Naked Lunch ist ein ganz typischer Cronenberg-Film. Eklig, unheimlich, atmosphärisch dicht und düster. Dazu kommen die Einflüsse von William S. Burroughs, dem Autor der als unverfilmbar geltenden Romanvorlage und fertig ist einer der krankesten Filme aller Zeiten. Was Naked Lunch außerdem auszeichnet, ist sein herrlich trockener, makabrer Humor und seine geschickte Inszenierung. Sicherlich kein Film für jedermann, aber ohne Zweifel ein herrlich absurder Trip den man nie wieder vergisst.
Wer dachte Barton Fink hätte es schwer gehabt, der kennt nicht das Schicksal seines Autorenkollegen Bill Lee (großartig gespielt von Robocop Peter Weller) in Naked Lunch. Das arme Schwein, eigentlich Kammerjäger, verfällt nicht nur wie seine Frau seinen berauschenden Schädlingsbekämpfungsmitteln, sondern wird auch von Schreibmaschinen, die sich in Käfer verwandeln, angeheuert, um als Agent Berichte zu schreiben, was ihn überhaupt erst zum Autor macht.
William S. Burroughs war einer der bedeutendsten Autoren der Beat-Generation. Von vielen wurde er als einer der wichtigsten amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Doch seine Werke sorgten stehts für Kontroverse und so sehen ihn viele Kritiker auch als überbewertet. Unumstritten ist allerdings seine Bedeutung in der Entwicklung der postmodernen Literatur. Zu einem seiner berühmtesten Werke zählt unter anderem auch "Naked Lunch", welches neben Jack Kerouacs "On the Road" und Allan Ginsbergs "Howl" zu den bedeutendsten literarischen Werken der Beat Generation zählt. Burroughs skandalöser Roman erschien erst Jahre nach seiner Fertigstellung und wurde immer wieder Gegenstand von, teils erfolgreichen, Indizierungsbemühungen.
Kein geringerer als der ebenfalls alles andere als unumstrittene kanadische Starregisseur David Cronenberg (eXistenZ) nahm sich 1991 des Stoffes an und brachte das als unverfilmbar geltende, sehr abstrakte Werk frei interpretiert und komplett überarbeitet schließlich auf die Leinwand. Direkte Anknüpfpunkte zum Buch nimmt der Film dabei ganz offensichtlich vor allem indem er an einigen wenigen Stellen Originaltexte zitiert. In einer Schlüsselszene wird beispielsweise direkt aus dem Buch vorgelesen. Insgesamt sind auch einige der Figuren aus dem Roman in das von Cronenberg zusammen mit Burroughs persönlich verfasste Drehbuch übernommen worden.
Die Romanvorlage hat keine klare Erzählstruktur. Es ist möglich das Buch von jedem beliebigen Punkt an zu lesen. Es kann dabei mit dem Ende oder einfach an irgendeinem Punkt in der Mitte mit dem Lesen begonnen werden. Das gesamte Werk ist überaus surreal und abstrakt und erinnert an eine Traumcollage, der es oft an logischen Zusammenhängen fehlt. In der Gesamtwirkung ergibt sich aus Naked Lunch ein krankes Mosaik aus Drogensucht, Homosexualität, Gewalt und Wahnsinn. Themen, die den Autor auch im Laufe seines Lebens stets beschäftigten. Für die Verfilmung verpasste Cronenberg dem Stoff eine eindeutigere Dramaturgie. Dennoch hält er am ursprünglichen verworrenen Stil fest und baut auch in seine filmische Umsetzung überraschende Handlungs- und Zeitsprünge ein. So bekommt auch der Film einen sehr verwirrenden Charakter, wobei sich die über alle Maßen absurde Handlung hier wesentlich leichter wiedergeben lässt als dies beim Buch der Fall ist. Überhaupt ist der Film vielmehr die Symbiose aus der Biographie des Autors und dem Stoff des Buches als eine klassische Romanverfilmung. Cronenberg adaptiert nicht wirklich, sondern erfindet neuen Stoff auf der Basis des Romans. Somit ist Naked Lunch einerseits ein ganz typischer Cronenberg, aber er trägt auch die deutlich erkennbare Handschrift Burroughs.
Wer die Biographie von William S. Burroughs kennt, wird schnell die Parallelen im Film finden. Der Autor war selbst drogenabhängig und erschoss, wie auch die Hauptfigur im Film, seine Frau beim Wilhelm Tell Spiel. Burroughs war selbst homosexuell und auch die Figur des Dr. Benway (gespielt von Roy Schneider, Der Weiße Hai) ist dem britischen Arzt John Dent nachempfunden. Dieser versuchte Burroughs aus seiner Drogensucht zu helfen.
Auffällig ist, dass die Kulisse des Films sehr künstlich aussieht. In jeder Szene erkennt man die Pappwände und sieht die Filmrequisiten auch in den cronenbergtypischen Body-Horror-Szenen. Bei einem derartig surrealen Stoff kann man dies allerdings sogar noch als Stilmittel abtun, zumindest aber problemlos darüber hinweg sehen. Insgesamt ist Naked Lunch jedoch ein überaus stimmiges Werk, an dem es kaum etwas zu kritisieren gibt. Alles was einen stören könnte, ist hier wirklich nur eine Geschmacksfrage.
Alle die sich mit anderen eher surrealen Werken Cronenbergs wie Videodrome oder eXistenZ anfreunden können, die an Lynchs Mulholland Drive - Straße der Finsternis und Lost Highway gefallen finden und noch immer versuchen Marc Forsters Stay zu entschlüsseln, kommen an diesem Film nicht vorbei. Mit Sicherheit ist Naked Lunch einer der besten Cronenberg-Filme und für viele vielleicht der krankeste Streifen, den sie je zu Gesicht bekommen werden.