Wieder einmal dreht sich alles um die Traditionen sogenannter Migranten-Milieus, die versuchen, Wertesysteme zu leben, die für uns mittelalterlich anmuten. Trotz seiner sehr charmanten Protagonisten entwickelt Ayla aber eine überdeutlich und zu gleichförmig formulierte Botschaft, so dass differenzierte Aussagen regelrecht wegfallen. Diese Zwangsläufigkeit mag der arg konstruierten Story geschuldet sein, die damit die Chance auf Vielschichtigkeit größtenteils wegwischt. Dennoch leistet der Film einen Beitrag dazu, dass über solche Themen weiter in der Öffentlichkeit diskutiert wird.
Lange war es beinahe ein Tabuthema. In den Medien wurde nur höchst zaghaft über Zwangsehen, Ehrenmorde und Parallelgesellschaften berichtet. Es war wie eine unsichtbare Mauer, von der jeder wusste - ebenso wie von den Geschehnissen dahinter - an ein Einreißen war aber nicht zu denken. Und plötzlich leistet das Medium Film diesbezüglich Pionierarbeit. Erst kürzlich war mit Die Fremde ein bewegendes Sozial- und Familiendrama zu sehen, das genau diese brisanten Themen aufgriff, und wenig später folgt mit Ayla bereits der nächste Film, der eine weitere Geschichte aus genau diesen Niederungen der Intoleranz, überholten Ehrvorstellungen und archaischen Wertesystemen erzählt.
Obwohl beide Filme im Grunde mit einer ganz ähnlichen Geschichte aufwarten, klaffen doch Welten zwischen beiden. Während Die Fremde differenzierte Charakterbilder samt vieler Zwischentöne zeichnet, entpuppt sich Ayla als plagiatartiger Aufguss, der so sehr auf Eingängigkeit getrimmt wurde, dass über die Motive der Figuren oder die Schlüssigkeit der Handlung kaum mehr nachgedacht werden muss. Alles ist dermaßen simpel und vorprogrammiert, dass regelrecht im Takt der Bilder die nächste Plotpointe heruntergezählt werden darf. Zumindest aber gelingt es eine Geschichte aufzubauen, die ohne Längen auskommt und zu der man auch sofort einen Zugang findet.
Ayla (Pegah Ferydoni) ist ganz anders als die meisten türkischen Frauen. Sie lebt ein völlig selbstbestimmtes Leben; will ausschließlich den Mann heiraten, in den sie sich eines Tages verlieben wird, lebt alleine und geht Nachts einem Zweit-Job nach, der dafür verantwortlich war, dass sich ihr Vater vollends von ihr abwendete. Obwohl sie sehr unter dem Zerwürfnis leidet, ist sie aber nicht bereit, sich des lieben Friedens Willen einer Tradition oder Sitten zu unterwerfen, die sie als ebenso absurd wie überholt ansieht.
Eines Tages begegnet ihr der kultivierte Fotograf Ayhan (Mehdi Moinzadeh). Er hat sein Geschäft nur ein paar Häuser weiter ind derselben Straße, in der Aylas Eltern eine Schneiderei betreiben, die inzwischen von der Schwester geführt wird. Ayhan lebt ein ähnlich liberales Leben, wobei das als männlicher Türke wesentlich leichter, denn als Türkin fällt. Schnell entflammt eine heiße Romanze zwischen den beiden, aber Ayhan ist letzten Endes nicht ganz so emanzipiert wie Ayla, fühlt sich seiner Familie stark verpflichtet und ist irgendwo zwischen den Kulturen gefangen. Als seine Schwester (Sesede Terziyan) sich von ihrem Mann trennt und damit Schande über die Familie bringt, wird ein radikaler Entschluss gefasst. Und er ist auserwählt, diesen umzusetzen. Ayla hingegen hat während ihres regulären Jobs als Kindergärtnerin zufälliger Weise Ayhans Schwester und ihre kleine Tochter kennen gelernt und hilft ihr ohne zu ahnen, wer ihr Bruder ist.
Dem Film gelingt etwas, was für sich separat betrachtet in einem Drama, das sich eines sehr ernsten Themas annimmt, wirklich selten ist. Er ist leichtfüßig inszeniert, extrem eingängig, wartet mit zwei Protagonisten auf, mit denen man sehr schnell warm wird, ist im besten Sinne plakativ-anschaulich und somit sehr kurzweilig. Dürfen aber Filme, die mit brandheißen gesellschaftlichen Eisen jonglieren, auch unterhaltsam sein? Manchmal gelingt dieser Spagat. Wüstenblume ist dafür ein exzellentes Beispiel. Allerdings war diese vordergründig farbenfrohe Geschichte in sich sehr geschickt erzählt. Das kann man Ayla nicht wirklich nachsagen. Das Gute ist zwar, dass die Story nie Gefahr läuft, zu überfordern, doch selten wirkte eine Geschichte derart schreiend konstruiert. Fast meint man, es handele sich um den Schulaufsatz eines Teenagers, der zuviel Soaps abbekommen hat. Mit mehr Fragestellungen, als "macht er's oder macht er's nicht" und "kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht", wird schlussendlich nicht gearbeitet. Das lässt die Geschichte dramaturgisch nicht gerade facettenreich wirken.
Trotz solcher grundsätzlicher Schwächen ist es aber weiterhin absolut wichtig, dass solche Themen immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden - zumindest solange, wie aus dem ehemaligen Tabuthema nicht plötzlich ein inflationäres Allerweltsding wird. Deshalb mag man auch über den Mangel an Geschick in der Inszenierung, die arg konstruierte Grundstruktur des Plots und die so vorhersehbaren Wendungen ein wenig hinwegschauen. Ayla mag zwar sogar ein wenig wie eine Mischung aus Telenovela, deren gesamte Episoden in einem kurzweiligen Film komprimiert wurden, und einer Hommage an einen dramaturgisch aufgeblähten anatolischen Schmachtschinken erinnern, aber er prangert elementare Missstände in unserer Multikulti-Gesellschaft an und zeigt auch auf, wie dagegen vorgegangen werden kann. Mit Toleranz, Liebe und Mut.