Friedensschlag - Das Jahr der Entscheidung Poster

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Friedensschlag - Das Jahr der Entscheidung

(Friedensschlag - Das Jahr der Entscheidung, 2010)

Dt.Start: 15. April 2010 Premiere: 18. März 2010 (Deutschland)
FSK: ab 12 Genre: Dokumentation
Länge: 107 min Land: Deutschland
Darsteller: n/a
Regie: Gerardo Milsztein
Drehbuch: nicht bekannt


Inhalt

Immer mehr männliche Jugendliche brechen die Schule oder ihre Lehre ab, rutschen in Gewalt und Kriminalität und kommen aus ihren Handlungsmustern schlecht wieder heraus. In der Work & Box Company kümmern sich Rupert Voss und Werner Makella gezielt um verhaltensauffällige Jugendliche und versuchen sie vor dem Hintergrund der männlichen Psyche auf einen neuen Weg zu bringen. Fünf junge, gewaltbereite junge Männer werden bei ihrem Neuanfang begleitet. Vor allem das Boxen soll ihnen helfen, den Kampf im Leben, der sich vor allem gegen sie selbst richtet, auszufechten.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Friedensschlag - Das Jahr der Entscheidung hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 58%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Friedensschlag - Das Jahr der Entscheidung hat eine Wertung von 58%
Heutzutage haben klassische Rollenmuster ausgedient. In den westlichen Staaten ist die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau längst Alltag. Auf der andern Seite gibt es immer noch Familien, in denen nach wie vor ein anderes Verständnis davon herrscht. Die jungen Männer, die aus solchen Familien stammen, kommen schlecht damit klar, dass das, was zu Hause richtig ist, draußen falsch sein soll. Das führt zur Orientierungslosigkeit, Frustration und resultiert oft in einem Gewaltteufelskreis. Die Dokumentation Friedensschlag - Das Jahr der Entscheidung zeigt, wie der Weg dort hinaus aussehen könnte, lässt aber auch viele Fragen offen.

Bild aus Friedensschlag - Das Jahr der Entscheidung Das Leben ist für diese Jungs noch nie ein Zuckerschlecken gewesen. Schon von Haus aus gibt man ihnen archaische Maximen mit: Ihre Eltern leben ihnen ein Familienmodell vor, bei dem die Frau sich dem Mann klar unterordnet und ein richtiger Mann nur der ist, der sich auch physisch durchsetzt. Die Welt um sie herum funktioniert längst nicht mehr nach solchen Vorgaben. Der Konflikt mit der Außenwelt ist damit bereits vorprogrammiert. Mit ihrem anerzogenen Verhalten ernten sie draußen nichts anderes als Kopfschütteln, Unverständnis, Kritik und Zurückweisung. Wie auf Knopfdruck reagieren diese jungen Männer, die sich dann in ihrem Selbstbild und Selbstverständnis gekränkt fühlen, ihrerseits mit Aggression. Ihr Leben lang haben sie schließlich als richtig vorgelebt bekommen, dass ein Mann sich immer und mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln durchsetzen darf.

Auf Druck antworten diese Jungs mit noch stärkerem Gegendruck. Mit Autorität haben sie im Allgemeinen ein Problem. Vor allem, wenn es sich dabei um fachlich und disziplinarisch Vorgesetzte handelt. Ein vernünftiger Schulabschluss und eine Ausbildungsstelle oder ein Arbeitsplatz rücken mit diesem Verhalten schnell in die Ferne. Ein Teufelskreis entsteht, der kaum zu durchbrechen ist; und der früher oder später auch ernste juristische Konsequenzen nach sich zieht. Irgendwann landen die meisten vor Gericht - in der Regel wegen irgendeines Körperverletzungsdeliktes. Am Anfang stehen vielleicht noch Sozialstunden oder Bewährungsstrafen. Es ist aber meist nur eine Frage der Zeit, bis irgendwann eine richtige Haftstrafe folgt. Und wer erstmal gesessen hat, ist nicht nur gesellschaftlich gebrandmarkt; oft sind diese Männer nach dem Gefängnisaufenthalt erst richtig für eine kriminelle Laufbahn geprägt.

Die letzte Chance für einige dieser Jugendlichen stellt die Work and Box Company dar. Sie selbst haben die Wahl: entweder das oder der Knast. Es ist ein Programm, in dem die Jungs lernen sollen, ihre angestauten Aggressionen und ihre Energie, die sie bis dato nur zerstörerisch einsetzten, nun auch produktiv und vor allem kontrolliert einzusetzen. Ohne tiefgreifende Auseinandersetzung mit ihrem Inneren, den Verletzungen und Zurückweisungen, die sie erdulden mussten, wird das nicht gelingen. Und nicht jeder ist ohne weiteres dazu bereit. Vielleicht ist es zu schmerzvoll, möglicherweise ist manch einer auch schon so in seinem Verhalten eingefahren und blockt instinktiv alles und jeden, der an ihn heran will, ab.

Die Pädagogen in diesem Programm haben eine spezielle Methode, um diese Verhaltensmuster aufzubrechen: Boxtraining. Es heißt, im Ring muss jeder sein wahres Ich offenbaren. Es gibt dort keine Lüge mehr. Bist du ein Fighter, ein Steher, ein Nehmer, ein Bluffer, ein Trickser und Taktiker oder womöglich gar ein Feigling? Es wird sich zeigen. Im Ring gibt es kein Ausweichen, ebenso wie man sich dem Gegner stellt, muss man sich auch sich selbst stellen. Das soll helfen, die innere Isolation und Abkapselung der jungen Männer aufzubrechen und ihnen ein neues Selbstwertgefühl zu vermitteln. Es geht letzten Endes darum, Kontrolle über die Gewalt zu bekommen. Ihre Leben wurden in irgendeiner Form immer davon geprägt und beherrscht. Nun lernen sie, dass sie selber darüber Kontrolle gewinnen können - wenn sie bereit sind, sich ihren Ängsten und Affekten zu stellen.

Regisseur Gerardo Milsztein dokumentiert in seinem Film Friedensschlag - Das Jahr der Entscheidung den schwierigen Prozess der Veränderung, den die Jugendlichen und jungen Männer im Alter von 16 - 21 Jahren durchlaufen. Zum ersten Mal in ihrem Leben lernen sie Disziplin, erleben positive Vaterfiguren, die nicht mittels Brutalität ihren Willen durchsetzen und das für die Austragung von Konflikten auch andere Mittel existieren. Die Kamera ist dabei stiller Beobachter, es braucht auch nichts kommentiert zu werden. Die Bilder sprechen meist für sich. Und die Erfolgsquote des Programms ebenfalls: 80 Prozent bekommen nach seiner erfolgreichen Beendigung eine Ausbildungsstelle oder einen Arbeitsplatz.

Bei allem positiven Ausblick stellen sich aber ein paar Fragen. Die Antworten darauf zu geben, mag nicht die gestellte Aufgabe der Doku gewesen sein, doch manche Gedankengänge kommen beim kritischen Hinterfragen wie von selbst: Es mag sein, dass diese Straffälligen ihre Traumata mit diesem Programm aufarbeiten und damit die Chance bekommen, Herr über ihre eigenen Emotionen zu werden. Aber was ist mit dem, was sie ihren Opfern antaten? Ist das nun vergeben und vergessen? Und wird das jetzt Trend, solange in der Psyche von Tätern herumzuwühlen, bis man in irgendeinem Winkel das verletzte Kind findet? Die vorgestellten Teilnehmer des Programms sind leider nicht einfach im Kern gute Jungs, die mal was Dummes getan haben. Ist jetzt dank Boxtraining gesichert, dass sie nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen? Und welche Langzeitstudien existieren? Eine Ausbildungsstelle oder Arbeitsplatz bekommen ist eine Sache, eine andere aber diesen auch zu behalten und die Chance auf ein produktives Leben wirklich zu nutzen. Friedensschlag - Das Jahr der Entscheidung gewährt interessante Einblicke und konfrontiert mit authentischen Schicksalen, die außerhalb medienkonstruierter Super-Nanny-Realitäten liegen, lässt aber auch einige Fragen offen.



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