Der neueste Film von Tom Tykwer, der als Eröffnungsfilm bei den diesjährigen, 52. Filmfestspielen von Berlin gezeigt und dort durchaus mit Beifall bedacht wurde, basiert interessanterweise auf dem Drehbuch zum ersten Teil einer unvollendeten Trilogie des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieslowski, der noch vor der Weiterarbeit an der mit Paradies. Fegefeuer. Hölle betitelten Trilogie 1996 verstarb. Tykwers Heaven ist folgerichtig die filmische Umsetzung des Drehbuchs zu Paradies, das der besonders durch die herausragende Drei Farben - Trilogie weltweit berühmt gewordene Kieslowski zusammen mit seinem Kollegen Krzysztof Piesiewicz 1995 vollendet hatte.
Heaven ist ein formal untypischer Tykwer-Film, der eher an seinen brillanten Winterschläfer oder - und das auch mit einigen inhaltlichen Analogien - an Der Krieger und die Kaiserin erinnert, aber nicht ohne auf typische Stilmittel Kieslowskis, wie etwa den leicht fließenden Übergang einiger Genregrenzen, zu verzichten. Man merkt Tykwers Film zwar an, daß der polnische Meisterregisseur einen grundlegenden Beitrag zum Werk geleistet hat und auch, daß der wohl wichtigste Regisseur des gegenwärtigen deutschen Kinos ein Bewunderer Kieslowskis ist, aber Heaven ist auch eine eigenständige, fraglos ebenfalls deutlich "tykwersche" Arbeit: Im Zentrum aller dramaturgischen Entwicklung steht der Glaube an die unumstößliche, alles überschattende Macht der Liebe ohne jegliche Grenzen. Erstmals reduziert Tykwer zur Visualisierung seiner in praktisch all seinen Werken omnipräsenten Thematik die optischen Stilmittel auf ein Minimum und schafft einen leisen, durchgängig linearen Film.
Dennoch bedeutet diese Reduktion keinesfalls einen Verzicht. So präsentiert uns der Regisseur immer wieder wunderschöne, teils gar umwerfende Bilder, die besonders im letzten Viertel (zu Anfang ist die optische Gestaltung, dem Anfangsstadium der Dramaturgie entsprechend, sehr subtil und unspektakulär) des Werkes vollkommen zur Geltung kommen und als Allegorie auf den Ausbruch von Philippa und Filippo aus den Zwängen und der Grausamkeit der "realen" Welt dargestellt werden. Insbesondere sticht eine wunderbare Einstellung heraus, die diesen Kontrast ganz deutlich macht: Die Leinwand ist fast schwarz, als die beiden Liebenden mit einem Zug in einen Tunnel fahren. Weit weg vom Zuschauer befindet sich der ovalförmige, unglaublich helle Ausgang. Stetig nähert sich dieser, das Bild wird immer heller und letztlich erfüllt die gesamte Leinwand ein atemberaubendes Panorama der toskanischen Landschaft.
Aber trotz der visuellen Stärke ist es die Schauspielführung, die das stärkste Element an Heaven darstellt. So sind die beiden Hauptrollen mit Giovanni Ribisi und insbesondere der bravourösen Cate Blanchett exzellent besetzt und die Chemie zwischen beiden Darstellern stimmt stets. Tykwer trägt seinen Teil zur schauspielerischen Entwicklung beider Darsteller bei, zeigt sie häufig in Großaufnahmen, scheint die unglaubliche Tiefe in Cate Blanchetts Augen entdeckt zu haben und lässt seine Kamera vor allem im angesprochenen letzten Viertel häufig um das Paar kreisen und das bevorzugt vor der gigantischen Kulisse der Toskana, womit er dann auch vollkommen die allmächtige Liebe zwischen ihnen als Zentrum seiner Filmwelt hervorhebt und beide Charaktere allen Einengungen ihrer Umwelt entreißt.
Dies ist aber nur ein Beispiel für die weitestgehend starke Inszenierung Tykwers, die vielleicht bisher eine seiner besten Leistungen darstellt. Durchgehend baut Heaven neben seinem fantastischen Darstellerpaar und der Souveränität seiner Kameraarbeit nämlich vor allem auf seinen Rhythmus und seine nahtlose, angenehme Montage. Tykwers großem Verständnis für sein Handwerk ist es zu verdanken, daß das Werk trotz der eher geringen, bewusst vom Zuschauer wahrgenommenen, handlungstechnischen Entwicklung seine gesamte Spieldauer über fesselt, interessant bleibt und wunderbar von Einstellung zu Einstellung "trägt" - formal lässt Heaven fast keine Wünsche offen.
Gerade deshalb ist es verwunderlich, daß das Drehbuch immer wieder kleine Schwächen aufweist, deren Herkunft wohl eher in der Bearbeitung durch den Deutschen zu suchen sind. Denn wie sonst ließen sich bei dem psychologisch doch ansonsten immer sehr tiefschürfenden Kieslowski Lücken in der Motivationskette, wie sie bei Philippa, die sich ja erst der Polizei stellen will, dann aber dennoch mit Filippo - ohne, daß es bis dato deutlich zu einer tieferen Beziehung zwischen den beiden gekommen wäre - flieht, erklären? Hier scheint Tykwer einige Kleinigkeiten der dramatischen Entwicklung zuliebe lieber beiseite geschoben zu haben. Deutlich unangenehmer fällt aber die teils fast schon amateurhaft anmutende Deplatzierung einiger banaler Handlungselemente - vor allem humoristischer Art - auf, die in dem ernsten Sujet und auch in der Erwartungshaltung des Zuschauer keinen Platz finden können. Auch hat man dadurch, daß Tykwer viel "auf Lücke" erzählt und einige Beziehungen und Hintergründe nur zaghaft andeutet das Gefühl, daß vieles nicht ganz ausgereift, nicht bis zum Letzten durchdacht ist. So wirken manche Dialoge einfach zu knapp, zu simpel strukturiert und zu altbacken und auch werden leider im letzten Abschnitt des Werkes weder irgendein Wandel, noch eine Art von Weiterentwicklung bei der Charakterzeichnung sichtbar - alles geht einen gewohnten, Tykwer-typischen Weg.
Trotz dieser leider sehr unnötigen Schwächen überzeugt Heaven weitestgehend und stellt einen angenehm zu beobachtenden und zu verfolgenden Film dar, der geschickt Stilmittel von Kieslowski, wie auch von Tykwer homogen zu vermengen weiß und neben seiner zuweilen formal brillanten Inszenierung und seiner großen optischen Schönheit vor allem durch zwei hervorragende Hauptdarsteller besticht, die allein schon den Gang zum Kino wert machen können - sehenswert!