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Die Fremde

(Die Fremde, 2010)

Dt.Start: 11. März 2010
DVD: 27. August 2010
Premiere: 11. März 2010 (Deutschland)
FSK: nicht bekannt Genre: Drama
Länge: 119 min Land: Deutschland
Darsteller: Sibel Kekilli (Umay), Nizam Schiller (Cem), Derya Alabora (Halyme), Settar Tanriogen (Kader), Serhad Can (Acar), Almila Bagriacik (Rana), Tamer Yigit (Mehmet), Alwara Höfels (Atife), Florian Lukas (Stipe), Blanca Apilanez Fernandez (Carmen), Mustafa Jouni (Mete), Nursel Köse (Gül), Ufuk Bayraktar (Kemal)
Regie: Feo Aladag
Drehbuch: Feo Aladag


Inhalt

Umay ist die Mutter eines kleinen Sohnes. Um diesem ein besseres Leben zu ermöglichen, verlässt sie ihren Ehemann und zieht von der Türkei nach Deutschland. Sie hatte sich auf ihre in Berlin lebende Mutter verlassen, diese erweist sich aber als keine allzu große Hilfe. Umay ist entschlossen, sich durchzusetzen, aber die Probleme scheinen größer zu werden und zunächst ist keine Besserung in Sicht.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Die Fremde hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 77%
Kurzkritik
von Benjamin Schieler
Wertung von 75 für Die Fremde

Emotional war die Reaktion von Sibel Kekilli, als sie 2010 die Lola als beste weibliche Hauptdarstellerin bekam. Dass sie sich beim Deutschen Filmpreis unter anderem gegen so starke Konkurrenz wie Corinna Harfouch (nominiert für This is Love) durchsetzte, kann durchaus als symbolische Geste angesehen werden. Nichtsdestotrotz ist ihre Rolle als junge türkische Mutter, die sich von ihrem Istanbuler Mann emanzipiert und ihre Berliner Familie in Unehre stürzt, mitreißend, der Film insgesamt verstörend. Dem deutschen Publikum weist er den Weg in eine letztlich unbekannte Welt direkt vor der eigenen Haustür. Die Konfrontation mit einem fremden Werte- und Hierarchiesystem, das hierzulande nur auf Unverständnis stoßen kann, ist alles andere als leichte Kost.

Kurzkritik
von Daniel Licha
Wertung von 86 für Die Fremde

Wer hätte gedacht, dass aus einer ehemaligen Pornodarstellerin eine solch gestandene Schauspielerin werden würde. Sibel Kekilli hat schon in Gegen die Wand beeindruckt, doch was sie hier abliefert setzt dem Ganzen nochmals die Krone auf! Sie trifft immer den richtigen Ton, kann ihre Emotionen glaubhaft an den Mann bringen und hat zudem noch eine unglaubliche Ausstrahlung. Sie alleine ist jedes Eintrittsgeld wert, aber auch die Geschichte um eine türkische Frau, die sich von ihrem Mann scheiden lässt, seitdem von ihrer Familie ausgeschlossen wird und sich selbst vor Anschlägen fürchten muss, ist ergreifend und glaubwürdig geschildert. Sicherlich wurde das Thema schon häufig behandelt, aber so real und konsequent bekommt man es selten zu sehen. Ein großartiger Film und einer der besten Filme des Kinojahres 2010.

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Die Fremde hat eine Wertung von 70%
Emotional starke wie bewegende Geschichte um eine Frau, die sich gegen Traditionen und Wertvorstellungen auflehnt, die eine individuelle Freiheit unterbinden, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sibel Kekilli, die selber als ausgesprochene Rebellin bezeichnet werden kann, beweist abermals ihre Fähigkeit, diesen Frauen eine glaubwürdige Erscheinung zu verleihen. Die Fremde ist ein mutiger und bedeutsamer Film, der sich eines sehr schwierigen Themas annimmt und versucht aufzuzeigen, dass keine Tradition existieren kann, die etwas grundsätzlich Falsches in etwas Richtiges zu verwandeln vermag.

Bild aus Die Fremde Sogenannte Ehrenmorde, in Wirklichkeit Morde aus niederträchtigen Motiven und die individuelle Freiheit jedes Menschen verachtenden Beweggründen, sind ein ganz großes Übel unserer modernen multikulturellen Gesellschaft. Im Prinzip betrifft dieses Problem ausschließlich islamische Kulturkreise. Dort herrscht teilweise immer noch die Vorstellung, dass Frauen sich ohne zu murren dem Willen der Väter und Brüder und später ihrer Ehemänner zu unterwerfen haben. Ein wirkliches Recht, den künftigen Bräutigam selbst auszusuchen, gibt es oft nicht. Und wurden sie erstmal (zwangs)verheiratet, existiert in der Regel auch kaum ein Weg zurück.

Es mag ungemein klischeehaft klingen, leider aber ist daran mehr Wahrheit, als einem lieb sein kann. In Deutschland gab es im Jahr 2009 erwiesenermaßen 25 solcher Ehrenverbrechen, international spricht man von 5.000 bestätigten Vorfällen. Die Dunkelziffer liegt vermutlich um etliches höher. Weltweit könnten jedes Jahr bis zu 100.000 Ehrenmorde stattfinden. Das Land, das diese erschreckende Bilanz anführt, ist Pakistan. Oft sind es die Ex-Ehemänner oder nahe stehende Verwandte: der jüngste Bruder oder Cousin. Gerade in westlichen Ländern wird meist ein männliches Familienmitglied für diese Tat abgestellt, das noch nicht volljährig ist. Dieses darf mit einer Jugendhaftstrafe rechnen, die unter dem Erwachsenenstrafrecht angesiedelt ist.

In Die Fremde steht solch eine "typische türkische Familie" mit strikt patriarchaler Ausrichtung im Mittelpunkt. Hauptperson der Geschichte ist die 25-jährige Umay (Sibel Kekilli), welche das Leben mit ihrem rücksichtslosen Ehemann in Istanbul nicht mehr erträgt. Als sie eines Tages zusammen mit ihrem kleinen Sohn Cem (Nizam Schiller) vor der Tür ihrer Eltern steht, die in Berlin leben, halten es alle für einen Überraschungsbesuch. An die Möglichkeit, dass sich ihre Tochter von ihrem Ehemann trennen will, denkt niemand. Lange kann Umay ihre Absichten nicht geheim halten. Mit familiärem Rückhalt darf sie aber nicht rechnen. Im Gegenteil: Alle sind entsetzt. Die Ehre der Familie steht auf dem Spiel. Besonders ihr Vater denkt nur an den Gesichtsverlust und die Stigmatisierung, die er durch die anderen türkischen Familien erleiden könnte.

Umay soll auf der Stelle zurück zu ihrem Mann in die Türkei, der will sie aber gar nicht mehr. Für ihn ist sie jetzt eine Deutschländer-Hure. Das einzige, was er haben will, ist der gemeinsame Sohn. Er soll keinesfalls bei dieser Frau in Deutschland aufwachsen. Und dafür ist er grundsätzlich bereit alles zu tun. Natürlich gibt Umay ihren Sohn nicht her, benötigt aber die Unterstützung der Polizei, um aus dem elterlichen Heim weg zu kommen. Als sie in ein Frauenhaus zieht, düpiert sie die Familie damit noch mehr. Scheinbar existiert jetzt nur noch ein Weg, diese Ehrenscharte wieder aus der Welt zu tilgen.

Nach ihrer Rolle in Fatih Akins Gegen die Wand stellt Sibel Kekilli erneut unter Beweis, dass sie genau die Richtige für solche Rollen ist. Nahezu perfekt verkörpert sie abermals eine Frau, die gegen alle Konventionen ihrer Kultur und eines diffusen wie längst überholten (Pseudo)Ehrenbegriffes versucht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dabei stehen streng genommen weder die türkischen Migranten noch der muslimische Kulturkreis an sich am Pranger. Vielmehr thematisiert der Film das Aufbrechen von überholten Wertvorstellungen, den Mangel an Toleranz anderen Lebensmodellen gegenüber und die fehlenden Freiheitsgrade für Frauen. Der heranzitierte Migrantenkreis hält zwar exemplarisch für die Geschichte her, fungiert aber nicht als allgemeingültiges Beispiel. Noch in den 1950er Jahren war gesetzlich verankert, dass Frauen in Deutschland ohne die Erlaubnis ihrer Ehemänner weder einen Führerschein machen, noch ein Konto eröffnen oder einem Beruf nachgehen durften. Auch hier waren erst ein Wandel und ein Umdenken notwendig.

Die Fremde präsentiert sich als ebenso komplexes wie feinfühlig inszeniertes Drama, das zwangsläufig bewegt, zuweilen aber auch wütend macht. Ebenso wie die Zerrissenheit der Charaktere eingefangen wird, spiegelt sich auch ein hohes Maß an Ohnmacht in den Handlungen aller Beteiligten wider. Aus diesem Geflecht aus überholten Ehrbegriffen, archaischen Traditionen, die blind befolgt werden und höriger Familienloyalität bis zur Aufgabe der eigenen Existenz hin, scheint kaum ein Ausweg möglich. Selbst der Totalbruch mit alldem zieht letzten Endes schwerwiegende Konsequenzen nach sich. Dieses allgegenwärtige Gefangensein und die generelle Hoffnungsarmut graben sich nachhaltig ein und verleihen dem Film Bedeutungsschwere.

So stark aber der Film in der emotionalen Schilderung gerät, gibt es erzählerisch einiges Stückwerk, das sich nicht optimal ineinander fügt. Besonders der Anfang wäre besser in der Form komplett ausgespart worden. Nimmt er doch gewissermaßen das Ende vorweg; und die einzige Frage, die man sich fortan stellt, lautet: Kommt es tatsächlich so, oder gibt es noch eine andere Wendung? Damit die Spannung künstlich hoch zu halten, wirkt leidlich plump und ist grundsätzlich gar nicht notwendig. Hinzu kommt, dass sich recht zäh entschlüsselt, dass Umay früher ein eigenes Leben in Deutschland hatte und das alles der Tradition opferte, um in der Türkei jemanden zu heiraten, den sie gar nicht liebte. Der logische Unterbau fehlt hier etwas, da die Filmfigur im Vorhinein gar nicht skizziert wurde. Und auch das, was als Ehrbegriff innerhalb der Familie so bedeutsam ist, hätte weitaus besser in der sozialen Dynamik untereinander ausgearbeitet werden können. Dennoch bleibt Die Fremde ein ebenso sehenswerter, wie wichtiger Film, der ein ganz heißes Eisen anpackt.



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Gegen die Wand
Dt. Start: 11. März 2004
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Auf der anderen Seite
Dt. Start: 27. Sep 2007
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