Ein goldiges Portrait dreier älterer deutsch-koreanischer Ehepaare, die sich für einen Altersruhesitz in Asien entschieden haben. Alte Gewohnheiten lassen sich nicht ändern, doch das macht nichts, denn allen anderen geht's genauso. Eine ganz große kleine Geschichte von nebenan, beobachtet von der koreanischen Regisseurin Sung-Hyung Cho, die schon mit Full Metal Village für Aufsehen sorgte.
Auf einer kleinen Insel am südlichsten Zipfel Südkoreas gibt es einen Ort namens Dogil Maeul, das "Deutsche Dorf". Es wurde errichtet zu Ehren der ersten koranischen Gastarbeiterinnen, die vor Dekaden nach Deutschland ausgewandert waren. Nun sind einige von ihnen zurück in ihre Heimat gekommen, nach Korea, zusammen mit ihren deutschen Ehemännern.
Das Deutsche Dorf sieht tatsächlich ein wenig aus wie ein kleiner Ort bei uns: Schräge, rote Ziegeldächer statt Flachdächer, holzverkleidete Balkone, gepflegte Gärten um die Anwesen. Korea ist fasziniert, entsprechend viele Touristen vom Festland nutzen die Gelegenheit, sich gegenseitig vor den Häusern abzulichten, als wäre man übers Wochenende in Deutschland gewesen.
Drei ältere Ehepaare werden in diesem Film portraitiert, jeweils stammt die Frau aus Korea, der Mann aus Deutschland. Nach einem Leben bei uns folgt nun der Ruhestand in der Heimat. Da die Koreanerinnen aber alle erst durch tiefe Zäsuren im eigenen, koreanischen Leben nach Deutschland getrieben wurden und sich über die Jahrzehnte dann dort eine neue Heimat fanden, ist Korea nicht wirklich Heimat für die Seniorinnen. Doch das steingewordene Kauderwelsch in Form des Deutschen Dorfes ist ein guter Kompromiss für alle.
Es ist bewegend mit anzusehen, wie normale alte Ehepaare auch in anderen Erdteilen eine Fülle von Eigenheiten entwickeln oder längst eingeschliffene Gewohnheiten mit aller Gewalt aufrechterhalten. Einer der Ehemänner kann es nicht lassen, ständig am Haus herum zuwurschteln und dabei das koreanische Laissez-faire beim Bau beständig zu kritisieren. Der zweite bereitet selbst deutsche Wurst und deutsches Brot zu, wobei dessen Bemühungen, wirklich jeden Semmel-Teigling auf exakt 60 Gramm zu bemessen, in minutenlange Realsatire ausartet. Der dritte erklärt, nachdem er sich an die Kamera gewöhnt hat, wie und wo welche Immobilienbetrügereien am Werk sind, was zur Folge hat, dass tatsächlich nur drei Deutsche im besagten Deutschen Dorf leben.
Die Frauen halten sich meist im Hintergrund, wenn sie ihre Männer nicht gerade für die Landeskultur zu begeistern versuchen. Doch ständiges Verbeugen im Buddhatempel taugt dem nicht-koreanischen Senior ebensowenig wie eine Art rituelle Verprügelung mit Holzstäben durch einen Priester. Dass eine der Frauen ihren Mann auf eine Gruppentanzveranstaltung schleppt, die ein wenig an das nordkoreanische Synchronturnen erinnert, begeistert den steifgliedrigen Minimalmimiker nur bedingt, was aber auch am kultverdächtigen Knoblauchhut und dem Kimono-artigen Tanzgewand liegen mag, die er für die Veranstaltung stoisch trägt. Doch die Frauen haben klar die Hosen an in diesen Ehen, auch wenn man es nicht sofort merkt.
Sung-Hyung Cho (Full Metal Village) entdeckt mit ihrem zweiten Film augenzwinkernd, dass die Menschen dann doch überall gleich sind auf unserem Planeten. Wie kleine Vorlieben und andere liebgewonnene Verhaltensweisen auch bei noch so flexiblen Auswanderungswilligen genau das ausmachen, was Senioren eben von den Jüngeren unterscheidet. Da ist es völlig egal, ob man hier ein Bierchen in der Kneipe um die Ecke trinkt, oder dort einen Reisschnaps in der Dorfschänke, wo im Tisch natürlich ein Grill eingelassen ist.
Das Portrait einer besonderen kleinen Gesellschaft in Korea verfolgt keinen Handlungsfaden und keine Entwicklung, sondern begleitet nur die drei ausgewählten Ehepaare in verschiedenen Lebenssituationen. So eine Dokumentation hätte ebensogut zwei Türen weiter die Straße hinab gedreht werden können, doch erlauben die besonderen Umstände der gemischten Auswanderer natürlich ein herrlich überzogenes Aufeinandertreffen der Kulturen - die sich dann ja als nicht so unterschiedlich herausstellen. Nichts für Mainstream-Filmfans, sondern eher etwas für den erlauchten Kreis der Filmperlentaucher.