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Min Dit: Die Kinder von Diyarbakir

(Min Dit: The Children of Diyarbakir, 2009)

Durchschnittliche Redaktionswertung

66%



Inhalt

Dayarkabir in Türkisch-Kurdistan. Nachdem die Eltern von Gulistan und Firat vor ihren Augen ermordet worden sind und auch die Tante Yekbun spurlos verschwunden ist, müssen sich die beiden Kinder alleine durch die Straßen Dayakabirs schlagen. Dabei treffen sie auf viele weitere Kinder, die ihr Schicksal als Waise teilen. Eines Tages lernen sie eine Prostituierte kennen, die unter ihren Freiern den Mörder der Eltern hat. Die Kinder planen ihre Rache.

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Min Dit: Die Kinder von Diyarbakir

Kritik

von Dimitrios Athanassiou

Wertung Kritik

66%

Der türkisch-kurdische Konflikt ist hier zulande ein Thema für die Nachrichten. Wir werden am ehesten aufgerüttelt, wenn wir hören, dass in der Türkei eine Bombe explodierte und sich deutsche Urlauber unter den Opfern befanden. Für jene, die dort leben, hat das eine ganz andere Tragweite: Menschen verschwinden plötzlich oder werden auf offener Straße erschossen. Min Dit: Die Kinder von Diyarbakir erzählt vom Schicksal zweier Geschwister, die plötzlich durch einen Mord ihre Eltern verlieren und sich in die Armee der Waisen auf den Straßen einreihen müssen. Politisch mutiger Film, dem es aber an einer ausgereiften Inszenierung mangelt.

Bild aus Min Dit: Die Kinder von Diyarbakir In manchen Filmen wimmelt es regelrecht vor handwerklichen Defiziten oder die erzählten Geschichten wirken aufgrund der Art der Inszenierung mitunter kaum glaubwürdig. Ersteres ist ganz klar eine technische Angelegenheit. Nicht jeder Filmemacher startete seine Karriere schließlich als Naturtalent oder gar als Genie. Letzteres mag aber daran liegen, dass man selbst nicht in der Lage ist, sich auf die Geschichten einzulassen. Man hält es schlichtweg kaum für möglich. Tatsächlich ist es manchmal wirklich schwer vorstellbar, was in Ländern, die gar nicht weit weg liegen, an der Tagesordnung sein mag.

Diyarbakir liegt im Herzen des kurdischen Teils der Türkei. Dort lebt die zehnjährige Gulistan (Senay Orak) mit ihren jüngeren Geschwistern: dem beinahe gleich alten Firat (Muhammed Al), einem Baby und natürlich ihren Eltern (Fahriye Celik und Alisan Önlü). Auf der Rückreise von einer Hochzeit wird das Auto der Familie von türkischen Geheimpolizisten angehalten. Die beiden Kinder müssen mit ansehen, wie ihr Vater aus dem Auto gezerrt und erschossen wird. Anschließend erschießen die Polizisten ihre Mutter, die im Auto blieb und fahren in der Dunkelheit davon.

Irgendwie gelangen die drei Kinder zurück - der Film gibt keine Auskunft übers wie - und erhalten zunächst Unterstützung von ihrer Tante Yekbun (Berivan Eminoglu). Allerdings wird nach ihr gefahndet, da sie politisch aktiv ist. Als sie plötzlich nicht mehr auftaucht, geht es schnell bergab mit den Kindern: Erst können sie sich nichts mehr zu Essen kaufen, dann wird ihnen der Strom und das Wasser abgedreht. Und als das Baby erkrankt, können sie sich keine Medizin leisten. Am Ende werden sie auch noch vom Wohnungseigentümer auf die Straße befördert.

Jetzt zu zweit und allein auf der Straße, trifft sie die ganze Härte des Daseins: Sie hungern, wühlen im Müll und schlafen in Ruinen. Unerwartet Hilfe bekommen sie von der zwölfjährigen Zelal (Suzan Ilir), die gemeinsam mit ihrem Bruder und Großvater auf der Straße lebt und sich als Krimskrams-Verkäuferin über Wasser hält. Während einige Zeit verstreicht, beginnen Gulistan und Firat sich mit dem Leben auf der Straße zu arrangieren: Firat bekommt Zugang zu kriminellen Jugendbanden und lernt schnell, wie man sich sein Auskommen aufbessert und auch Gulistan findet eine Gönnerin: Sie lernt die Prostituierte Dilara (Berivan Ayaz) kennen, die jemanden sucht, der für sie Handzettel mit ihrer Handynummer verteilt, da sie ihrem Gewerbe nicht offen nachgehen kann. Die Junge Frau und das Mädchen freunden sich rasch an, aber eines Tages erkennt Gulistan in einem von Dilaras Freiern den Mörder ihrer Eltern wieder.

Man kennt die andauernde Diskussion um die Diskriminierung kurdischer Minderheiten in der Türkei. Meist dringen aber eher die Terrorattentate der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) oder offene bewaffnete Konflikte zwischen türkischen Streitkräften und kurdischen Milizen durch die Medien zu uns. Über Verschleppung, Folter oder Mord auf offener Straße erfährt man wenig; deshalb wirkt auch Min Dit: Die Kinder von Diyarbakir zu Beginn wie eine Mischung aus Betroffenheitsdrama und pro-kurdischer Propaganda. Tatsächlich versucht der Film aber Geschehnisse aus der Zeit des Bürgerkriegs in den 90er Jahren zwischen der türkischen Armee und den kurdischen Rebellen aufzuarbeiten. Während dieser Zeit verschwanden 18.000 politisch aktive Kurden und türkische Bürger. Eines der Zentren der Verbrechen war die Stadt Diyarbakir, die inzwischen 1,5 Millionen Einwohner zählt.

Für die anfänglichen Zweifel an der Authentizität der Geschichte ist der Film ein Gutteil mit verantwortlich. Abgesehen davon, dass er über die vordergründige Handlung hinaus mehr als durchschnittliches politisches Wissen abverlangt, um einen tieferen Zugang zu diesen Realitäten zu bekommen, liefert er an vielen Stellen prinzipiell zu wenig Erklärungsgehalt: Nur ganz am Rande erfährt man, dass der ermordete Vater der Kinder Journalist war und in welcher Form genau die Tante politisch aktiv war, wird nicht vertieft. Vielleicht kann man sich das alles auch stückweise zusammenreimen, aber diese Aufmerksamkeitshürden erschweren den Zugang zur Story erheblich.

Schlimmer noch als das, gestalten sich aber die erzählerischen Übergänge. Die Szenenmontage ist mitunter sogar grenzwertig. Zu oft werden zudem einfach chronologisch bedeutsame Dinge ausgespart und somit zwangsläufig Logikfehler produziert. Es wundert beispielsweise schon sehr, dass der kaltblütige Killer die Kinder nicht erschießt, obwohl diese ihm genau ins Antlitz geschaut haben. Und solche Zufallsbegegnungen wie mit der Prostituierten Dilara halten derart dramaturgisch-plakativ dafür her, eine Verbindung zum Täter herzustellen, dass es beinahe des Guten zuviel ist. Wäre da nicht das Finale, das bei aller ungeschminkter Härte im Vorhinein nun plötzlich mit einer Auflösung im TKKG - Das Geheimnis um die rätselhafte Mind-Machine -oder Vorstadtkrokodile-Stil aufwartet. Diese Wendung will man dem Film nun so gar nicht abnehmen.

Ist Min Dit: Die Kinder von Diyarbakir also ein schlechter Film? Auf emotionaler Ebene funktioniert der Film eindeutig. So sehr, dass all das Furchtbare ganz schön runter zu ziehen vermag. Die politische Aussage steht auch glasklar fest; allerdings bedarf es hier des Vorwissens und des Verständnisses der Zusammenhänge, um zu begreifen, dass hier sehr offen und mutig dunkle Kapitel der jüngsten türkischen Geschichte thematisiert werden. Als Sozialportrait funktioniert der Film ebenfalls hinlänglich, wenn auch die Untiefen des Straßendaseins vieler elternloser Kinder nicht bis in die letzten Winkel ausgeleuchtet werden. Bleiben die handwerklichen Defizite der Inszenierung, die konstruiert wirkende Dramaturgie und ein zu naives Ende. Das alles beschert dem Film keine Bestnoten. Vermag aber auch nicht, ihn in die Reihen der Filme zu befördern, die man besser schnell vergisst. Er ist und bleibt mutiges politisches Kino, das gesellschaftlich wichtig ist und keinesfalls unbeachtet bleiben sollte.

Keine weitere Wertung


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