Die Filmproduzenten-Gemeinde scheint ein neues Allzweckrezept entdeckt zu haben, um sich die Taschen zu füllen. Plötzlich werden reihum geradezu inflationär Kinderbücher adaptiert. Die Logik dahinter ist relativ simpel: Wenn ohnehin bereits eine Fangemeinde existiert, warum diese nicht einfach abgrasen, indem man ihnen einen filmischen Aufguss ihrer literarischen Helden vorsetzt. Hier kommt Lola! ist genau das. Am schlimmsten an dieser Vorgehensweise ist diesmal aber, wie lieblos alles zusammengerührt wurde. Eigentlich schon fast eine Frechheit.
Gute Geschichten, welche die Phantasie anregen und den Charakter bilden, sind für Kinder, Jugendliche und Heranwachsende schon in der Vergangenheit immer das Salz in der Suppe gewesen. Egal ob man als Beispiel die Storys aus der Feder der im Jahr 2002 verstorbenen schwedischen Autorin Astrid Lindgren heranzieht - deren Mittelpunkt mehr die Freundschaft als die Moral war - oder die kultige Anime-Serie aus Japan Captain Future betrachtet, die ganz klar Wissen vermitteln und im positiven Sinn pädagogisieren wollte; allen gemein war, dass dort mit Sachverstand und Liebe zum Detail vorgegangen wurde.
Natürlich finden sich aber auch aus deutschen Landen gelungene Beispiele, wie TKKG - Das Geheimnis um die rätselhafte Mind-Machine oder die Vorstadtkrokodile, welche inzwischen sogar zwei zeitgemäße Kinoabenteuer spendiert bekommen haben. Und auch bei diesen wurde früher der Schwerpunkt auf "inhaltlich sinnig" gelegt. Das soll natürlich nicht heißen, dass alles was heutzutage produziert wird, automatisch nur noch Quark ist. Lippels Traum stellte letztjährig ein recht gelungenes positives Beispiel dar, auch wenn der Film in Sachen Tempo etwas mit angezogener Handbremse unterwegs war. Genau das scheint oft das Problem aktueller Produktionen zu sein: entweder die Geschichten sind total überladen und überdreht, wie in Arthur und die Minimoys 2 - Die Rückkehr des bösen M oder sie legen mehr Wert auf eine gute und plausible Story, wirken dann aber oft reichlich lahm bis zuweilen sogar fade.
Basierend auf dem überaus erfolgreichen Erstling der Lola-Jugendbuchserie der Autorin Isabel Abedi, deren Bücher bereits in 13 Sprachen übersetzt wurden, inszeniert die Regisseurin Franziska Buch Hier kommt Lola!; die Geschichte einer aufgeweckten Neunjährigen, die sich nach einem Umzug ihrer Eltern in die Großstadt Hamburg nicht mehr richtig wohl fühlt. Ebenso wie die Großen versucht auch sie in der neuen Wahlheimat anzukommen und wenn schon nicht viele Freunde, zumindest eine beste Freundin zu finden.
Ihr eigentlich aus Brasilien stammender Vater Fabio (Fernando Spengler), den Lola liebevoll "Papai" nennt, hatte in Deutschland ebenfalls Aklimatisierungs-Schwierigkeiten; die lagen vor allem darin, dass er wegen seiner Hautfarbe immer wieder Anfeindungen ausgesetzt war. Auch das stellte einen Grund für den Umzug nach Hamburg dar. Dort möchte er jetzt gemeinsam mit seiner Frau und Lolas Mutter Viktualia (Julia Jentsch) ein brasilianisches Restaurant eröffnen. Dementsprechend viel gibt es die Tage für alle zu tun und deshalb richtet sich auch nicht soviel Aufmerksamkeit wie sonst auf Lola.
Diese versucht in der neuen Schule Anschluss zu finden, aber leider entpuppen sich die Mädchen dort entweder als verwöhnte Großstadtgören oder als derart vielbeschäftigt, dass ihnen überhaupt keine Zeit für eine Freundschaft bleibt. Nur Flo (Felina Czycykowski), die von allen geschnitten wird, wollte von sich aus Kontakt aufnehmen. Leider aber riecht Flo penetrant nach Fisch, da sie ihrer Mutter Penelope (Nora Tschirner) nach der Schule immer in deren Fischbude helfen muss. Und Lola verabscheut nur noch eine Sache auf der Welt mehr als Fischgeruch - und das sind Frösche. Ungünstige Vorzeichen, um Freundinnen werden zu können.
Im Prinzip enthält dieser Film all die Motive und Elemente, die für einen typischen Kinderfilm notwendig sind: Einsamkeit, Isolation, Suche nach Freundschaft, die Eltern sind mit anderen Dingen beschäftigt, ein paar illustre Wendungen und etwas Situationskomik gibt es obendrein. Scheinbar fühlte sich aber niemand zuständig, die Macher darüber aufzuklären, dass perlenkettenartiges Aneinanderreihen dieser Ingredienzien oder gar sinnarmes Aufs-Gerate-Wohl-Verquirlen, noch lange keinen ansehnlichen Film produziert.
Genau diesen Eindruck erweckt aber Hier kommt Lola!. Ein wenig hiervon und etwas davon, dazu ein paar sympathische Schauspieler (samt Universalwunderwaffe Nora Tschirner), schon wird aus einem synthetischen Einheitsbrei ein mundgerechter Film? Diesmal hat dieses simple Kochrezept jedenfalls nicht funktioniert. Die Geschichte ist selbst für einen Kinderfilm leidlich zu naiv und vorhersehbar, wartet mit zu vielen höchst plakativen Momenten auf, und es gelingt ihm schlussendlich keine besondere Stimmung oder Atmosphäre aufzubauen. Kurzgesagt wirkt das Dargebotene regelrecht wie uninteressiert abgefilmt und anschließend unmotiviert zusammengeschnitten. Ganz nach dem Motto, der Zielgruppe wird es dennoch schon munden. Diese Produzentenlogik stößt nicht nur sauer auf, sondern ist eine Beleidigung für jeden jungen Kinogast, der möglicherweise sein Taschengeld für diese Gähnnummer opfert.