Es gibt mitunter Filme, die sind so offensichtlich daneben, dass sie schon irgendwie wieder gut sind. Manchmal sieht man sich an solch einem meschuggenen Machwerk einfach fest, und obwohl Story, Plot, Charaktere und Dramaturgie hanebüchen konstruiert anmuten, gibt es doch Ansätze, die dem Ganzen einen skurrilen Charme verleihen, so dass man einfach wissen möchte, wie es am Ende ausgeht. Unter Strom gehört nicht unbedingt zu den Filmen, die cineastisch zu begeistern vermögen, aber Freunde abgefahrener schwarzer Komödien werden vielleicht das Potenzial erkennen.
Der Ganove Frankie (Hanno Koffler) flieht aus dem Gerichtsgebäude und nimmt mehrere Geiseln: Das just geschiedene Paar Daniel und Anna (Harald Krassnitzer und Catrin Striebeck) und der Minister van Möllerbreit (Tilo Nest) kommen ihm gerade recht. Gemeinsam fahren alle zu einer abgelegenen Waldvilla. Eigentlich hatte die frische geschiedene Anna vor, sich dort mit ihrem Lover (Franz Xaver Zach) ein paar schöne Stündchen zu machen; und ihr Liebhaber erwartet sie auch schon: In Schampuslaune, Bademantel und - dank Viagra - einer Dauererektion, die den Zuschauer den Rest des Films als "Running Gag" (?) begleitet.
Regisseur Zoltan Paul, dessen zweite Regiearbeit Unter Strom ist, scheint leidlich von Filmemachern wie Quentin Tarantino und Guy Ritchie beeinflusst zu sein. Und dementsprechend deftig-markig geht es in der Folge zu. Die groteske Combo komplettiert sich Akt für Akt und immer schräger wird das zufällig-erzwungene Zusammensein. Verstärkung erhält Frankie von seiner Frau Gloria (Anna Fischer) und Frankies bestem Kumpel Cheesie (Robert Stadtlober). Die beiden hatten die Zeit, in der Frankie in U-Haft saß, zusammen in der Horizontalen reichlich ausgekostet und nun ist Gloria sogar von Cheesie schwanger. Ursprünglich wollten sie Frankie alles beichten, aber jetzt stecken sie erstmal mitten in einer Geiselnahme.
Natürlich dauert es auch nicht lange bis sich die Polizei einfindet und Geiselnehmer samt Geiseln sind nun in der Villa eingeschlossen. Leiterin des Einsatzes ist Sigrid (Sunnyi Melles), rechte Hand ihres Chefes Kaminski (Ralph Herforth) und unsterblich in diesen verschossen; der versuchte kurz zuvor auf eigene Faust den Minister aus den Händen der Ganoven zu befreien und landete prompt in den Fängen der Gangster. Grund für diese waghalsige Befreiungsaktion: Minister van Möllerbreit ist ein verkappter Homosexueller und Kaminski sein Lover. Verworren, verworren in der Tat. In dieser bizarren Groteske hat irgendwie jeder Dreck am Stecken oder zumindest ein kleines schmutziges Geheimnis.
Neun Personen, die mehr oder minder in irgendeiner Beziehung zueinander stehen, sowie diverse zweier oder dreier Amouresken verweben sich in diesem abstrusen Klamauk, der immer wieder den Anschein erweckt, er wisse mal wieder nicht wo es hingeht, um sich dann doch irgendwie wieder zu fangen. Dass die dabei genötigten Plotpointen mitunter reichlich konstruiert wirken und bei den Charakterzeichnungen nun wirklich nicht auf Glaubwürdigkeit gepocht werden darf, macht einen gehörigen Teil des trashigen Charmes des Streifen aus.
Auch wenn vieles, mit reichlich abstrusem Beziehungstwist, Ganovenpersiflage und auch einigen unappetitlichen Wendungen, an boulevardeskes Laientheater erinnert, ist zumindest der Cast durchgängig gut besetzt. Gleich eine Reihe aus Kino und TV bekannter Gesichter gibt sich ein Stelldichein. Die kleinen schrägen schauspielerischen Lichtblicke der Inszenierung gehören dabei Anna Fischer, als Gangsterbraut im Mireille-Mathieu-Look, die kürzlich auch in Liebe Mauer zu sehen war, sowie Robert Stadlober als Ganove, der sich tief in seinem Inneren vermutlich für eine Reinkarnation von "Staatsfeind Nummer eins" John Dillinger hält, Polizisten Cops nennt und offensichtlich an schwerem Realitätsverlust leidet; und sicherlich zählt die Darstellung Sunnyi Melles, der stalkenden Polizistin im Liebeswahn, zu den wirklichen Höhepunkten.
Das alles macht aber leider immer noch keinen wirklich guten Film aus Unter Strom. Zu wenig wurde sich darüber Gedanken gemacht, was hier eigentlich überhaupt erzählt werden soll und was der ganzen Show Sinn ist. Gaunerklamotte, Gangstergroteske, schwarze Komödie oder Satire? Ganz sicher kann man das am Ende nicht sagen und scheinbar waren sich die Macher darüber auch nicht wirklich im Klaren. Und dennoch hat der Streifen etwas von einem seltenen Juwel: ungeschliffen sieht es nach gar nichts aus und es mag voller Einschlüsse sein - damit also prinzipiell wertlos - doch ist und bleibt es ein Juwel. Am besten begreift man den Film als Probelauf, der für die Zukunft einiges verspricht; man darf gespannt sein, auf das nächste Projekt von Zoltan Paul.