Grundehrliche und entblößende Auseinandersetzung mit dem Musikbusiness und seinen Auswüchsen, gemessen am Beispiel und Schicksal einer Rock Band, die einstmals mit denen zusammen auftrat, die inzwischen alle Rock-History geschrieben haben. Anvil blieb dieser Ruhm versagt. Ihre Karriere zündete nicht. Aber noch immer kämpfen die beiden Gründungsmitglieder voller Engagement und Idealismus, um eine neuerliche Chance. Bewegend, berührend und ein wenig bekloppt, wie sich das für eine Doku über eine Heavy-Combo gehört, aber absolut sehenswert.
Top oder Flop? Unsterblicher Guitar Hero oder Eintagsfliege? Was entscheidet darüber, ob eine Rock Band raketengleich durchstartet oder geradewegs in der Erfolglosigkeit versumpft? Die Dokumentation Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft folgt der gleichnamigen Band, deren essentielle Bandmembers der Frontman und Gitarrist Steve "Lips" Kudlow und der Drummer Robb Reiner sind. Vor über 30 Jahren, im Jahre 1973, gründeten die beiden als 14-jährige gemeinsam eine Band, die anfänglich nach dem Nick des Frontmans Lips getauft wurde. In der späteren Formation mit Dave Allison und Ian Dickson, die sich so ab 1977 zusammenfand, begannen sie als Metal Band ihren eigenen Stil zu finden und entwickelten ihren unverwechselbaren harten Thrash-Metal-Sound. 1980 veröffentlichten sie ihr selbstproduziertes Independent-Album mit dem Titel LIPS - Hard and Heavy.
Nachdem sie einen Vertrag mit Attic Records abschließen, ändert die Band ihren Namen in Anvil, um Verwechslungen mit der seinerzeit populären Discoband Lipp Inc. zu vermeiden. Soweit hört sich alles nach einer alltäglichen Bandkarriere an, die Zeit benötigt, bis der Durchbruch gelingt. In heutigen Zeiten, in denen Bands einfach zusammengecastet werden oder sich "Talente" Stufenweise durch Bohlen-verseuchte Jurys ackern, um in Finalshows ein paar Augenblicke Ruhm zu ernten; und anschließend allermeist nach einem Album wieder in der Versenkung verschwinden, erscheinen solche Laufbahnen der Post-MTV-Jugend ("Generation-Casting") kaum mehr nachvollziehbar.
Anvil trat in den 1980ern auf Konzerten mit Größen wie Megadeth, Metallica oder Motörhead auf. Viele dieser Bands, die heute unumschränkten Kultstatus in Heavy-Metal-Kreisen genießen, sprechen immer noch mit großem Respekt von Anvil und loben deren Stil und Sound. Nicht selten wird die Band als Begründer des Power Metals oder gar Godfather of Thrash Metal bezeichnet. Und einstmals waren sie tatsächlich stadiontauglich; ihr größter Hit Metal on Metal begeisterte die Massen. Dazu lieferte Frontman "Lips" auch die passende extravagante Show ab - und brach Tabus, indem er Gitarrensoli anstatt mit der Hand mit einem Dildo zelebrierte.
Was ausblieb war die steile Karriere im Anschluss. Eigentlich gab es überhaupt nichts, was annähernd diese Bezeichnung verdienen würde. Während Bands wie Slayer, Slash, Guns'n'Roses und Whitesnake, an ihnen vorbei und davon zogen, produzierte Anvil ganze 13 Alben. Alle ohne echten Erfolg. Die beiden Protagonisten sprechen offen über die Gründe: schlechtes Management, miserable Labels, hastig produzierte Songs, schlecht abgemischte Tracks. Und oft war die Band zur richtigen Zeit einfach nicht am richtigen Ort. Verpasste Chancen kehren im Leben ebenso wenig zurück, wie das Rockgeschäft auf Bands setzt, die sich bereits auf dem absteigenden Ast befinden.
Die Doku setzt aktuell vor wenigen Jahren an: Die beiden Gründungsmitglieder halten sich notdürftig mit Brotjobs über Wasser - treffen sich aber immer noch zum Musizieren und Pläne schmieden. Immer noch glauben beide an eine neuerliche Chance und ein Comeback oder besser gesagt: den späten Aufstieg am Rockhimmel. Obwohl beide altersmäßig inzwischen in den 50ern sind und mitunter nicht wissen, wie sie ihre Miete zahlen sollen, ist die Musik immer ihr essentieller Lebensinhalt geblieben. Und es existieren rund um die Welt nach wie vor Fans, die sie immer wieder aufs Neue ermutigen. Eine von ihnen organisiert sogar eine Tournee quer durch Europa. Die Kamera ist immer dabei - begleitet Anvil bei den wenigen Lichtmomenten und vielen Tiefpunkten der Tour: Auftritten in drittklassigen Clubs; von-Stadt-zu-Stadt-tingeln; sich Verfahren; Auftritte versäumen; Clubbesitzern, die nicht zahlen wollen; und beinahe Zerwürfnisse innerhalb der Band.
Erstaunlicherweise leben Reiner und "Lips" genau für solche Augenblicke und wollen sie trotz aller Niederschläge, die kommen, nicht missen. Man mag dieses Festhalten an einen Jugendtraum für infantil oder verbohrt halten. In den beiden gar zwei "Hanswürste" sehen, die einfach nicht in der Realität ankommen wollen. Wenn man sich aber auf diese Geschichte und das Schicksal dieser Band einlässt, wird man unweigerlich davon berührt werden. Dieser Idealismus, komme was wolle, ist durchaus etwas, wovon sich Mancheiner eine Scheibe abschneiden kann. Wie viele Menschen begraben ihre Träume vorschnell, um Jahrzehnte später zurückzublicken und zu sagen: Hätte ich es mal probiert!.
Die entblößende Grundehrlichkeit und der Seelenstrip, den die beiden vor der Kamera hinlegen, ist das wovon diese Doku lebt. Darüber hinaus werden etliche Einblicke in das Geschehen im und rund ums Musikbusiness geliefert, die den Nichtkennern des Metiers nicht ohne weiteres geläufig sein dürften: die unbarmherzige Vermarktung und die gnadenlose Selektion danach, ob sich mit einer Band die Massen mobilisieren lassen (unabhängig von der musikalischen Qualität). Den Kernsatz, den man bei diesem - auch für Heavy-Metal-Nichtfans - absolut sehenswerten Film als Resümee aus dem Munde von "Lips" mitnehmen kann, lautet: 99,9 Prozent aller Bands werden von den Plattenstudios niemals bezahlt!