Eine Geschichte aus einem Armutsviertel am Rande der brasilianischen Stadt Sao Paulo. Vier junge Frauen leben dort und hoffen auf ihren Durchbruch als Gesangsgruppe. Was selbst mit Talent aus einer normalprivilegierten sozialen Schicht nicht einfach ist, wäre für die vier der einzige Weg, dem Elend zu entkommen, aber das Slum und die Zustände dort lassen niemanden so leicht weg. Nette Geschichte, aber ohne echten inszenatorischen Genius oder dramaturgischen Kick erzählt. Es bleibt beim Partizipieren ohne wirkliches Mitfiebern.
In kaum einem anderen Land der Erde klafft die Spanne zwischen Arm und Reich dermaßen weit auseinander wie in Brasilien. Gleich neben urbanen Glaspalästen und Multimillionärs-Villen beginnen die Elendsviertel, Slums und Unterprivilegierten-Ghettos. Dort herrschen Gewalt, Bandenkriminalität, allgegenwärtiger Chauvinismus und rigoroser Machismo vor. Kein guter Platz für junge Frauen. Mit dem aktuellen Film Antonia der Regisseurin Tata Amaral kehrt die Filmemacherin zurück nach Sao Paulo, ihrer Heimatstadt.
Auf den ersten Blick erweckt der Streifen den Eindruck einer Hautnah-Reality-Doku, bei der sich die Handkamera stets mit den Protagonisten auf Augenhöhe befindet und diese überallhin begleitet.
In Wirklichkeit handelt es sich aber um einen Spielfilm - in einer Mischung aus Musikfilm und Sozialdrama. Neu sind solche Werke, in denen musikalische Elemente und Milieu-Motive miteinander verknüpft werden, nicht unbedingt: Schon Leonard Bernsteins Musical West Side Story griff das Thema rivalisierender, ethnisch unterschiedlicher Banden auf. Und die Dokumentation Porgy & Me zeigte auf, wie man sich dank der Musik aus dem Ghetto heraus emanzipieren kann.
Antonia kombiniert einiges davon. Im Mittelpunkt stehen bei der Geschichte die Schicksale vier junger Frauen, die schon seit ihrer Kindheit befreundet sind. Sie treten gemeinsam als Rap- und Soul-Combo auf und träumen von einer Karriere auf der Bühne. Derzeit verdienen sie noch ihr Geld als Background-Sängerinnen, doch langfristig wollen sie den großen Erfolg mit ihrer eigenen Gruppe, die sie auf den Namen Antonia getauft haben. Gerade aber als sich die ersten Erfolge einzustellen beginnen, holt sie die Gewalt aus dem Slum wieder ein: Als die vier von einem Auftritt nach Hause kommen, liegen Barbarah's (Leilah Moreno) Bruder und sein bester Freund nach einem Überfall einer Straßengang schwerverletzt auf der Straße; trotz eines schnellen Transports in ein Krankenhaus kann dort nur noch einem der beiden geholfen werden.
Eine andere junge Frau der Gruppe hat indes Ärger mit ihrem Ex-Mann, der mit Nachdruck versucht sie und das gemeinsame Kind wieder zurück zu bekommen. Und ein weiteres Mädel wird von ihrem Freund schwanger, der eigentlich überhaupt keine Kinder will und nun verlangt, dass sie aus der Gruppe aussteigt. Drama, Drama - und das allgegenwärtig! Doch angesichts der Bilder, die man aus Nachrichten und Dokumentationen über südamerikanische Elendsviertel kennt, wirkt die Intensität und die Zuspitzung der Geschichte hier, gelinde gesagt, zahm. Die Story plätschert meist sanft dahin - die wenigen Höhepunkte reißen gelegentlich aus der Gleichförmigkeit heraus - und die Musikeinlagen sorgen für etwas Stimmung.
Für ein echtes Sozialdrama mit Slum-Milieu-Feeling passiert aber eindeutig zu wenig. Letzten Endes nicht viel mehr als in manchen Plattenbau-Migrations-Hot-Spots hierzulande auch möglich wäre. Zwar ist vom optischen Eindruck her schon gewiss, dass man sich in einem brasilianischen Armutsviertel aufhält, aber selten kommt das beabsichtigte Flair wirklich auf. Das verhindert schon die beengte Kamera-Perspektive. Die Laiendarstellerinnen (welche die Regisseurin gerne einsetzt) begleitend, wird man meist nicht den Eindruck los, gewissermaßen im örtlichen Slum spazieren zu gehen. Das verpasst dem Film leider den Stempel der Belanglosigkeit und auch der Austauschbarkeit.
Schlussendlich ist der Film auf seiner Minusseite trotz einiger negativer milieuüblicher Akzente einfach schlichtweg dramaturgisch zu brav umgesetzt und ohne beherzte Ambition für eine Zuspitzung inszeniert, die für solche Geschichten schlichtweg unerlässlich ist. Überdies erinnert das Springen von Schicksal zu Schicksal zu sehr an einen Episodenfilm, was sich obendrein erzählerisch nicht sonderlich förderlich auswirkt und das wenige an vorhandenem Plot zerfahren erscheinen lässt. Andererseits aber hat der Film das Plus, dass er trotz allem halbwegs kurzweilig ist, da er sich eben nirgends tief hineinwagt und obendrein auch ohne jedwedes aufgesetztes Pathos auskommt. Optimaler Weise wartet man einfach solange bis der Kultursender arte den Film ins Programm nimmt und schaut ihn sich dann dort an. Fürs Kino ist er kein unbedingtes Must- have.