Im Alter von gerade einmal 14 Jahren schrieb Helene Hegemann, jüngst mit ihrem Debütroman Axolotl Roadkill als entdecktes literarisches Nachwuchsgenie ebenso euphorisch gefeiert wie als entlarvte Plagiatorin gerügt, ihr Drehbuch für Torpedo. Doch während dem Leser eine Flut origineller Ideen in die Befindlichkeiten der Jugend von heute eintauchen lässt, verebbt ihr Talent zur Szenenauflösung an der originellen, aber auch problematischen Gabelung zwischen Spiel- und Experimentalfilm, die ineinander münden.
Mia (Alice Dwyer) ist 15 und enorm unangepasst. Ihre koksende Alki-Mutter hat sie vor über einem Jahr verloren, nun vegetiert sie bei ihrer nicht minder labilen Tante Cleo (Jule Böwe) und ihrem knuddligen Neffen Fritzi (Agon Ramadami) herum. In ihrer Freizeit springt die autonome "Persönlichkeitsgestörte" vandalistisch auf Autodächern herum - Freunde hat sie in dieser Phase rebellischer Adoleszenz nicht. In einem lichten Moment manischer Genervtheit schickt ihre Tante Mia zur Supernanny (Katharina Saalfrank), die Mia nach der traurigen Anamnese ihres Lebens therapieren soll. Logisch, dass dieses Treffen ergebnislos in Mias vom Schicksal gefickter Biografie versandet - genau wie zahlreiche andere "Hä?"-Szenen des narrativen Vakuums.
Wenn Elise (Caroline Peters) auftaucht und wieder geht, ohne dass jemals die Hintergrundattribute ihrer Gutmenschen-Figur offen dargelegt werden und sie es schafft, in einer kurzen wortwitzigen Episode um einem Videodreh für eine Partnerbörse das Wort "Muschi" zweideutig erscheinen zu lassen, entsteht der Eindruck, dass hier eine pseudo-innovative Möchtegern-Drehbuchautorin die finstersten, durch Freunde und Medien präsentierten Plattitüden ihrer noch anhaltenden Problemjugend filmisch verewigen wollte. Das Spukgespensterkabinett erlebt seine scheinbare Bestätigung in der Klischee-Figur der bösen Drogentante, die schon einmal ihr kulleräugiges Balg mit ein paar Cent abspeisend - gebe sie ihm mehr, kaufe er sich doch eh Zigaretten - auf eine Busfahrt zum abwesenden Vater ins ferne Tansania schickt. Was der modernde Kokskumpel Sigmund Freud zu dieser unglückseligen Mutter-Sohn-Dyade wohl gesagt hätte? Ich weiß es nicht.
Allerlei dieser für eine Handlung unerheblichen, aber hin und wieder irgendwie auch im Gedächtnis hängen bleibenden Exkurs-Szenen reiht Helene Hegemann, der man ein gewisses Talent zum Schreiben nicht aberkennen kann, in ihrem verdutzt zurücklassenden Absurditätenbombardement aneinander. Die Alibihandlung um die wilde Triebe schlagende, im Finale latent lesbische Adoleszenz der verirrten Rebellenseele Mia vermag sich dabei nur fragmentarisch abzuzeichnen. Genauso wie die Bedeutung des mit schwarzer Schrift und Diktatornamen an Jonathan Meese erinnernden Kunstwerks, welches in Mias Wohnmoloch dämonisch thronend über dem Bett an der Wand klebt. Wird Helene Hegemann vom anstürmenden Journalistenheer mit der enorm investigativen Frage durchbohrt, unter welchen widrigen Umständen sie ihr experimentelles Drehbuch (und später: ihr Buch) geschrieben habe, wirft sie den Boulevardbestien stets denselben Brocken hin: keine Ahnung. Denn: es sprudelte nur so aus ihr heraus.
Das ist es, was den sich auf einer nicht greifbaren Kreisbahn befindlichen Torpedo so sperrig macht, so einzigartig, so rau. Dieser Torpedo ist ein wirrer, ungeordneter Gedankenstrom, eine fantastische Reise in die enigmatische Seele der zum Zeitpunkt der Entstehung 16-jährigen Regisseurin Helene Hegemann, die leider besser schreibt als inszeniert. Dass neben/in den Exkursen einige skurrile Charaktere auftreten, die gleich darauf wieder im Drehbuchnirvana fernab jeglicher Relevanz für Filminhalt, -ausdruck und -grammatik verschwinden, ist das, woran das eloquent daherkommende wie melancholisch wirkende Fräulein mit den langen Haaren noch arbeiten muss. Doch mit ihrem Torpedo hält sie sich auch die Möglichkeit dazu offen.