditionen und Sitten strikt männerdominierter Gesellschaften. Frauen erfüllen dort in der Ehe lediglich den Zweck von Arbeitssklaven und Gebärmaschinen. Lust darf ausschließlich der Mann empfinden. Nach Schätzungen der UNO, soll dieses bestialische und barbarische Ritual täglich an bis zu 6.000 Opfern praktiziert werden. Teilweise mit primitivsten hilfschirurgischen Gerätschaften werden den Mädchen Klitoris und Schamlippen weggeschabt, die klaffende Wunde anschließend notdürftig versorgt. Teilweise nicht einmal vernäht; stattdessen werden die Wundränder mit Dornen zusammengehalten. Diese alles andere als sterile "OP" führt nicht selten zum Tot der Kinder, da oft Infektionen und Entzündungen folgen. Den überlebenden Mädchen bleibt eine streichholzkopfgroße Öffnung, um ihre Notdurft zu verrichten oder, unter unsäglichen Qualen, zu menstruieren. Bis dann eines Tages ihr Gatte sie in der Hochzeitsnacht, jungfräulich, "öffnen darf".

Die klare Offenheit der Worte hier, soll nichts anderes sein, als die Widerspiegelung dessen, was der Film dem Zuschauer zumuten wird - ja muss. So bunt und charmant die vordergründige Cinderella- oder Underdog-Geschichte sein mag, so schonungslos explizit wird letzten Endes auch dieser unsägliche Verstümmelungsakt nicht ausgeklammert werden. Die Frage mag gerechtfertig sein, ob dieser beschwingte Rahmen der Tragweite dieser menschenverachtenden Tradition gerecht wird. Viele werden an diesem Punkt vielleicht sogar schockiert sein, es nicht ertragen können, möglicherweise das Kino verlassen, da anderes erwartet wurde; anderen wird womöglich der durchgehend ernsthafte Unterbau fehlen.

Wie dem auch sei - und wie immer jeder an dieser Stelle für sich selber entscheiden wird- Wüstenblume ist die Adaption der Romanbiografie, die aus der Hand der wirklichen Waris Dirie stammt, und die ihre Geschichte genauso erzählen möchte. Vielleicht ist es sogar eben diese Leichtigkeit des Vordergründigen, welche die Geschichte für ein breites Publikum erfahrbar macht. Und Öffentlichkeit braucht das Thema nach wie vor: Auch wenn viele Staaten diese Praxis offiziell verboten haben, wird sie im Verborgenen immer noch praktiziert, sogar hier im Westen, hinter verschlossenen Türen.

Waris Dirie hat durch ihr öffentliches Bekenntnis dem anonymen Leid ein Gesicht gegeben, eine Foundation gegründet, die sich dem Kampf gegen diese Praxis verschrieben hat, einen autobiografischen Roman geschrieben, der sich Weltweit über elf Millionen Mal verkaufte und mit ihrem Anliegen die UNO dazu bewegt, Druck auf die Staaten auszuüben, die an dieser Tradition festhielten. Die Hauptdarstellerin Liya Kebede, selber international erfolgreiches Model, gibt nun ihrerseits Waris Dirie für Wüstenblume ein Gesicht und macht ihre Sache ganz ausgezeichnet, stets pendelnd zwischen zerbrechlicher Schönheit und verletzter Kinderseele. Und die hervorragenden Schauspieler in der zweiten Reihe runden alles stimmungsvoll ab. Wenn der Film irgendwo versagt, dann bei der Schilderung der psychischen Folgen der Genitalverstümmelung, im Leben der erwachsenen Frau, beispielsweise in der Schwierigkeit intime Beziehungen zum anderen Geschlecht einzugehen, doch auch dieser Kritikpunkt obliegt dem persönlichen Empfinden. Wüstenblume ist ein wichtiger Film, zu einem Thema, das auf keinen Fall aus der öffentlichen Diskussion herausgenommen werden darf - also: unbedingt reingehen und heiß diskutieren.



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