Eine gut verdienende Familie beschäftigt seit 23 Jahren ein und dieselbe Haushaltshilfe und stellt sich, ohne es zu bemerken, in deren fragwürdige Abhängigkeit. Das Hausmädchen Raquel hat im Gegenzug nur die Familie und verbringt den ganzen Tag dort. Aus dieser mehr oder minder interessanten Konstellation versucht Regisseur Sebastian Silva ein bewegendes Drama zu machen, bei diversen Filmfestivals traf er damit anscheinend genau den Geschmack der Jury. Doch letztlich begleiten den authentisch und einfach aufgenommenen Film zu viele Frag- und Merkwürdigkeiten, die der Handlung einfach zu wenig Authentizität lassen. Dadurch verliert das Drama an Qualität und Überzeugungskraft.
Sie kocht, sie putzt, sie versorgt die Kinder, sie kümmert sich um die Belange der ganzen Familie: Raquel ist Mädchen für alles bei der Oberschicht-Familie Valdez und daher eine große, unverzichtbare Hilfe in dem großen Haushalt mit vier Kindern geworden. Seit 23 Jahren steht sie nun schon im Dienst der Familie und lebt auch unter einem Dach mit Ihnen. Ihr ganzes Leben spielt sich daher dort ab, und ihr Job als Dienstmädchen, Köchin und Kinderfrau ist nicht mehr nur ein Job, sondern ihr Leben. Da sie aber inzwischen nicht mehr die Jüngste ist und sich zudem ständig von Kopfschmerzen geplagt sieht, durch die sie viele Schmerztabletten einnimmt, wollen ihre Arbeitgeber Pilar und Mundo Valdez noch eine weitere Haushaltshilfe einstellen, die zusammen mit Raquel die anfallenden Aufgaben erledigen soll. Doch davon hält die überhaupt nichts. Sie betrachtet jede Hilfe an ihrer Seite als Konkurrenz und hat Angst, dass eine neue, bessere Haushälterin ihr den Rang ablaufen könnte.
So lässt sie sich allerhand skurrile Dinge einfallen, um die ihr vorgesetzten Haushaltshilfen zu vertreiben: Sie schikaniert oder beleidigt sie solange, bis diese von alleine gehen oder von der Familie Valdez gefeuert werden. Obwohl die Kinder - vor allem die älteste Tochter, deren Verhältnis zu Raquel schon immer gestört war - ahnen, dass auch Raquel alles andere als unschuldig an den Vorfällen ist, hält Pilar unablässig an ihr fest. Erst als Raquel einen Zusammenbruch erleidet und eine Zeit lang das Bett hüten muss, kann sie sich gegen die neue Hilfe Lucy erstmal nicht erwehren und muss feststellen, dass sich diese recht schnell bei der Familie einlebt. Als sie endlich wieder auf den Beinen ist, geht sie dennoch burschikos gegen die neue Konkurrentin vor, die reagiert jedoch mit viel Humor und Gelassenheit auf die Angriffe der verschlossenen Raquel. Die ist zunächst irritiert von Lucys Verhalten und findet schließlich sogar eine Freundin in ihr - etwas, was der Frau bisher völlig unbekannt war.
La Nana - Die Perle von Sebastian Silva war im letzten Jahr der große Abräumer bei diversen Filmfestivals. Unter anderem wurden der Film und die Hauptdarstellerin Catalina Saavedra bei Festivals in Turin, Miami, Havanna und Cartegna ausgezeichnet, die größten Erfolge waren der Gewinn beim Sundance Festival 2009 und eine Nominierung für den Golden Globe. Der chilenische Film um die ruppige Haushaltshilfe Raquel, die nur für die Arbeitgeber lebt, wird vor allem als einfühlsame Charakterstudie gelobt. Doch zunächst sollte klar gestellt werden, dass die Hauptfigur alles andere als eine Sympathieträgerin ist. La Nana - Die Perle beginnt mit einem finster drein blickenden Hausmädchen, das den Eindruck erweckt, die Blüte ihres Lebens längst hinter sich gelassen zu haben. Spaß an ihrem Job scheint sie keinen zu haben und die Tatsache, dass (fast) alle Kinder und die Eltern sie so sehr lieben, dass sie ihr alle Eskapaden verzeihen, wirkt merkwürdig um nicht zu sagen unglaubwürdig.
Der Film ist hart und "real" gefilmt und wirkt damit sehr authentisch. Als Zuschauer erhält man das Gefühl, die Familie in ihrem normalen Alltag zu beobachten, der unbemerkt und zufällig gefilmt wurde. Das gibt Silvas Spielfilm eine ganz eigene Note, denn die ungeschminkte Wahrheit scheint dabei festgehalten worden zu sein. Doch das Handeln der Personen hat mit der Wirklichkeit doch wieder wenig zu tun, was wiederum eine eindeutige Schwäche des Filmes darstellt. Raquels Intrigen, die sie gegen ihre vermeintlichen Konkurrentinnen ausheckt wirken ziemlich lachhaft sowie kindlich und die Höhe des Ganzen ist, dass sie damit durchkommt. Die Besitzer des Hauses erscheinen als ziemlich desinteressierte Snobs, die sich davor scheuen, sich mit den Problemen im eigenen Haus auseinanderzusetzen. Stattdessen sitzt der Vater fast ununterbrochen an Modellschiffen und bastelt sie in anstrengender Kleinstarbeit zusammen und die Mutter eilt morgens gestresst zu ihrer Arbeitsstelle. Obwohl sie sich immer wieder darum kümmert, Raquel eine Hilfe zur Seite zu stellen, lehnt sie es dennoch ab, diese einfach vor die Tür zu setzen und sie durch eine neue Haushaltshilfe zu ersetzen. Auch noch als sie entdeckt, dass Raquel in ihren Fotos die älteste Tochter der Familie weggekratzt hat. Eine solch beunruhigende Entdeckung verläuft im Sande, die Haushaltshilfe ist und bleibt die unverzichtbare "Perle" der sechsköpfigen, reichen Familie.
Durch all diese Begebenheiten ergeben sich zu viele Ungereimtheiten in der Handlung, die das Gesamtbild ziemlich stören. Erst im späteren Filmverlauf wandelt sich die Geschichte "zum Guten", indem die lebensfrohe und selbstbewusste Lucy es schafft, Raquel aus ihrer Abwehrhaltung heraus zu holen und sogar Freundschaft mit ihr zu schließen. Diese Entwicklung ist zwar eine nette Idee, geht aber doch etwas schnell, um wirklich glaubwürdig zu erscheinen. Plötzlich feiert Raquel sogar Weihnachten mit Lucy und ihrer Familie und lässt die Valdez ein Stück weit hinter sich, löst sich aus der Abhängigkeit. Sie scheint sich bis dato gar nicht als Frau und als entwickelbare Persönlichkeit mit Bedürfnissen und Wünschen gesehen zu haben, sondern ist mit Haut und Haaren Haushaltshilfe der reichen Familie. Erst jetzt bringt sie sich selbst mehr Wertschätzung entgegen und lebt ein Leben neben dem Job - wenn auch nur in kleinen, vorsichtigen Schritten. Diese Quintessenz erscheint zwar ganz sinnvoll, wird aber leider in La Nana - Die Perle nicht besonders ansprechend verpackt.
Die Handlung wirft einfach zu viele Fragwürdigkeiten und Ungereimtheiten auf: Warum macht Raquel diesen Job überhaupt, wenn sie dabei von Anfang an so leidenschaftslos wirkt, was bereitet ihr daran überhaupt Spaß (oder was hat es mal gemacht), warum hasst sie eines der Kinder so sehr, und warum ignorieren die Eltern das? Vieles bleibt im Dunkeln, vielleicht hätte es geholfen, die Vergangenheit mit einzubeziehen und zu klären, warum die Eltern so an dieser unsympathischen, wortkargen Frau hängen. Möglicherweise hat sie einem der Kinder mal das Leben gerettet oder kennt ein dunkles Geheimnis der Familie. So etwas hätte der Geschichte mehr Tiefe und Sinn gegeben. Aber so bleibt es eher eine längere Episode aus dem Leben einer Frau, die ihr Dasein als Haushaltshilfe mehr fristet als genießt. Die fragwürdige Abhängigkeit, die sich offensichtlich zwischen Familie Valdez und Raquel ergeben hat, hat zwar eine tiefsinnige Komponente, doch sie erfährt leider auch keinen richtigen Höhepunkt, eine Eskalation oder die bewegende Katastrophe. Lediglich ein lockeres Hausmädchen namens Lucy bringt Raquel auf den rechten Weg und lässt alle Probleme verschwinden. Schließlich schafft die den Haushalt wieder alleine und alle sind glücklich. Das ist keine großartige Charakterstudie sondern vielmehr eine unausgewogene und an den Haaren herbeigezogene Geschichte, die nicht mal sonderlich mitreißend, spannend, bewegend oder humoristisch verpackt wird, sondern eher so vor sich hin dümpelt. Die Ansätze, die wohl hinter der unbefriedigenden Darstellung liegen, sind ganz interessant, aber wenn man als Zuschauer so tief graben muss, um dahinter etwas Kluges zu finden, kann das nicht überzeugen.