Bildgewaltiges Historienepos, dessen Tenor sowohl der Kampf zwischen Katholiken und Hugenotten im 16. Jahrhundert in Frankreich ist, als auch der Kampf um die Krone zwischen Henri, König von Navarra, und Katherina de Medici, Königin von Frankreich. Was auf den ersten Blick an große Hollywood-Historienschinken erinnert, entpuppt sich aber zusehends als der überambitionierte Versuch, sich Schuhe anziehen zu wollen, die eindeutig mindestens eine Nummer zu groß sind. Zumindest derzeit noch.
Größer, schneller weiter? Das deutsche Kino zeichnet sich in letzter Zeit durch immer größer ambitionierte Projekte aus. Beseelt vom Geist budgetschwerer Hollywoodproduktionen versucht man auch hierzulande Ähnliches auf die Beine zu stellen - wenn auch notgedrungen mit anderen Startvorgaben. Nach Die Päpstin gelangt nun das nächste Historienepos in die Kinos, bei dem ausführend wie gestaltgebend Deutsche federführend beteiligt waren. Basierend auf dem in zwei Teilen (1935 und 1938) erschienenen Roman Heinrich Mann's, des weniger berühmten der Mann-Brüder, Henri Quatre, wird in Auszügen die Lebensgeschichte und das Schicksal des Hugenottenführers, der später König von Frankreich wurde, wiedergegeben.
Es ist das Jahr 1572. Das Mittelalter ist noch nicht allzu lange vorbei und die Aufklärung hat noch nicht richtig eingesetzt. Nach Martin Luther ist die Katholische Kirche nicht mehr der Nabel der Welt, hält sich aber noch dafür. Andersgläubige wie die strengen Hugenotten werden von ihr gnadenlos verfolgt. In der sogenannten Bartholomäusnacht werden allein in Paris während eines religiösen Pogroms über 30.000 Hugenotten massakriert. Henri, König von Navarra (Julien Boisselier), hält sich zu dem Zeitpunkt ebenfalls dort auf. Eigentlich ist es seine Hochzeitsnacht. Seine Erzrivalin, die katholische Katherina de Medici, Königin von Frankreich, hatte ihn eingeladen, um sich auszusöhnen. Sogar die Hand ihrer Tochter hat sie ihm dafür gegeben. In Wahrheit aber nicht mehr als politisches Kalkül. Henri kann knapp dem Massaker an seinen Landsleuten entkommen. Noch ist es nicht seine Zeit - noch!
Schon bis dahin war es ein langer Weg; das sowohl für den Film (dem über zweieinhalb Stunden zur Verfügung stehen, um die Story auszuwalzen), als auch für den Zuschauer. Ohne solides historisches Hintergrundwissen bleibt aber nicht allzu viel hängen. Außer vielleicht, dass aus einem kleinen Jungen namens Henri, ein für die rücksichtslose Königin von Frankreich gefährlicher Gegner erwächst, den man alsbald den König von Navarra nennt. Zwischendurch gibt es in diesem vor Opulenz und Theatralik reichlich überquellenden Werk noch ein wenig Kriegsgetümmel und jede Menge Matratzenschlachten zu begaffen. Dabei geraten die, in bester Softpornomanier dargebotenen Sexszenen, wesentlich besser, als die halbherzigen Metzeleien auf dem Schlachtfelde. Sicherlich ein Zugeständnis an das Budget, das trotz der zugrundeliegenden großen Filmvision nur im Ansatz dafür reichte, massenwirksame Schlachten zu zelebrieren. Dafür lernt man aber, dass Henri - ganz anders als den prüden Hugenotten sonst so nachgesagt wird - alles andere als ein Kostverächter war.
Obwohl Henri 4 im Grunde puristischer als viele andere Historienschinken ist und damit auch authentischer, da es der Film geflissentlich vermeidet, diese Zeit - selbst in der Zeichnung der Königshäuser - in überbordender Pracht und kitschigem Prunk erstrahlen zu lassen, ist diese Inszenierung natürlich eine ausschweifende Kostümorgie. So etwas lässt sich bei solch einer Adaption auch nicht vermeiden, gehört im Gegenteil sogar dazu. Schwerwiegender ist allerdings, dass dem Streifen eine klare erzählerische Linie, ebenso wie eine stringente Dramaturgie völlig abgehen. Allzu leicht verliert man sich in dem wirren Plot; weder existieren klare erzählerische Bezugspunkte, um gewisse Wendungen sinnig nachvollziehen zu können, noch vermag man in der Storyline etwas wie einen roten Faden zu entdecken. Außer letzten Endes jenem, dass Henri, allein schon durch die Chronik der wahren Begebenheiten vorgegeben, irgendwann König von Frankreich werden muss.
Eines kann man den Machern des Films dennoch nicht vorwerfen: klein gedacht zu haben. Von geistig groß Visualisieren bis groß(artig) Inszenieren ist es aber ein weiter Weg. Henri 4 ist wirklich gut gemeint; vielleicht einfach zu gut!? Es drängt sich das Gefühl auf, dass man zu bemüht war, alle Elemente, die in den Köpfen kreisten, irgendwie unterzubringen. Das Resultat ist ein überladener Wirrwarr, der kaum in der Lage ist, Zeugnis abzulegen, was zumindest theoretisch das Wunschergebnis hätte sein sollen. Zweieinhalb Stunden wirbelt der Zelluloidzyklon über die Zuschauerränge: Kostümspektakel, Historiendrama, Schlachtenepos gepaart mit wollüstiger Episodenerotik. Unterm Strich erzeugt das ein unausgegorenes Bild.
Die Darsteller mühen sich zwar nach Kräften, ihren Figuren wenigstens etwas wie einen glaubwürdigen Unterbau zu verpassen, angesichts aber hysterisch-theatralischer oder schlichtweg szenisch zusammenhangloser Momente, verliert sich auch deren Leistung. Am besten schneidet hierbei vielleicht noch Hanelore Höger in der Rolle der Katherina de Medici ab, der man die machtbesessene, intrigante und skrupellose Königin durchaus abnimmt. Das gab es aber schon in vielen anderen ähnlichen Filmen mindestens ebenso gut zu bestaunen - und die funktionierten obendrein sogar im Ganzen.