Für ausgesprochene politische Toleranz war die Türkei noch nie bekannt. Herbst greift Ereignisse der jüngsten Gegenwartsgeschichte dieses Landes auf, um exemplarisch am Schicksal eines jungen Mannes, der wegen seiner Beteiligung an Studentenprotesten lange Zeit im Gefängnis saß, Charakterstudien gebrochener Charaktere zu betreiben. Leidlich unaufgeregt und ohne nennenswerte politische Ambition gelingt dies. Darüber hinaus liefern poetische Naturbilder die passende Impression zu jeder unausgesprochenen Emotion. Intelligent inszeniertes Arthouse-Kino, dem vielleicht die letztendliche Bedeutungsschwere fehlt, das aber durchaus zu faszinieren vermag.
Ein paar Augenblicke lang glaubt man, in einem halbdokumentarischen Gefängnisthriller gelandet zu sein. Diese flüchtigen Eindrücke sind aber nur Mittel zum Zweck und dienen, auch später in Rückblenden, dazu, einer Geschichte, die zehn Jahre zuvor begann, im Heute den nötigen Unterbau zu verpassen. Yusuf (Onur Saylak) beteiligte sich als junger Mann an sozialistischen Studentenprozessen. Vor Gericht wurde er deswegen zu einer langjährigen Haftstrafe in einem Hochsicherheitsgefängnis in der Nähe von Istanbul verurteilt. Die furchtbaren Zustände dort, und ein Hungerstreik, an dem er sich beteiligte, um gegen die schlechte Behandlung zu protestieren, ruinierten seine Gesundheit. Yusuf leidet an Tuberkulose und seine Prognose ist schlecht.
Aus diesem Grunde wird er vorzeitig entlassen. Er reist zu seiner Mutter in den äußersten Nordosten der Türkei, an der Grenze zu Georgien. Einer Region geprägt von hohen Bergen und sattem Grün, die urtümlich anmutet. Die alte Frau ist überaus glücklich, ihren Sohn zu Gesicht zu bekommen. Sie hatte schon fast nicht mehr daran geglaubt, dass es ihr vergönnt sein würde, ihn noch einmal sehen zu dürfen. Yusuf freut sich ebenfalls sehr und genießt die letzen spätsommerlichen Tage, in den, vom herannahenden Herbst, bereits "bunt angemalten" Wäldern.
Leider ist er zum Leidwesen seiner Mutter aber wenig redselig. Sie spürt, dass es ihm nicht gut geht, dass ihn etwas bedrückt, kann ihn aber nicht dazu bewegen, sich zu öffnen und von seiner Haftzeit sowie von dem zu erzählen, was an ihm nagt. Nur sein alter Studienfreund Mikail (Serkan Keskin) und die 24-jährige Russin Eka (Megi Kobaladze), die er per Zufall eines Abends kennen lernt und die als Prostituierte arbeitet, finden einen Zugang zu ihm. Insbesondere Eka beginnt er sich, während ihrer wiederholten Treffen, bei denen es nicht einmal um Sex geht, allmählich zu öffnen. Mit der Zeit verliebt er sich in die junge Frau, aber diese Verbindung kann so oder anders kein glückliches Ende nehmen.
Der Erstling des Regisseurs Özcan Alpers steht in der Tradition typischen Arthouse-Kinos. Auf diversen Festivals bereits mit Preisen überhäuft, stellt dieses erfreulich untypische, türkische Rührstück sehr brüchige Menschen in den Mittelpunkt. Erstaunlicherweise gelingt es dem Melodram dabei sogar ohne ausufernde Psychogramme zu skizzieren, eine angenehm menschelnde Atmosphäre zu erzeugen. Überhaupt sind es Stimmungen und Stimmungsbilder, die Herbst besonders kennzeichnen: grundsätzlich in einer poetischen Melancholie schwelgend, geraten alle in blaues Licht getauchte Nachmittage am Meer oder die rotgolden schimmernden Abende in den Bergen zu meditativen Augenblicken. Der Film schwelgt regelrecht in einem kontemplativen Flair, das kennzeichnend für das Grundmotiv dieser Geschichte ist, die vom Abschiednehmen handelt.
Sonst eher von erzählerischem Purismus geprägt, lebt Herbst nebst dieser Inneneinkehr ausgesprochen von seinen abwechslungsreichen wie phantastischen Landschaftsmalereien. Allein die schier unerschöpfliche Vielfalt an beeindruckenden Naturimpressionen, die sich so ganz anders darstellen, als das übliche Bild, das man von der Türkei hat, lassen den Film - trotz leidlich dünner Erzählstruktur - nie langatmig erscheinen. Zudem scheinen jede Pose und jeder Blick, der überaus authentisch agierenden Darsteller zu sitzen. Vorzuwerfen wäre höchstens noch, dass bei all der poetisch-melancholisch und malerischen Inszenierung übersehen wurde, Entwicklungen einzuleiten, die zu tieferen (Bedeutungs-)Ebenen hätten führen können.
Zwar nutzt Herbst in der Rückblendenstruktur durchaus auch mal Stilmittel, die nicht derart deutlich entschleunigt sind, diese dienen aber nicht mehr als dem Zweck, abermals Stimmungen wiederzugeben - in diesem Falle einer politisch explosiven Periode in der jüngsten Vergangenheit der Türkei. Das aber beiseite gelassen, lädt Herbst zum Sinnieren, Schwelgen und Partizipieren an einer im Grunde sehr traurigen Geschichte ein, die ohne aufgesetztes Pathos oder bemühte Emotionen auskommt. Angenehmes wie unaufdringliches Arthouse-Kino, das man sich ruhig gönnen darf.