Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte Poster

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Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte

(Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte, 2009)

Dt.Start: 19. November 2009 Premiere: 01. Juli 2009 (Festival, Deutschland)
FSK: ab 12 Genre: Dokumentation
Länge: 90 min Land: Deutschland
Darsteller: Horst Mahler, Otto Schily, Hans-Christian Ströbele
Regie: Birgit Schulz
Drehbuch: Birgit Schulz


Inhalt

Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler waren in den 1970ern Anwälte der linken außerparlamentarischen Opposition. Den Kampf gegen den Staat als Unterdrücker politischer Freiheit führten sie Seite an Seite und griffen dabei auch zu radikalen Mitteln. Auf diese Weise bestritten sie unzählige politische Prozesse. Heute ist die Einigkeit längst nicht mehr vorhanden. Während sich Schily als SPD-Mitglied in der konservativen Mitte angesiedelt hat, blieb Ströbele mit den Grünen den linken Ansichten treu. Mahler hingegen wechselte das Lager und ist nun bekennender Rechtsextremist.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 75%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte hat eine Wertung von 75%
Ein Film über die Zeit der Studentenrevolten und Aktivitäten der Außerparlamentarischen Opposition kommt ohne die Erwähnung der RAF nicht aus. Dort wo diese terroristische Organisation agierte, waren ihre Verteidiger nicht weit. Bis hin zu den stammheimer Prozessen. Diese drei Anwälte stehen im Mittelpunkt der Dokumentation, die gleichermaßen ein Portrait der Zeit und ihrer politischen Umwälzungen skizziert, als auch drei Menschen zu Wort kommen lässt, die ihre Spuren in der Chronik dieses Landes hinterließen. Die Anwälte liefert somit ein höchst faszinierendes Stuck lebendiger Geschichtsaufarbeitung ab.

Bild aus Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte Die Zeit der Studentenunruhen, der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und der grausamen Taten der RAF hinkt in der gesellschaftlichen Aufarbeitung deutlich der NS-Zeit hinterher. Für die damals noch junge deutsche Republik stellte sie aber eine einschneidende Wende und die erste große innenpolitische Prüfung dar. Die Filmemacherin Birgit Schulz zeichnet ein Portrait dieser Zeit und rückt drei prominente Persönlichkeiten in den Mittelpunkt, die damals als linke Anwälte gegen die BRD als restriktiven Staat kämpften.

Zwei von ihnen machten später noch eine bemerkenswerte (politische) Karriere: Hans-Christian Ströbele wirkt bei der Gründung der linken Tageszeitung TAZ mit, engagiert sich bei den Protesten, der Friedensbewegung gegen Atomkraft und Atomwaffenstationierung und wird Gründungsmitglied der Partei die Grünen, für die er bis heute im deutschen Bundestag sitzt. Otto Schilys Karriere führt ihn sogar in Regierungskreise: Auch er ist von der ersten Stunde bei den Grünen dabei; wechselt aber 1989 zu der SPD. Unter Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder wird er sogar Bundesminister des Inneren von 1998 - 2005. Horst Mahler kann keine politische Laufbahn, in einer demokratischen Partei, nachweisen. Er war, von diesen dreien, aber immer der Radikalste und sorgt damit, bis in jüngste Zeit hinein, immer wieder für Aufregung.

Von Beginn an ist Mahler bei den Protesten der APO weit vorn mit dabei (1966); er verteidigt als Anwalt sogar Personen, die zu den späteren Gründungsmitgliedern der terroristischen Organisation Rote Armee Fraktion (RAF) wurden, wie Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Auch er steht wiederholt vor Gericht; zahlreiche Delikte werden ihm vorgeworfen.1970 setzt er sich, gemeinsam mit Baader, Ensslin und Ulrike Meinhof, nach Jordanien ab, und absolviert in einem Ausbildungslager der El Fatah ein terroristisches Training. Nach seiner Rückkehr wird er verhaftet. Mehrere Prozesse folgen. Mahler wird erst von Schily verteidigt, später dann von Schily und Ströbele gemeinsam. 1973 wird er zu zwölf Jahren Haft, wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes in Tateinheit mit Gründung einer kriminellen Vereinigung, verurteilt. 1975 beginnt er sich vom RAF-Terror zu distanzieren. Ab 1978 erhält er einen neuen Verteidiger: den damaligen Vorsitzenden der Jungsozialisten der SPD (Jusos), Gerhard Schröder. 1979 befindet sich Mahler im offenen Strafvollzug und wird 1980 vorzeitig aus der Haft entlassen.

Ströbele, Schily, Mahler: Auf einem Foto finden sind alle drei vereint. Aufgenommen während Ströbele und Schily, Mahler bei einem Prozess verteidigten. Diese drei träumten Ende der 60er und Anfang der 70er von einem anderen Staat, einer besseren Republik und einer "linken Gerechtigkeit". Die Anwälte zeichnet diese Zeit und den Werdegang der drei, anhand authentischer filmischer Dokumente, nach. Sie kommen aber auch als ergraute Herren zu Wort. Ströbele scheint sich dabei noch am ehesten treu geblieben. Dass er kein Machtmensch war, deutete sich schon damals an: Er träumte von einer "gewaltfreien Revolution" - einem Umbruch in der Gesellschaft. Schily hoffte auf eine "Evolution des Staates" und Mahler spricht sich, auch heute noch, für eine radikale Revolution aus - mit all ihren (Gewalt auslösenden) Konsequenzen.

Vor allem in der Zusammenstellung der Zeitdokumente kann man Die Anwälte als sehr gelungen betrachten. Eine Zeit, die vielen Spätgeborenen äußerst verwirrend vorkommen muss, möglicherweise auch gar nichts zu sagen hat, wird tatsächlich lebendig: Die junge deutsche Republik in ihrem Selbstfindungsprozess und eine politische Streitkultur, angeführt von Studentenprotesten und der APO, die heute kaum mehr denkbar wäre, rangen miteinander. Die Forderung nach einem anderen Staat war keine blindwütige, unbegründete Auflehnung und kein Streben nach Anarchie: Von 1966 - 1969 war mit Kurt Georg Kiesinger jemand Bundeskanzler dieses Landes, der von 1933 - 1945 aktives Mitglied der NSDAP war und im NS-Staat auch wichtige Positionen bekleidete. Für eine Generation 20 - 30jähriger stellte das einen Schlag ins Gesicht dar. Über 20 Jahre nach Kriegsende war eine Entnazifizierung immer noch dringend nötig. Die Mittel, welche dem Einzelnen probat schienen, unterschieden sich stark. Manche wenige schlugen gar einen terroristischen Weg ein.

Dieses Dilemma spiegelt sich auch in der Person der drei ehemaligen Anwälte der APO und der linken Szene wider. Kurios erscheint vor allem ihr Wandel während der Jahrzehnte, die diese filmischen Retrospektive überspannt: bemerkenswert erscheint dies schon bei Schily, der sich vom klaren Linken als Innenminister zu jemandem wandelte, der sich für einen Sicherheitsstaat aussprach. Aber Mahler setzt alldem die Krone auf: Seit Frühjahr 2009 sitzt er wegen Holocaustleugnung für sechs Jahre im Gefängnis. Birgit Schulz ist mit dieser Zusammenstellung von authentischem Material und den geführten Interviews ein feines Stück Dokumentarfilmarbeit gelungen, das mit reichlich Information aufwartet und viele faszinierende Einblicke in die Zeit und die Psychologie dieser drei Persönlichkeiten gewährt. Überdies gelingt dem Film, die damals vorherrschende Atmosphäre auferstehen zu lassen, so dass auch all jene, die vielleicht bisher nichts über diese Zeit wussten, daran teilhaben können. Somit ist dieser Film ein wichtiger Beitrag, der hilft, dieses Land, seine jüngere Vergangenheit und die Prozesse, welche die deutsche Demokratie zu dem machten, was sie heute ist, besser verstehen zu können.



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