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Nackt und Zerfleischt

(Cannibal Holocaust, 1980)

Dt.Start: 16. Januar 1981 Premiere: 07. Februar 1980 (Italien)
FSK: ab 18 Genre: Horror
Länge: 95 min Land: Italien
Darsteller: Robert Kerman (Harold Monroe), Francesca Ciardi (Faye Daniels), Perry Pirkanen (Jack Anders), Luca Barbareschi (Mark Tomaso), Salvatore Basile (Chaco Losojos), Ricardo Fuentes (Felipe Ocanya), Carl Gabriel Yorke (Alan Yates)
Regie: Ruggero Deodato
Drehbuch: Gianfranco Clerici


Inhalt

Ein Fernsehteam will im brasilianischen Regenwald eine Doku über Kannibalen drehen. Als nach zwei Monaten immer noch nichts von ihnen zu hören ist, wird ein weiteres Team los geschickt, um nach ihnen zu suchen. Viel ist von den jungen Filmern nicht mehr übrig, nur ihre Kameras haben samt dem Filmmaterial überlebt. Wieder in der zivilisierten Welt werden die Bilder ausgewertet und die abscheuliche Wahrheit kommt ans Licht.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Nackt und Zerfleischt hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 78%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Markus Müller
Nackt und Zerfleischt hat eine Wertung von 78%
Ich habe wirklich schon einiges gesehen, aber dieser Film setzt auf alles noch einen dicken Haufen Gedärm drauf. Cannibal Holocaust gilt als Höhepunkt des Kannibalenfilms und macht diesem Ruf wirklich alle Ehre. Wer sich auf das Thema einlässt und gern Filme an der Grenze zur Perversion schaut, bekommt einen in eine recht interessante Geschichte verpackten, atmosphärisch dichten, radikalen Schocker geboten. Bei näherer Betrachtung birgt der Film neben einer offensichtlichen, etwas fragwürdig präsentierten Tiefgründigkeit, auch eine tatsächlich interessante Aussage, die den Zuschauer selbst ins Dilemma stürzt. Denn egal ob man die gebotenen Grausamkeiten verurteilt oder nicht, man wird sie sich ansehen und gespannt auf die Nächste sein.

Bild aus Nackt und Zerfleischt Es gibt eine Reihe von Filmen, die durch ihre expliziten Darstellungen von Sex und Gewalt aufsehen erregten und Skandale provozierten. Zu diesen zählt neben populären Beispielen wie Irreversibel, Baise moi - Fick mich! und Die 120 Tage von Sodom auch Cannibal Holocaust. Dieser war es, der seinen Regisseur, den Italiener Ruggero Deodato (zu sehen in einem Gastauftritt als Kannibale in Hostel 2) international berühmt machte und gleichzeitig den Höhepunkt des inzwischen ausgestorbenen Kannibalenfilm-Genres markiert. Dieses Genre hatte in den 70er und frühen 80er Jahren seine Hochphase mit umstrittenen und in vielen Ländern verbotenen Filmen wie Cannibal Ferox, Nackt unter Kannibalen und Mondo Cannibale 1 & 2. Insgesamt sind Kannibalenfilme in das weite Feld der Exploitationsfilme einzuordnen. Die meisten Produktionen stammten aus Italien, waren aber, abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Cannibal Holocaust größtenteils absoluter Schrott.

Cannibal Holocaust wird von vielen als das Meisterwerk des Genres gesehen. Dies verdankt er vor allem der schlüssigen Geschichte und dem Kunstgriff Deodatos weite Teile des Filmes wie einen Dokumentarfilm zu inszenieren, wodurch die Handlung sehr realitätsnah wirkt und so schon 1980 eine Art Blair Witch Projekt-Effekt entstehen ließ. Zu diesem gibt es übrigens tatsächlich einige Parallelen, auch wenn die Umsetzung und die endgültige Wirkung eine gänzlich andere ist. Doch auch Cannibal Holocaust hat sehr spannende Momente, was von den meisten Streifen mit derartigem Goreanteil nicht behauptet werden kann.

Insgesamt beinhaltet der Film alle typischen Elemente des Kannibalenfilms, inklusive dem umstrittenen Tiersnuff. Vor laufender Kamera werden aufs brutalste Tiere getötet. Zu sehen ist hier beispielsweise die barbarische Schlachtung einer Riesenschildkröte. Der Brechreiz kommt hier mit Sicherheit, beim Einen mehr, beim Anderen weniger. Vor allem wegen diesen Szenen wurden Kannibalenfilme häufig angegriffen, einerseits verständlich, schaut man sich jedoch die Schlachtungen in der Massentierhaltung an, erscheint einem die Empörung als paradox und geheuchelt. Zum Trost für alle, die das sinnlose Sterben kritisieren: Laut Deodato soll das Filmteam alle getöteten Tiere auch gegessen haben. Beruhigend.

Was man Deodato vorwerfen muss, ist jedoch, dass er an der ein oder anderen Stelle die Logik vernachlässigt, um seine Metzelorgien zeigen zu können. Spätestens hier kollidiert seine Absicht Medien-, Gesellschafts- und Zivilisationskritik zu üben, mit seinem Anliegen widerliche und in Abartigkeit und Brutalität nicht zu überbietende Szenen zu zeigen. Doch vielleicht ist dies nur auf den ersten Blick so, denn bei näherer Betrachtung zeigt sich ein doppelter Boden. Deodato nutzt die Sensationsgier und den Voyeurismus des Zuschauers schamlos aus und spielt mit ihm. Niemand wird daran gehindert, den Film auszuschalten, doch kaum einer wird es tun. Der Mensch will Grausamkeit und Gewalt sehen, das war im Kolosseum im alten Rom so und ist heute im Kino bei den Saw- und Hostelfilmen nicht anders. Doch die kleinen Logikfehler bleiben, wenn Mitglieder des Filmteams filmen, wie ihre Freunde zerfetzt werden, obwohl sie wissen, dass ihnen das selbe Schicksal droht, wenn sie nicht wegrennen. Im selben Zuge stellt sich auch die Frage nach dem Moment des Wandels des Filmteams, das wie eine Horde irrer Dämonen respektlos in das Dorf der Eingeborenen eindringt. Was hat sie zu diesen Dämonen gemacht? Offensichtlich will uns Deodato zeigen, dass in jedem Menschen das Böse steckt, welches nur durch die Regeln und Gesetze unserer Gesellschaft, unserer modernen Zivilisation unterdrückt wird. Mit dem wegfallen dieser sinkt auch die Hemmschwelle. Mehr als fragwürdig das Ganze, auch wenn bei näherer Betrachtung nicht unrealistisch, denkt man beispielsweise an das Verhalten von einigen amerikanischen Soldaten in Vietnam oder an die Verhältnisse in Konzentrationslagern. Doch die Situation der Akteure in diesem Film ist nicht mit derartigen Beispielen vergleichbar, auch wenn ihnen anzumerken ist, wie sie der Dschungel im Geiste verändert.

Bevor man jedoch zu weitreichend hinterfragt und interpretiert, muss man natürlich Cannibal Holocaust als Horrorfilm, bzw. genauer als Kannibalenfilm sehen, vielleicht den Rahmen weiter dehnen und ihn als Exploitationstreifen betrachten und nach den Regeln des Genres sind genau diese Kritikpunkte und derartige Unstimmigkeiten völlig legitim. Diese Filme sind nicht gemacht, um den Zuschauer zum nachdenken zu bringen, sondern um seine niedersten Bedürfnisse zu erfüllen und auch wenn Cannibal Holocaust sich hier nicht auf all zu tiefes Niveau begibt und somit eine klare Ausnahme bildet, ist und bleibt er im Kern doch ein Kannibalenfilm und diese sind streckenweise menschenverachtend, widerwärtig und ziemlich krank.

Trotz allem ist Cannibal Holocaust in vieler Hinsicht ein beeindruckender Film. Er ist atmosphärisch dicht, hat einen unglaublich gelungenen, düster-minimalistischen bis kontrastreich angenehm melodischen Score und ist erschreckend authentisch inszeniert. Was Cannibal Holocaust von vielen anderen Kannibalenfilmen unterscheidet, ist seine zumindest weitgehend sinnvolle Geschichte und die geschickte Inszenierung.

Mit dem nötigen Abstand betrachtet, bleibt am Ende die Frage, ob die Welt Filme wie Cannibal Holocaust braucht. Die riesige Fangemeinde, die der Film hat, scheint diese zu beantworten. Doch es fällt schwer den gezeigten Wahnsinn in Filmform zu vertreten, auch wenn Cannibal Holocaust die menschenverachtende Gewalt in eine Aussage verpackt, bleibt er dennoch ein überaus krankes Stück Film, das (Gott sei Dank) wahrlich nichts für jeden ist. Dennoch gefällt Cannibal Holocaust vielen, auch wenn die Meisten ernsthafte Probleme haben werden, vernünftig zu erklären warum.



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