Tänzerin, Tanzpädagogin und Direktorin des Tanztheaters Wuppertal. Pina Bausch gilt in Fachkreisen als die bedeutendste Choreografin der Gegenwart. Sie ist Ikone und Kultfigur zugleich. 1978 feiert ihr Stück Kontakthof Premiere. Es handelt vom zeit- wie alterslosen Thema der Liebe. Dem ewigen Spiel zwischen Mann und Frau; dem manchmal zaghaften Werben oder der stürmischen Annäherung; ebenso wie auch von einhergehenden Enttäuschungen und Verlusten, die ebenfalls dazu gehören. Tanzträume zeigt, wie Jugendliche dieses Stück für sich entdecken und es voll juvenilen Elans mit Leben füllen.
1999 wurde das Stück Kontakthof erstmalig mit Laien inszeniert. Und zwar ausschließlich mit Damen und Herren im letzen Lebensdrittel, jenseits der 65. Damit erhielt die Geschichte eine neue Dimension: Dem Thema Altersliebe und Sex wird in einer Gesellschaft, die an Jugendwahn leidet, kein besonderer Raum zuteil. Geradezu absurd, in einer Zeit, in der die Alterspyramide sich auf den Kopf stellt und es in Zukunft weitaus mehr ältere als jüngere Menschen geben wird.
Im Jahr 2008 wird das Stück nach der Neuinszenierung abermals aufgeführt. Wieder sind es Laien, welche die Rollen übernehmen. Diesmal allerdings Mädchen und Jungen im Alter von 14-17 Jahren. Damit erhält das Stück erneut eine andere Bedeutungsebene: Gerade bei Teenagern, die auch im persönlichen Bereich gerade ihre ersten Erfahrungen mit der Liebe gemacht haben oder noch machen werden, erhält es somit fast schon eine "doppelbödige" Dimension: Gleichermaßen wie die Teens im Begreifen und Erlernen der Choreografie voranschreiten, was sie im Alltag im Umgang mit ihren sich entwickelnden Körpern wesentlich selbstsicherer werden lässt, prägt jede persönliche intime Erfahrung, die sie im Leben machen, auch ihr Spiel und das Agieren als Tänzer. Eine überaus spannende Wechselbeziehung, welche die Dokumentation Tanzträume einzufangen versucht.
Die Doku ist eine ebenso ergreifende wie frische filmische Auseinandersetzung mit dem eher exotischen Thema des modernen Tanztheaters, das nicht mehr allzu viel mit dem klassischen Ballet gemein hat. Hier werden viele tänzerische Stile sowie Musical- und Schauspielelemente miteinander zu etwas Neuem kombiniert. Und ebenso leichtfüßig wie das moderne Tanztheater diese Elemente miteinander mischt, überbrückt auch die Kamera der Regisseurin Anne Linsel spielerisch die Distanz zu den Tänzern und Tänzerinnen. Von den ersten unsicheren Schritten bis zur gefeierten Aufführung begleitet sie das Ensemble und fängt die entscheidenden Veränderungsprozesse ein, welche die jungen Menschen durchmachen.
Mit zum Wesentlichsten gehört die Erfahrung, dass es jenseits sozialer Herkunft oder der Schule, die jeder in der Gruppe besuchen mag, universelle Gemeinsamkeiten gibt - sowie Erfahrungen, die jeder nachvollziehen kann. Dieser Abbau von Vorurteilen stellt die Basis dar, für einen Brückenschlag zwischen den Mitgliedern des Ensembles unterschiedlicher Ethnien und Lebewelten. Somit liefert Tanzträume auch einen Gegenentwurf zu der These, dass die Verständigung zwischen den Kulturen in diesem Land eine kaum zu lösende Herausforderung darstellt.
Hier gelingt das ohne größeres Zutun, über den gemeinsamen Zugang zur Musik und zum Tanz. Zwar wird nicht durchgängig deutlich, welches im Einzelnen die Motive der Jugendlichen sind, an dieser Inszenierung teilzunehmen. Trotz individueller Aussagen, bleibt dabei zu vieles im Allgemeinen, trotzdem ist es aber hinreißend zu erleben, mit welchem Elan sich die Heranwachsenden in dieses Projekt stürzen. In dieser Hinsicht erinnert der Film sogar etwas an Young at Heart, wenn auch die Altersvorzeichen grundlegend anders sind. Es offenbart sich aber, wie die Musik einen völlig alterslosgelösten Zauber verströmen kann, der Menschen unterschiedlicher Couleur zu packen vermag und an einem gemeinsamen Ziel hart arbeiten lässt. Und überdies bietet Tanzträume die letzte Gelegenheit, die weltberühmte Choreografin Pina Bausch im letzen filmischen Dokument, in dem sie zu sehen war, noch einmal zu erleben, da sie ganz unerwartet im Juni 2009 verstarb. Eine Gelegenheit, die nicht nur Freunde des Tanztheaters ergreifen sollten.