Beklemmend, klaustrophobisch, hochspannend, brutal und gleichzeitig mit einer guten Geschichte versehen. Das war Neil Marshalls Horrormeisterwerk The Descent - Abgrund des Grauens. Regiedebütant Jon Harris besann sich auf die Stärken des Vorgängers und kann dank der bemühten und weitestgehend überzeugenden Weiterführung der Charaktere erneut die Nerven des Publikums auf eine harte Probe stellen.
Horrorfilmfortsetzungen. Gibt es etwas unnötigeres? Sicherlich findet man ab und an die ein oder andere qualitativ gelungene Ausnahme, wie beispielsweise die Final Destination-Reihe oder vielleicht noch die ersten beiden Saw-Sequels, aber im Normalfall sind die meisten Fortsetzungen B-Movie-Ware, die höchstens in den Videotheken ihre Existenzberechtigung haben. So wird auch sicher jeder Genrefan bei der Nachricht mit dem Kopf geschüttelt haben, dass Neil Marshalls Horrormeisterwerk The Descent - Abgrund des Grauens, von vielen verdientermaßen als einer der besten Genrefilme der letzten Jahre gelobt, einen zweiten Teil erhält, bei dem der Schöpfer des Vorgängers weder am Drehbuch, noch an der Inszenierung beteiligt war.
Vor einigen Tagen machten sich sechs Freundinnen auf zu einer Höhlentour in Hyett County. Seitdem hat man nichts mehr von ihnen gehört. Daher wurde nun ein Suchtrupp losgeschickt, der bislang erfolglos nach den vermissten Frauen sucht. Währenddessen wird die blutverschmierte und völlig erschöpfte Sarah gefunden. Ihrer Erinnerung beraubt und vollkommen beteiligungslos weckt sie natürlich das Misstrauen des Sheriffs und des Suchtrupps, die sie zwingen erneut in die Höhlen hinab zu steigen, um das Rettungsteam intuitiv zu den anderen vermissten Personen zu führen. Kaum ist Sarah unten angekommen, scheinen die schlimmen Erinnerungen an die letzten Tage wieder aufzuflackern und somit ahnt sie als Einzige, dass es keine gute Idee war, erneut in das Höhlenlabyrinth hinab zu steigen
Viel mehr darf aus Spoilergründen zur Geschichte nicht verraten werden und vorweg sei jedem Zuschauer ans Herz gelegt, sich im Vorfeld weder den Trailer anzuschauen, noch sich intensiver mit dem Cast zu befassen, wenn man einige Überraschungen nicht schon vorweg in Erfahrung bringen möchte. Inhaltlich erinnert das Ganze schwer an Aliens - Die Rückkehr. Die Hauptfigur des ersten Teiles wird inklusive Verstärkung erneut zum Ort des Geschehens geschickt und schon kann das Grauen erneut beginnen: Getreu dem Motto höher, schneller, weiter. Es gefallen zudem die vielen Reminiszenzen zum Vorgänger, wie beispielsweise der erneute Besuch einiger bekannter Orte oder die gelungene Weiterentwicklung mancher Charaktere. Ob man sich jedoch auf die Geschichte einlassen kann, dürfte generell von zwei Bedingungen abhängen: Kann der Zuschauer verschmerzen, dass die Kurzzeitamnesie nie mehr als ein Alibigrund ist, um Sarah erneut in den Abgrund zu schicken? Oder stört ein böser Anschlussfehler zum ersten Teil den Zuschauer? Wer sich jedoch auf diese beiden Punkte einlassen kann, der wird überrascht sein, dass sich die Autoren viel Mühe gegeben haben, einen nachvollziehbaren nahtlosen Übergang zum Vorgänger zu schaffen, der sich weit vom üblichen Genrewust der Horrorfortsetzungen abheben kann.
Jon Harris hat sich bislang hauptsächlich für den Schnitt einiger bekannter und gelungener Genrefilme wie Eden Lake, Der Sternwanderer, dem Vorgänger The Descent - Abgrund des Grauens oder Layer Cake einen Namen gemacht. Sein Regieerstling profitiert dabei sichtlich von der Erfahrung des ersten Teiles, so kennt er dessen Stärken und weiß genau, warum er zu einem der Horrormeilensteine der letzten Jahre zählt. So macht Harris es sich einfach und kopiert dieses Konzept teilweise 1:1 in das Sequel. Und es funktioniert erneut, denn obwohl der Kenner des ersten Teiles genau weiß, was ihn erwartet, schlägt das dunkle und klaustrophobische Szenario erneut zu. Mit spärlich ausgestattetem Licht und einer tollen Location kann erneut für einige heftige Schocker gesorgt werden. Das Ganze wird verstärkt durch die hochspannende und beklemmende Atmosphäre, sowie dem deutlich gestiegenen Budget im Vergleich zum Vorgänger. So sehen vor allen Dingen die an Gollum erinnernden Kreaturen deutlich besser aus und auch bei den nicht gerade unbrutalen und erneut gut in Szene gesetzten Actioneinlagen, zeigt sich das höhere Budget.
Dass ein Horrorfilm nicht gerade mit tollen Darstellerleistungen punktet ist allgemein bekannt, doch mit Shauna Macdonald hat man einen wahren Glücksgriff gelandet. Egal ob als ängstliche und verstörte Überlebende des ersten Teils oder als toughe Heldin in den Höhlen: Sie trifft immer den richtigen Ton und darf sogar ein paar gut platzierte und wirkungsvolle Oneliner von sich geben. Der restliche Cast kann sich aufgrund der genretypischen Charaktere nur selten groß in Szene setzen, kann aber dennoch innerhalb des gegebenen Rahmens überzeugen.
Sicher, im Grunde macht The Descent 2 genau das Gleiche wie der Vorgänger, aber gut kopiert ist nunmal gut kopiert! Harris macht alles richtig, setzt auf die Stärken des ersten Teiles und kann dem Publikum damit einen hochspannenden Film bieten, der erneut an dessen Nerven zerren wird. Dass man sich dabei noch Mühe bei der Weiterentwicklung der Geschichte gegeben hat, hebt das Ganze zudem deutlich von den üblichen Fortsetzungen innerhalb des Genres ab. Einzig die finale Szene wirkt etwas unnötig, aber dennoch kann man festhalten, dass jeder, der den ersten Teil mochte, kaum umher kommen wird, ein Ticket für diese durchweg gelungene Fortsetzung zu lösen.