Der Libanonkrieg durch den Winkelspiegel: Lebanon erzählt aus der Innenansicht eines Panzers vom Schicksal einer israelischen Panzerbesatzung, die Gefahr und Tod am eigenen Leib erfährt. Ein reduziertes, preisgekröntes Kriegsdrama mit Schwächen, ein Experiment von Samuel Maoz, das gleichzeitig sein Spielfilmdebüt darstellt.
Ein Meer aus Sonnenblumen. Sie lassen ihre Köpfe hängen, scheinen sich abzuwenden, obwohl der blaue Himmel und ein sanfter Lufthauch von einem wunderschönen Sommertag künden. Doch der Schein trügt: Es ist der 6. Juni 1982, der erste Tag im Libanonkrieg, und ein Panzer rollt unaufhaltsam voran. Ein Panzer, dessen Innenleben in den folgenden knapp 90 Minuten mit der Kamera erkundet wird. Seine Besatzung besteht aus Greenhorns, Soldaten, die die Gefahren unterschätzen und mit dem Ausführen von Befehlen zunehmend überfordert sind. Ihre einzigen Kontakte nach außen: Das Zielfernrohr im Winkelspiegel und die Funkverbindung.
Lebanon ist ein Experiment, will die Kriegsgeschehnisse aus der Innenansicht eines klaustrophobisch anmutenden Kriegsgeräts rekonstruieren mit den Ängsten und der Verwirrung der Besatzung. Dabei steht Kameramann Giora Bejach die Logik beim Einsatz seines Werkzeugs im Weg. Viele Blicke durchs Periskop, das zunehmend Risse um das Bedrohung suggerierende Fadenkreuz aufweist, wirken wie wirre Orientierungsversuche. Wie notwendige psychologische Zugeständnisse an den Zuschauer, um die Stimmung einzufangen und den Protagonisten im Panzer mimische Rückmeldung auf ihr Handeln zu geben, wenn durch ihr Verschulden der Tod eines Kameraden oder von Zivilisten zu bedauern ist.
Kaum verwunderlich, dass Regisseur Samuel Maoz in seinem ersten Spielfilm einen pazifistischen Ansatz wählt, Krieg als chaotische und menschenverachtende Veranstaltung begreift, in der viele unschuldige Opfer zu beklagen sind und die Hinterbliebenen mit ihrer wütenden Trauer allein gelassen werden. So öffnet sich nur wenige Male die Einstiegsluke: Für den Transport eines gefallenen Kameraden, für einen Offizier, der die untersagte Anwendung von Phosphorgranaten inoffiziell widerruft, für einen sympathisierenden christlichen Araber, der einen syrischen Feind erst ankettet und dann einschüchtert. Der Panzer wird so zum Mikrokosmos des Nahost-Konflikts und verleiht dem auch mit dramaturgischen Schwächen und Längen gestraften Kriegsdrama eine politische, aber auch eine kritische Dimension. Diese kommt auf zahlreichen Filmfestivals nach wie vor gut an, womit auch die Auszeichnung mit dem Goldenen Löwen 2009 in Venedig zu erklären ist.
Erschreckend dabei ist, wie nah Lebanon trotz allem an der Realität ist: In den Extras der DVD berichten einige Beteiligte - auch Regisseur Maoz - von ihren Kriegsverwundungen. So ist auch der ambitionierte Versuch, differenzierte Charaktere zu zeichnen, zwar gescheitert, aber lobenswert. Lebanon ist trotz vieler Nahaufnahmen und beklemmender Enge nicht Das Boot im Tank, dafür fehlt die filmtechnische und dramaturgische Virtuosität. Das symbolisch aufgeladene, rahmende Schlussbild mit dem Panzer im Sonnenblumenfeld entschädigt dafür. Entwickeln sich Menschen im Krieg weiter, reifen sie durch ihn? Nein, sie sterben zumindest innerlich ab und senken vor Scham die Köpfe.