Die Geschichte des Niedergangs eines unbescholtenen Mannes, der gänzlich ohne Vorankündigung, dafür aber mit voller Wucht über Larry hereinbricht, ist eine böse satirische Überzeichnung der Alltagsschicksale, die man so kennt, aber nicht nachvollziehen kann oder möchte. Dass das Leben plötzlich grundlos auf einem herumkaut und einen dann in die Gosse spuckt, kann wirklich jedem passieren. Großartiges Kino in gewohnter Coen-Qualität.
Bei Larry Gopnik ist alles im Lot. Der jüdische Physikprofessor hat einen guten Job mit Verbeamtung in Aussicht, eine liebe Frau und zwei nette Kinder. Das Alltagsleben fließt weitgehend ereignislos dahin, in zwei Wochen wird Sohnemann Danny Bar Mitzwa feiern. Das Leben ist schön. Wäre da nicht Onkel Arthur, der zur Zeit bei den Gopniks auf dem Sofa lebt. Was ihm genau passiert ist, weiß man nicht so genau, doch er verbringt die meiste Zeit im Bad und beschäftigt sich dort hauptsächlich mit einer unangenehmen Talgzyste und einer elektrischen Pumpe. Doch Onkel Arthur gehört zur Familie, daher muss man jetzt eben ein bisschen tolerant sein.
Was Larry nicht weiß, ist, dass da noch einiges mehr im Busch ist: Der ach so brave Danny kifft, und das nicht nur ein bisschen, Tochter Sarah bedient sich gern einmal am väterlichen Portemonnaie, ebenfalls nicht nur ein bisschen, und den größten Hammer liefert Larrys Ehefrau Judith, indem sie aus heiterem Himmel die Scheidung fordert. Doch der Spaß hört hier noch lange nicht auf.
Die Coen-Brüder erzählen die Geschichte des Niedergangs eines völlig unbescholtenen, ja mustergültigen Bildungsbürgers auf ihre ganz besondere Art. Diesmal spielt die Geschichte in der jüdischen Gemeinde, angesiedelt ist sie irgendwo im mittleren Westen der USA in einer beschaulichen Vorstadt. Das bedeutet: absolut flaches Land in allen Richtungen, so weit das Auge reicht.
Die Spießbürgerlichkeit ist das Maß aller Dinge in diesem Film, sie hält die Moral aufrecht, die Menschen zusammen, die Gemeinschaft am Funktionieren. Den reinen Spießbürger gibt es gar nicht, denn jeder sucht sich ein kleines Ventil zum Ausbruch aus der rigiden, künstlichen Gesellschaftsstruktur, wie eben auch Larrys Familienmitglieder. Nur eben Larry nicht.
Der Professor, ein Muster an Mustergültigkeit, gerät in die Mühlen der Bigotterie, da er selbst ebenfalls versucht ist, aus dem System auszubrechen. Ein koreanischer Student hat eine wichtige Prüfung nicht bestanden, und nun findet Larry einen mysteriösen Umschlag mit einem Bündel Geldscheine darin. Hin- und hergerissen zwischen moralisch vertretbarem Verhalten und eben der Möglichkeit, ein klein wenig Eigennutz aus der Sache zu ziehen, sucht er den Rabbi auf, um sich Rat zu holen. Die Reise zur Erkenntnis ist die Reise des Publikums in eine Welt, die im Auseinanderbrechen begriffen ist. Kein Wunder, der Film spielt ja auch in den 60ern, als alle noch recht zugeknöpft waren.
Bereits ab der ersten Einstellung der eigentlichen Handlung überzeugen die Coens einmal mehr mit ihrer eigenwilligen Kombination aus Kameraführung, Ausstattung, Musik und Drehbuch. Wieder einmal wird nicht lang aufgebaut und erklärt, die Geschichte springt von Konsequenz zu Konsequenz, und das immer nachvollziehbar. Allerdings beginnt dieser Film ausnahmsweise mit einer schwarz-weißen Vorgeschichte aus alter Zeit (und in herrlicher Super8-Optik), die auf den ersten Blick gar nichts mit dem eigentlichen Film zu tun hat. Dass es dabei um moralisches Verhalten und Aufrichtigkeit geht, wird erst viel später klar.
Besonders sympathisch ist es, den Film im englischen Original zu sehen, denn Unterhaltungen auf jiddisch kann man hierzulande mit etwas Aufmerksamkeit leicht ohne die Untertitel folgen, viele dem Deutschen verwandte Worte wie Shul und Schtetl (Schule und Städtel) lassen das jiddische wie einen Dialekt wirken.
Die Kernaussage des Films muss man sich, wie so oft bei den Coens, jedoch selbst erarbeiten. Allerdings spielen der Anfang und das Ende hierbei die wichtigsten Rollen. Dazwischen liegt die Geschichte des bemitleidenswerten Larry, der immer alles richtig gemacht hat und nun trotzdem von einer Katastrophe in die andere rutscht.