Bewegender Coming-of-Age-Film im Milieu des (semi-)professionellen Basketballsports in Deutschland. Starke Untertöne werden mit komödiantischen und romantischen Interludien aufgewertet, was dem Endergebnis den Anstrich eines Querschnitts durch ein Sportlerleben, aus Armut emporgestiegen, gibt. Empfehlenswert.
Georg und Vinz leben in Hagen und lieben das Basketballspiel, praktisch täglich werfen die beiden Brüder Körbe, bevor sie von der Schule nach Hause fahren. Georg ist rund zehn Jahre älter und ein sicherer Kandidat für eine Profikarriere. Vinz schaut zu ihm auf, eifert ihm aber gleichzeitig nach - und scheint auch einiges an Talent zu haben. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit den Brüdern: Ein Verkehrsunfall entreißt den beiden die Eltern, Georg übernimmt die Vormundschaft. Nach diesem Schicksalsschlag ist an eine Profikarriere natürlich nicht mehr zu denken.
Zehn Jahre später hat sich eine eigenwillige Lebensgemeinschaft unter den Brüdern eingespielt: Georg arbeitet und versorgt seinen Bruder, der gerade sein Abitur gemacht hat - und außerdem ein gefeierter Basketballspieler bei Phoenix Hagen ist. Ein wichtiges Endspiel findet statt, doch ausgerechnet den entscheidenden Wurf versemmelt Vinz in der letzten Sekunde. Georg kann nicht fassen, wie Vinz sich verhalten hat. Er nimmt den jungen Spieler an die Kandare, doch schon bald wird klar: Georg lebt die Wünsche und Träume, die er wegen des Todes der Eltern nicht für sich erfüllen konnte, durch seinen Bruder. Und der rebelliert natürlich wie ein bockiger Teenager gegen ihn, zieht lieber mit den Kumpels um die Häuser, anstatt sich um die Traumkarriere zu bemühen, die er wohl erreichen könnte.
Ein kompromissloser Film über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens in einer Stadt, die nicht viel zu bieten hat, und im besonderen Lichte des Spitzensports. Max Kidd spielt den zwischen Möglichkeiten und Verpflichtungen hin- und hergerissenen Vinz mit einer beneidenswerten Geradlinigkeit. Sein Bruder Georg wird von Misel Maticevi? dargestellt, der besonders gut die ihn plagenden inneren Konflikte zum Ausdruck bringt, sei es durch einen besorgt-väterlichen Blick zur richtigen Zeit oder durch einen Zornesausbruch, als jemand in der Nähe stehendes im falschen Moment ein paar falsche Worte fallen lässt. Die beiden sind ein gutes Team, die Leinwandchemie stimmt.
Eine weitere bemerkenswerte Figur ist die attraktive Kathi, gespielt von Mirjam Weichselbraun, die sich erst für Vinz zu interessieren beginnt, als der sich als bekannter Sportler herausstellt. Kathi geht sogar so weit, ihren eigentlichen Freund zu betrügen, weil Vinz sich für sie wohl als das bessere Ticket herausstellt. So macht Vinz schon in jungen Jahren die Erfahrung mit Karriereschlampen, denen alle Mittel recht sind, nah an ihrem Star zu sein. Umso deutlicher wird dies gezeigt, da der ehrliche, doch weniger berühmte Georg auch entsprechend weniger erfolgreich bei den Frauen ist.
Das Schöne an Hangtime ist, dass Basketball als Sportart ins Bewusstsein der Zuschauer gerückt wird. Zwar hat der Sport bei uns keinen Kultstatus wie in den USA, doch legen sich die Vereine mächtig ins Zeug, um das zu ändern. Dass es bei uns dennoch noch deutlich dörflicher zugeht als bei den Profis überm Teich, zeigt unter anderem die kleine Truppe Cheerleaderinnen des Vereins: Sie alle tragen das eine oder andere Speckröllchen oder ein kleines Bäuchlein, sind aber mit Inbrunst und vollem Einsatz dabei. Das macht sie nur menschlicher, liebenswerter und erreichbarer als zum Beispiel die Laker Girls, die im Grunde aussehen wie Schaufensterpuppen. Ein schöner Coming-of-Age-Film für Jugendliche, Basketballfans und Liebhaber familiärer Konfliktdramen.