Ganze neun Jahre Arbeit kostete es Regisseur Ivan Engler, den ersten Science-Fiction-Film aus Schweizer Produktion zu realisieren. Mit einem knappen Budget von fünf Millionen Schweizer Franken wurde aus Cargo ein überraschend solider und atmosphärisch dichter Film mit gelungenem Spannungsbogen. Schade ist nur, dass weder die zu simpel abgehandelte Handlung noch die relativ blasse Hauptdarstellerin mit diesen positiven Aspekten mithalten können. Trotzdem lohnt sich ein Besuch des Cargo-Schiffs Kassandra insgesamt allemal.
Zwar ist ein Budget von grob umgerechnet gut drei Millionen Euro im Vergleich mit großen Hollywood-Produktionen kaum der Rede wert, doch die Eidgenossen beweisen mit Cargo, dass man auch mit wenig(er) Geld sehenswerte Filme drehen kann. Dieser erste Schweizer Science-Fiction-Film war seit Jahren der große Traum von Ivan Engler (Nomina Domini), welcher nicht nur für die Regie - wobei er von Ralph Etter (Wackelkontakt) unterstützt wurde - sondern auch für das Drehbuch, den Filmschnitt und die Produktion zuständig war. Als der Film letztes Jahr nach ganzen neun Jahren Arbeit fertiggestellt war, erregte er sehr schnell großes Aufsehen, und inzwischen ist Ivan Engler über den großen Teich nach Hollywood geflogen, wo er sich nun aus diversen Filmangeboten offenbar etwas aussuchen darf. Bereits in den ersten zehn Minuten von Cargo wird dem Zuschauer klar, dass diese Entwicklungen nicht unverdient sind.
Im Jahre 2267 erwartet uns eine düstere Zukunft, in welcher unser Planet nicht mehr bewohnbar zu sein scheint. Die Menschheit quetscht sich in überfüllte Raumstationen und jedermann hofft auf eine neue Heimat. Diese wurde auch schon gefunden und wer sich die sehr weite Reise leisten kann, der lebt dort ein wundervolles Leben in einer noch intakten Natur, während der Rest sich an die Erfüllung dieses Traumes krallt und dabei vor sich hin vegetiert. Auch die junge Ärztin Laura Portmann (Anna-Katharina Schwabroh) versucht dem tristen Dasein auf einer Raumstation zu entkommen und schreibt sich an Bord eines Raumfrachters namens Kassandra als Schiffsärztin ein. Vier Jahre soll ihr Einsatz auf dem Cargo-Schiff dauern, wonach sie genügend Geld verdient haben wird, um nach Rhea umzusiedeln. Allerdings steht die Reise von Anfang an in keinem guten Zeichen, denn gerade gibt es neue Terrorwarnungen und so muss Skymarshal Samuel Decker (Martin Rapold) mit an Bord. Während sich die gesamte Mannschaft im Kälteschlaf befindet, muss eine Person für einen Zeitraum von acht Monaten Wache schieben und für die Sicherheit an Bord sorgen. In der Einsamkeit ihrer Schicht wächst jedoch ein unbehagliches Gefühl in Laura: Sie ist überzeugt, dass sie nicht alleine ist!
Am Besten sollte man nicht mehr über Cargo wissen, bevor man die kürzlich erschienene DVD in den Player schiebt und in die düstere Atmosphäre des Filmes eintaucht. Viel zu sehr lebt dieser Film von seinen Wendungen und Überraschungen, auch wenn diese leider nur selten wirklich innovativ sind. Die karge Ausstattung mag zwar aufgrund des nicht riesigen Budgets sehr offensichtlich auf das Wesentliche reduziert worden sein, doch passt genau dies optimal zur Optik des kompletten Films und steht somit im Einklang mit der vorherrschenden Endzeitstimmung. Auch der sehr überlegte und punktierte Musikeinsatz zeugt von Können, wobei man in diesem Punkt hin und wieder zu Übertreibungen neigt. Trotzdem kann man aber sagen, dass Ivan Engler alles richtig gemacht hat, denn er zieht den Zuschauer umgehend in das Geschehen hinein, und entlässt ihn erst mit dem Erscheinen des Abspanns wieder zurück in das hier und jetzt. Wer so gekonnt die auftauchenden Budget-Probleme - zum Beispiel können die Aufnahmen außerhalb des Raumschiffes gegen Ende nicht ganz überzeugen - zu kompensieren weiß, der hat es verdient, auch einmal mit mehr Mitteln arbeiten zu dürfen!
Auf darstellerischer Ebene macht der wandelbare Martin Rapold (Achtung, fertig, Charlie!, Snow White) wieder einmal eine gewohnt gute Figur und auch Claude-Oliver Rudolph (Die Welt ist nicht genug, Chaostage - We are Punks!) fällt positiv auf. Nur schade, dass ausgerechnet die Hauptdarstellerin im Vergleich sehr blass wirkt und sich dies im Verlauf des Filmes nicht ändert. Es scheint, als würde Laura Portmann alias Anna-Katharina Schwabroh - welche bisher mit Ausnahme von zwei Auftritten in TV-Serien ausschließlich auf Theater-Bühnen stand - von den Geschehnissen nicht sonderlich beeindruckt werden, denn auffällige Gefühlsregungen gibt es bei ihr nicht. So wirkt ihr Spiel leider ein wenig lustlos und kann nicht durchs Band überzeugen.
Trotz einem zu schnell abgehandelten Ende, bei welchem man gerne noch etwas mehr über die folgenden Ereignisse erfahren hätte, ist Cargo für jeden Science-Fiction-Fan sehr sehenswert. Ivan Engler versteht es, mit einer atmosphärisch dichten Inszenierung für eine fesselnde Wirkung zu sorgen, wobei er auch immer wieder eine nette kleine Genre-Referenz einstreut. Leider können an dieser Stelle keine ähnlichen Filme als Beispiele genannt werden, denn dies könnte die Wirkung dieser Schweizer Produktion negativ beeinflussen. Doch trotz der wenig innovativen Handlung ist Cargo ein willkommener und sehenswerter Trip durch den Weltraum, welcher sich nicht vor der weltweiten Konkurrenz verstecken muss. Wer also mal wieder in unendliche Weiten tauchen möchte, ist herzlich eingeladen, die nächste Schicht auf der Kassandra zu übernehmen!