Eine Oper aus den USA erlangte Weltgeltung. Dieses Werk spiegelt das Leben in einem Südstaaten-Ghetto kurz nach dem Sezessionskrieg und stammt aus den 1930er Jahren. Das Ensemble des New York Harlem Theatre tourt mit diesem Stück seit vielen Jahren durch die ganze Welt. Für die Sänger und Darsteller eine besondere Chance, ihr Können darzubieten. Allzu viele Rollen für schwarze Opernsänger gibt es schließlich nicht. Die Dokumentation fängt Bühnen- und Touralltag ein und gibt den Akteuren in Interviews Gelegenheit, ihre ganz persönlichen Motive zu offenbaren. Interessante Doku mit eher speziellem Zielpublikum.
Ein altes Sprichwort besagt: Ein Weißer wird niemals vollends verstehen können, was es bedeutet ein Schwarzer zu sein - wenn er nicht ein paar Meilen in dessen Schuhen gelaufen ist. Neben dem Sport stellte für Schwarze jahrzehntelang die Entertainmentbranche die einzige Chance in den USA dar, um gesellschaftlich aufzusteigen. Solange Schwarze Medaillen von internationalen Sportwettkämpfen nach Hause brachten oder in Varietés, Theatern und im Film für angemessene Unterhaltung sorgten, waren sie geduldet. Diese dunklen Zeiten mögen zwar überwiegend vorbei sein, aber dennoch herrscht immer noch keine Chancengleichheit. Erstaunlicherweise existiert gerade im "klassischen Entertainmentsektor" ein Bereich, der nach wie vor eine weiße Domäne ist.
Die Oper wird fast ausschließlich von weißen Akteuren bevölkert. Es existieren nur sehr wenige Rollen für Schwarze Opernsänger und Darsteller, wie beispielsweise in Otello. Die meisten Opern wurden geschrieben, als ein Großteil der Schwarzen in den USA noch Sklaven waren oder bestenfalls als Dienstpersonal und in Fabriken arbeiteten. Allzu viele moderne Opern gibt es obendrein nicht, dementsprechend schwer ist es auch heutzutage für Schwarze, die eine klassische Gesangsausbildung haben, eine Rolle in einer Oper zu bekommen.
Vor über 70 Jahren schrieben George und Ira Gershwin die Oper Porgy & Bess. Sie stellt einen Meilenstein der amerikanischen Musikgeschichte dar, da sie überhaupt die einzige amerikanische Oper ist, die jemals Weltruhm erlangte. Gleichzeit ist sie aber auch die einzige Oper, die mittels Jazz und Blues den Einzug in die populäre Musik fand. Diese Komposition, die in Zeiten der größten Rassentrennung geschrieben wurde, kann natürlich inhaltlich nichts anderes widerspiegeln, als den Zeitgeist, der damaligen Jahre und ist somit nicht frei von Rassenklischees. Im Kern geht es aber um das Streben nach Selbstverwirklichung. Darin spiegelt sich auch die Geschichte des Ensembles, das mit diesem Stück seit vielen Jahren um die Welt tourt.
Über sieben Jahre hinweg ist die Regisseurin Susana Boehm immer wieder mit der Truppe mitgereist, um den Bühnen- und Touralltag der Darsteller einzufangen und abseits des Geschehens in persönlichen Interviews auch die tiefen Beweggründe, der Akteure zu beleuchten. Das Ensemble des New York Harlem Theatre, welches ausnahmslos aus Schwarzen besteht, ist über die vielen Jahre des gemeinsamen Spiels und der zahllosen Auftritte zu einer eingeschworenen Gemeinschaft mit ausgeprägtem Familiensinn geworden. Doch so sehr es eine besondere Chance für die meisten Sänger darstellt, Teil dieser Truppe zu sein; so sehr laufen sie Gefahr, in einem goldenen Käfig zu landen, aus dem es weder Fort- noch Weiterentwicklung geben kann.
Das zeigt sich vor allem auch in den persönlichen Biografien. Diese Sänger und Darsteller mögen es geschafft haben, aber ihre Vitas weisen erstaunlich viele Schnittpunkte mit den Lebensrealitäten der Bühnenfiguren auf, die in einem Südstaatenghetto leben. Die Darstellung einer von Alkohol, Gewalt und Aberglauben durchsetzten und geprägten Gesellschaft eines schwarzen Amerikas trifft immer noch den Nerv des Selbstverständnisses vieler Schwarzer und erlangt damit leider zeitlose Geltung. Es wundert nicht, dass die Sänger diese Facetten authentisch wiedergeben können. Viele von ihnen wuchsen in großer Armut auf, oft ohne Väter, umgeben von Drogen und Kriminalität, teils noch in den Zeiten von Rassentrennung.
Trotz all dieser interessanter Aspekte ist Porgy & Me aber keine wirklich politische oder tiefgreifend gesellschaftskritische Dokumentation. Der Fokus liegt auf dem Einfangen von Stimmungsbildern - sowohl auf, als auch abseits der Bühne. Und insgesamt ist es schlichtweg ein spezielles filmisches Format, das sich von seiner Intention eindeutig eher an Opernfans richtet. Den an Hochkultur weniger stark interessierten Zuschauer wird das Dargebotene nicht lange zu fesseln vermögen. Aus dieser Warte beurteilt, wäre ein 45-Minuten TV-Format wesentlich eingängiger gewesen.