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Außen hui, innen pfui? Das trifft auf die Welt der gesellschaftlichen Eliten oft genug zu. Was wäre wenn die sogenannte Unterschicht hinter der Fassade ganz anders wäre, als der Stempel, den man ihr gerne aufdrückt? Die Eleganz der Madame Michel stellt die Klischees auf den Kopf. Die Noblen Damen und Herren entpuppen sich als unsympathische Freakshow und die Freaks sind weise und kultiviert, aber können das nicht ausleben, da sie es nicht wagen, ihre Camouflage abzustreifen. Ein wundervoller Film, voll poetischer Momente, aber auch von einer bitter-süßen Traurigkeit durchzogen, die bewegt und zum Nachdenken anregt.
Hat sich jemand schon mal gefragt, ob sich hinter dem Klempner, der ein paar Mal im Jahr die Rohre reparieren kommt oder dem Postboten, der täglich die Briefe bringt, in Wirklichkeit ein kleiner Philosoph verbirgt, der lediglich zur Täuschung einem banalen Beruf nachgeht? Man stelle sich vor, der Straßenkehrer oder der Bauarbeiter würde in seiner Freizeit Tolstoi und Dostojewski verschlingen. Und die zusammengefaltete Boulevardzeitung in der Gesäßtasche wäre eine Art Tarnung. Sie würde nur mitgeschleppt und in den Pausen entfaltet, da dies ohnehin jedermann von ihnen erwarten. Alles Quatsch? Die Dinge sind, wie sie sind - Irrtum ausgeschlossen?!
Die elfjährige Paloma (Garance Le Guillermic) lebt mit ihren Eltern in einem Upper-Class-Mehrparteienhaus mit Concierge (eine Art Hausmeister). Ihr Vater ist hochrangiger Staatsbediensteter und glänzt die meiste Zeit mit Abwesenheit, ihre Mutter ist seit Jahren dem Alkohol mehr zugeneigt, als es ihr abträglich wäre und ihre ältere Schwester nervt den lieben langen Tag. Für ihr Alter ist Paloma eigentlich viel zu reif. Sie beschäftigt sich bereits mit Dingen, die viele erst entdecken, wenn sie an einer Universität studieren. Den ganzen Tag läuft sie zudem mit einer alten 8mm-Handkamera umher und befüllt ihr eigenes Filmtagebuch; wahrscheinlich, um der Nachwelt etwas zu hinterlassen. Paloma ist dieser Welt und den dummen selbstgefälligen Menschen darin nämlich überdrüssig und will später keinesfalls so enden, wie diese. Deshalb hat sie vorsorglich beschlossen, an ihrem zwölften Geburtstag Selbstmord zu begehen - bis dahin lernt sie aber erstmal weiter fleißig Japanisch.
Concierge des Hauses ist die pummelige Madame Michel (Josiane Balasko); altersmäßig in den 50ern, sehr zurückgezogen lebend, bewohnt sie ein kleines Apartment im Erdgeschoß. Wortkarg, schrullig und mit eher rustikalem Gebaren hat sie kaum Freunde. Lebensbegleiter und Mitbewohner ist lediglich ihr alter Kater. Paloma kann Madame Michel aber gut leiden. Wie sie selber, scheint auch sie eine Ausgestoßene zu sein. Und niemand ahnt, dass Madame Michel in Wahrheit eine belesene, hochintelligente und feinfühlige Dame ist. Einen Raum in ihrer Wohnung, nutzt sie ausschließlich als Lesezimmer. Die Bücher, darunter die Klassiker der Weltliteratur, sprengen längst alle Regale und stapeln sich fast vom Boden bis unter die Decke.
Als eines Tages ein Mieter stirbt, wird eine Wohnung frei und wenig später zieht dort der etwas mysteriöse Japaner Kakuro (Togo Igawa) ein. Er behandelt Madame Michel nicht mit der gelangweilten Überheblichkeit, die viele andere Mieter an den Tag legen und scheint sofort erkannt zu haben, dass sich unter ihrer rauen Schale, ein sensibles und kultiviertes Wesen verbirgt. Madame Michel fühlt sich geschmeichelt, wagt aber kaum zu glauben, dass ein wohlhabender Mann von Welt sich für sie interessieren könnte. Indes freundet sich die kleine Paloma mit Kakuro an, er scheint so völlig anders, als die oberflächlichen Erwachsenen, die sie bis jetzt kennen gelernt hat. Noch steht aber ihr Plan, sich an ihrem zwölften Geburtstag das Leben zu nehmen, fest.
Es gibt Filme, die entfalten von der ersten Minute an ein bezauberndes Flair, eine Magie, die sofort gefangen nimmt. Weit über das vordergründig Unterhaltende bereichert Die Eleganz der Madame Michel aus vielerlei Gründen: Die juvenile Protagonistin verströmt einen Charme und offenbart mehr Schauspielkunst, als manch eine umjubelte Erwachsene Hollywood-Aktrisse, der Megan-Fox-Kategorie. Sie ist eine unglaubliche Entdeckung, für die allein schon der Gang ins Kino lohnt. Doch typisch französischer Film (zumindest wenn er sich auf seine Qualitäten besinnt und nicht versucht, amerikanisches Kino zu kopieren) fügen sich auch die anderen Teile harmonisch ineinander.
So absurd auch das makabere Vorhaben Palomas anmuten mag und obwohl durch viel süffisante Ironie gefiltert, nimmt man den Suizid-Entschluss durchaus für voll. Zu konsequent ist ihre Verweigerungshaltung dem Leben gegenüber, dass ihre Erziehungsberechtigten für sie vorgesehen hätten. Es spricht noch nicht einmal Verzweiflung daraus; als einzige Alternative zum Freitod wird lediglich das verkapselte Leben als Concierge mit heimlichem Hang zum Wissen aufgebaut: Freiwillig eingeschlossen in der eigenen Wohnung, das Mark des Daseins aus Büchern heraussaugend und die noblen Damen und Herren wie Schatten an der Wand vorbeiziehen lassend, erinnert dieses bittere, selbstgezimmerte Idyll sehr an Platons Höhlengleichnis.
Das Thema ist aber Andersartigkeit und der verborgene Ozean an Persönlichkeit, der sich unter manch fader Oberfläche verbergen mag. Das haben die kindliche, aber bereits Weise Paloma, die gebildete Madame Michel und der wenig offenbarende japanische Gentleman Kakuro gemeinsam. Alle sind anders als sie scheinen. Aber weil die Dinge manchmal tatsächlich sein müssen, wie sie scheinen, wagt keiner sein wahres Ich zu offenbaren. Im Grunde trifft das aber auf uns alle zu. Genau betrachtet, findet sich in nahezu jedem Menschen etwas Besonderes, Verborgenes, das lohnt, ergründet zu werden. Und möchte im Grunde nicht jeder wegen seiner Einzigartigkeit geliebt werden?
Die Eleganz der Madame Michel ist ein bezaubernder Film, der seinem oft zynisch-makaberen Grundgerüst eine süffisante ironische wie poetisch anmutende Weltsicht entgegenstellt. Aus dieser Balance entwickelt die Geschichte einen immensen Charme und wirkt noch lange nach. Die Botschaft ist aber im Prinzip überaus simpel: Nur mit dem Herzen sieht man richtig. Das Wesentliche bleibt für die Augen unsichtbar.. Vielleicht ist es also endlich an der Zeit, mit dem Hausmeister mal ein gutes Gespräch über Goethe & Co. zu führen?! |