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Die zwei Leben des Daniel Shore

(Die zwei Leben des Daniel Shore, 2009)

Dt.Start: 11. Februar 2010 Premiere: 10. Dezember 2009 (Deutschland)
FSK: ab 12 Genre: Krimi, Drama, Thriller
Länge: 95 min Land: Deutschland
Darsteller: Nikolai Kinski (Daniel Shore), Katharina Schüttler (Elli), Morjana Alaoui (Iman), Sean Gullette (Henry Porter), Judith Engel (Kowalski), Matthias Matschke (Feige), Stefan Lampadius (Pförtner), Bernd Tauber (Prof. Hübner)
Regie: Michael Dreher
Drehbuch: Michael Dreher


Inhalt

Der Student Daniel Shore muss hilflos miterleben, wie der Sohn seiner Geliebten in Marokko ermordet wird. Als er zurück nach Deutschland kommt, zieht er in das ehemalige Mietshaus seiner verstorbenen Großmutter ein, wo er immer wieder Konfrontationen mit den seltsamen Bewohnern hat. Er versucht seine Schuldgefühle loszuwerden und ein neues Leben zu beginnen. Doch plötzlich bietet sich ihm erneut die Gelegenheit, einem Kind das Leben zu retten.
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Kritik

Die zwei Leben des Daniel Shore hat eine Wertung von 39%
Filmemacher aus deutschen Landen entdecken allmählich das Genre des Mystery-Thrillers für sich. Dieses Terrain entpuppt sich aber oft als reichlich schlüpfriger Grund, auf dem schon manch Hollywood-Blockbuster ins Schlittern kam. Die jüngste deutsche Produktion Die Tür konnte trotz guter Ansätze auch nicht richtig überzeugen. Die zwei Leben des Daniel Shore verfolgt zwar grundsätzlich einen anderen Ansatz und arbeitet verstärkt mit paranoid-klaustrophoben Elementen, aber in Punkto Logik ist der Film alles andere als eine in sich schlüssige Konzeption und lässt den Zuschauer im negativen Sinne übers Gesehene rätseln.

Bild aus Die zwei Leben des Daniel Shore Es gibt höllisch gute Schauspieler und solche, die scheinbar direkt aus der Unterwelt auf die Erde kamen, um die Schauspielkunst in einer dämonischen Manier neu zu definieren. Wenn man mit solchen Plattitüden anfängt, kann eigentlich nur die Rede von einem besessenen Genie seiner Zunft sein, von Klaus Kinski. Es ranken sich viele Legenden um diesen Mimen, der als schöpferischer dunkler Genius Werner Herzogs gilt und 1991 im Alter von 65 Jahren in Kalifornien verstarb. Die Schauspielergene scheint er aber vererbt zu haben: Seine Tochter Nastassja, die 1961 zur Welt kam, erntete reichlich internationalen Ruhm und war zuletzt in David Lynchs Inland Empire zu sehen.

Nikolai Kinski ist der zweite Spross und entstammt aus einer späteren Ehe. Der 1976 geborene Mime hatte bereits eine Reihe kleinerer filmischer Auftritte, beispielsweise in Aeon Flux und ist auch auf der Bühne aktiv. So richtig ist er aber noch nicht aus dem übermächtigen Schatten des berühmt-berüchtigten Vaters herausgetreten. Im ersten für die große Leinwand produzierten Film von seinem Busenkumpel Michael Dreher ist Nikolai Kinski jetzt in seiner ersten großen Hauptrolle zu sehen. Er schlüpft in die Rolle des deutsch-amerikanischen Studenten Daniel Shore, der in Marokko Urlaub macht und eines Abends in einer Disco eine bezaubernde Frau kennen lernt.

Imane (Morjana Alaoui) arbeitet als Prostituierte und hofft eines Tages einen Gönner zu finden, in dessen Augen sie mehr ist, der aus Europa oder Amerika stammt und sie samt ihres kleinen Sohnes mit in ein anderes Leben fortnimmt. Als ihr Daniel begegnet und er ganz hin und weg von der Schönen ist, scheint dieser Traum in Erfüllung zu gehen. Doch in der Villa, in der Daniel Gast ist, gehen dubiose Gestalten ein und aus. Eines Tages kommt es zu einer Tragödie: Als Daniel Imanes Sohn eine Zeitlang alleine lässt, kommt dieser zu Tode. Für die Liebesbeziehung der beiden bedeutet das ebenfalls das Aus.

Muss es auch sein, denn der nächste Schnitt führt unmittelbar in die Zukunft; kurze Zeit nach diesem tragischen Vorfall: Daniel befindet sich in Deutschland und ist gerade in die Wohnung seiner just verstorbenen Großmutter gezogen. Außerdem ist er auf der Suche nach einem neuen Doktorvater, um seine Promotion abzuschließen. Aber in dem Haus, das anmutet, als wäre es einer anderen Zeit entrissen, gehen merkwürdige Dinge vor und die Figuren, welche dieses Haus bevölkern, sind ebenso bizarr - regelrecht kafkaesk. Daniel beginnt in dieser surrealen Umgebung zunehmend paranoide Tendenzen zu entwickeln und kann bald Realität von Einbildung nicht mehr auseinanderhalten. Schuldgefühle, die er wegen dem Tod des Sohnes seiner ehemaligen marokkanischen Geliebten mit sich schleppt, gesellen sich obendrein hinzu und beginnen ihn weiter zu destabilisieren. Alles gerät zunehmend aus den Fugen.

Lässt man die Plotlogik mal außen vor und interessiert sich hauptsächlich für die szenische Umsetzung, hat der in Deutschland spielende Teil visuell einiges zu bieten: lange beengt anmutende Flure, Kamerafahrten durch Schlüssellöcher und außergewöhnliche Perspektiven machen den Film (rein handwerklich) zu einem spannenden Schaustück. Die Spannung reduziert sich allerdings auf eben diese eingesetzten optischen Stilmittel und hat leider nichts mit der eigentlichen Story zu schaffen; diese ist wirr, unausgegoren und man muss schon reichlich seine Phantasie bemühen, aus den zusammenhanglosen Abläufen eine Handlung zu konstruieren.

Um die Verwirrung komplett zu machen, spult sich die Geschichte auch nicht simpel in zwei Akten ab, sondern diverse Flashbacks liefern stroboskopartig immer wieder Informationen aus dem vergangenen Leben in Marokko. Diese sollen ebenso zum Verständnis beitragen, wie die Geschehnisse in Deutschland gewissermaßen die Vorgänge in Marokko zu spiegeln suchen und damit zur Enträtselung des Mysteriums beizutragen haben. Schwer nur beides irgendwie in Deckung zu bringen, da allein schon die Optik und der jeweilige Inszenierungs-Stil sich als pures Kontrastprogramm erweisen: Was in Marokko noch eine offene Weite und eine von Leben erfüllte Welt war, reduziert sich in Deutschland auf eine klaustrophobe Wachsfigurenkabinett-Groteske. Aber vielleicht findet sich eben darin das Kongeniale, welches solche "Arthouse-Perlen" kennzeichnet - man müsste es nur verstehen können wollen.

Sollte Die zwei Leben des Daniel Shore ernsthaft darauf bedacht gewesen sein, sich als reinrassiger Mystery-Thriller zu präsentieren, liegt das Geheimnisvolle vor allem darin, überhaupt zu verstehen, wann und warum was passiert sowie herauszufinden, was davon überhaupt in dem einen oder anderen Leben Daniels als "real" anzusehen ist oder er sich doch nur einbildet; eigentlich ein eher vergebliches Unterfangen. Bei diesem detektivischen Zwischenwelten-Memory geht beinahe der Blick für die Leistung der Schauspieler verloren, die alle durchweg eine ausgereifte Performance abliefern; soweit wie eigenständige Figurenentwicklungen eben in dieser eingeengten Niemandsland-Dramaturgie möglich sind. Am Ende ist das aber auch nur eine Facette und der Film bleibt ein einziges Rätsel mit einer obendrein sehr unbefriedigenden Auflösung.

von Dimitrios Athanassiou


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