Mei will fort aus ihrer sinnlosen und beengten Existenz in ihrem Heimatland China. Ihre Reise in den gelobten Westen führt sie über viele Niederungen. Aber auch ihr Traumziel entpuppt sich nicht als der Ort, der alle ihre Probleme lösen wird. Das äußere Ziel kann nicht ihre Selbstfindung ersetzen. Subtiler und Facettenreicher Film, der kaum bekannte Seiten Chinas offenbart und die Folgen einer globalisierten Welt aufzeigt. Anstrengend und herausfordernd, aber auch bereichernd.
Mutiges, die Schattenseiten widerspiegelndes, Kino aus dem Reich der Mitte, wie der Eigenname Chinas ins Deutsche frei übertragen lautet, ist nicht gerade das, was man auf Anhieb erwartet. Meist entstehen beim Gedanken an chinesische Filme ohnehin eher Assoziationen an Historien- und Martial-Arts-Epen. Und tatsächlich können chinesische Filmemacher provokante Visionen erst dann realisieren, wenn sie ins westliche Ausland migrieren. Zumeist sind diese Werke dann stark autobiografisch geprägt - so auch beim diesjährig vielfach beachteten und prämierten Werk She, a Chinese (Goldener Leopard beim Internationalen Filmfestival Locarno und Gewinner des Montblanc Drehbuchpreises Filmfest Hamburg), der Regisseurin Guo Xiaolu.
Der Film ist im Kern ein Roadmovie und erzählt die Geschichte von Mei (Huang Lu), die in einem kleinen Dorf einer strukturell unterentwickelten Region lebt. Bis in diese entlegene Provinz reicht der wachende Arm der Zentralregierung kaum; die patriarchale Ordnung ermöglicht Männern zudem sich mit Gewalt von Frauen einfach zu nehmen, was sie begehren. Mei träumt davon, aus China herauszukommen und ein selbstbestimmtes Leben in einer westlichen Metropole zu führen, am liebsten in London. Nachdem sie von einem Bekannten vergewaltigt wird, hält sie nichts mehr an diesem Ort. Ihre Reise führt sie in die Großstadt Chongqing. Dort arbeitet sie zunächst als Näherin in einer Fabrik, wird aber bald gefeuert und landet anschließend schnell in der sogenannten Gosse. Sich zu prostituieren scheint plötzlich die einzige Alternative, um Geld zu verdienen. Während sie im Milieu arbeitet, lernt sie den lokalen Kriminellen Spikey (Yibo Wei) kennen und beginnt eine intensive Romanze mit ihm. Spikey treibt Schutzgelder ein und erledigt allerlei Drecksarbeit für die Mafia. Seinen Anteil an den Geldern hortet er unter seiner Matratze.
Eines Tages kommt er bei einem seiner gefährlichen Jobs ums Leben. Mei nimmt das Geld an sich; für sie stellt das einen Freifahrtschein in den Westen dar. In ihrem Traumziel London angekommen, muss sie sich aber mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Als Illegale kann sie weder einer geregelten Arbeit nachgehen, noch ein Bankkonto eröffnen. Im "gelobten Land" ist sie noch lange nicht in einem freien und sicheren Leben oder bei sich selbst angekommen. Zufällig lernt sie in einem Pub den 70-jährigen Engländer Hunt (Geoffrey Hutchings) kennen. Seine Frau ist vor einiger Zeit verstorben und er fühlt sich einsam. Mei gelingt es leicht, ihn für sich zu gewinnen und später sogar ihn dazu zu bewegen, sie zu heiraten. Doch auch dieses Arrangement ist nicht das, wonach sie sich sehnt. Einige Zeit später lernt sie den jungen Inder Rachid (Chris Ryman) kennen und verliebt sich. Sie verlässt Hunt und glaubt die große Liebe gefunden zu haben, aber Rachid plant keine dauerhafte Zukunft in England.
Teilnahmslos, fast apathisch verkörpert die Protagonistin ihre Filmfigur Mei und spiegelt damit das ganze Dilemma der verlorenen Generation junger Chinesen und Chinesinnen wider. In Zeiten der weltweiten Finanzkrise und der Globalisierung, zerfällt auch die sozialistische Meganation. Arbeitslosigkeit, Chancenungleichheit, Perspektivarmut, Identitäts- und Sinnsuche der Jugend plagen heutzutage China ebenso wie die westlichen Staaten. Der Filmtitel ist bei diesem Streifen somit gewissermaßen Programm: Mei ist She, a Chinese - "Sie, eine Chinesin" unter vielen; gleichzeitig anonym wie synonym für eine Generation, die ihr Heil in westlichen Errungenschaften und in westlicher Freiheit sucht.
Geradezu symbolisch für die Wünsche vieler junger Chinesen steht hierbei Mei's Reise, die sie zwar ans erträumte Ziel führt, aber ihr weder bei ihrer Identitätssuche weiterhilft, noch dabei aus der Enge ihrer Existenz auszubrechen. Mei ist wie ein Blatt im Wind und treibt durch Regionen und Länder, ohne wirklich jemals irgendwo richtig anzukommen; ihr heißgeliebter Mp3-Player, der sie stets begleitet und beschallt, scheint gewissermaßen zugleich westliches Gadget, wie Gegenstand der Abgrenzung und Zuflucht; er ist die einzige Konstante in ihrem wechselhaften Leben.
Die Geschichte ist in vielen Zügen auch die der Regisseurin. Guo Xiaolu wuchs in einem entlegenen Dorf abseits der Zivilisation ohne Eltern auf (während der Kulturrevolution wurden die inhaftiert) und ihre einzige Bezugsperson, ihren Großvater, verlor sie durch Selbstmord. Es war ein Ort, in dem viel Gewalt herrschte, vor allem von Männern den eigenen Frauen gegenüber. Damit entpuppt sich She, a Chinese als tiefschürfende und komplexe Geschichte, die trotz oder gerade wegen eines schreiend nüchternen Erzählstils, der sich immer wieder in dem weitgehend nivellierten Gefühlsleben der Hauptdarstellerin offenbart, Kritik auf vielen Ebenen beinhaltet: Neben der allgemeinen Situation der chinesischen Jugend, wird die Rolle der Frau in diesem Land thematisiert - vor allem in entlegenen Provinzen, die nur noch sehr peripher der Jurisdiktion aus Peking unterstehen. In den Medien hierzulande wird zudem nur selten aufgezeigt, wie heterogen dieser größte Staat der Erde eigentlich ist. Und dass das Regime längst nicht alles so gut im Griff hat, wie es gerne nach außen hin darstellt.
Die deutsch-britische Co-Produktion ist alles andere als leichte Kost und verlangt vom Zuschauer nebst Geduld auch die Fähigkeit, sich auf völlig andere Lebensrealitäten einzulassen. Dafür liefert der Film aber eine ganze Reihe teils subtiler Einblicke, die alles andere als alltäglich sind. Darüber hinaus spiegeln sich in den Zusammenstößen der verschiedenen Kulturen viele Facetten der modernen globalisierten Welt wider, die zu einem tieferen Verständnis fremder Denk- und Verhaltensweisen beitragen können.