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Finanzkrise oder nicht. Der Grieche, speziell der griechische Mann, zieht sein Ding durch, wie es ihm beliebt. Im Herzen leicht anarchistisch und der Obrigkeit misstrauend, baut er sich seinen eigenen kleinen Mikrokosmos, der am besten unveränderlich zu bleiben hat, so wie er sich das erdacht hat. Stavros, der zusammen mit seiner kranken Mutter in Athen lebt und einen kleinen Laden betreibt, erlebt, wie seine Existenz plötzlich erschüttert wird, als er erfährt, dass er womöglich überhaupt kein Grieche ist. Süffisanter und mit liebevoller Bosheit inszenierter Film, der seinen Helden die Hosen runterlässt, ohne ihnen ihre Würde zu rauben.
Ein Urlaub in Griechenland und über die Akropolis gewatschelt, dazu der regelmäßige Gang ins griechische Restaurant um die Ecke und die Schmähberichterstattung in den Medien aufgrund des Beinahe-Staatsbankrots verfolgt: schon meinen viele, sie wüssten alles über die hellenische Seele. Kleine Wunder in Athen versucht zwar nicht die Seele eines Volkes als Ganzes zu erfassen; in einem Mikrokosmos, der sich an einem winzigen Platz im Herzen dieser Metropole befindet, findet aber eine Studie über die Natur des wahren griechischen Mannes statt. In einem Land, das von einem religiösen Patriarchat dominiert und von Machismo geprägt wird, scheint diese vom Aussterben bedrohte Spezies der filmischen Auseinandersetzung wert, solange es sie noch gibt.
Stavros (Antonis Kafetzopoulos) und seine drei Freunde, allesamt weit in den fortgeschrittenen Vierzigern, sind wahre Tunichtgute. Schaut man ihnen beim Nichtschaffen eine Zeitlang zu, meint man, die vier könnten glatt alleine für die desolate griechische Wirtschaftslage verantwortlich sein. Zwei seiner Kumpanen und Stavros betreiben kleine Läden in einem weniger privilegierten Bezirk Athens. In Wahrheit schließen sie morgens auf, setzen sich anschließend vor ihre Geschäfte und warten darauf, dass sich Kundschaft dorthin verirrt. Die Langeweile vertreiben sie sich mit halbsinnlosen Gesprächen; pubertärem Fußballgekicke auf der Straße, die kurzerhand zur heimischen Arena umfunktioniert wird; und dem Runterputzen von Migranten, die um sie herum arbeitsam ihren Beschäftigungen nachgehen.
Über diese wichtigen Dinge hinaus muss Stavros noch ein Auge auf seine Mutter haben, die nach einem Schlaganfall auf Hilfe angewiesen ist und mental immer weiter abbaut. Nachdem sich seine Frau von ihm getrennt hat, wohnt er jetzt wieder alleine bei "Mama" und kümmert sich aufopferungsvoll um die alte Dame. Eines Tages taucht ein albanischer Gastarbeiter (Anastasis Kozdine) auf, der in der Nähe von Stavros Laden Malerarbeiten nachgeht. Stavros Freunde, die vor dem Laden sitzen, haben nur Spot für ihn übrig, aber als Stavros nach hause kommt, sitzt dieser Albaner im Wohnzimmer und Stavros Mutter steht vital und gutgelaunt in der Küche, kocht für den ungewöhnlichen Gast und unterhält sich mit ihm auf Albanisch. Stavros fällt aus allen Wolken; bevor ihn aber der Schlag trifft, bekommt er eine verrückte Geschichte aufgetischt: Seine Mutter behauptet, der Albaner, der auf den merkwürdigen Namen Marenglen hört (eine Abkürzung aus Marx, Engels und Lenin), sei ihr verlorener Sohn, den sie einstmals in Albanien zurückließ, als sie mit einem Säugling im Arm das Land verließ. Wenn das stimmt, ist Stavros Albaner - einfach unvorstellbar!
Kömödie, Satire oder eine Art Dramödie? So ganz sicher ist man sich bei Kleine Wunder in Athen nicht: Der Film besitzt einerseits reichlich schrägen Humor und hat obendrein noch seine makaberen Seiten, beherbergt aber anderseits auch eine ordentliche Portion Tragik, die sich zuweilen gut hinter einer eigentümlichen ethnischen Kauzigkeit verbirgt. Sicher ist aber, dass der Film im Grunde nicht wirklich mit verborgenen Motiven hantieren will. Ganz im Gegenteil ist Kleine Wunder in Athen gewissermaßen eine Offenbarung. Alles was es über den griechischen Mann fortgeschrittenen Alters zu erfahren gibt, findet sich hier: Sein Verhältnis zum Leben im Ganzen, seine Verachtung für die Obrigkeit im Speziellen, die Beziehung zur Mutter, zur Frau, zu den brüderlichen Freunden wie zu Fremden und natürlich auch zu seinem Glauben. Vor allem offenbart sich aber, was für ein armes haltsuchendes Geschöpf der griechische Mann ganz tief in seinem Innersten ist, wenn ihm all jenes genommen wird, womit er sich definiert und identifiziert.
Wenn es einem Film gelingt, solch große Wahrheiten gelassen zu formulieren, indem er voll Ironie und zuweilen Sarkasmus einen Mikrokosmos konstruiert, der alles beinhaltet, was es auch im Großen zu entdecken gäbe, dann hat man tatsächlich ein Kleinod vor sich. Kleine Wunder in Athen führt das antike Studienzentrum die Akadimia, den Ort an dem die hohen Geister zusammenkamen, um über das Leben zu philosophieren, ad absurdum, indem er diesen mit einem Haufen sympathischer Freaks bevölkert, welche die meiste Zeit eher halbverdaute Lästerlichkeiten von sich geben.
Trotz solch eines liebevoll-boshaften Exhibitionismus gelingt es dem Regisseur Filipos Tsitos seinem Protagonisten auch elementar-tiefsinnige Weisheiten zu entlocken. Ein kurzer Dialog mit einem Arzt, zu dem Stavros seine Mutter regelmäßig zur Untersuchung bringt, spricht bereits Bände: Stavros leidet an Schlafstörungen, er teilt sich dem Arzt mit und dieser fragt: Belastet Sie etwas, haben Sie Sorgen und Ängste in Ihrem Leben? Stavros antwortet halbzynisch: Wieso, wollen Sie mir ein Rezept für ein anderes Leben geben?. Dieser Stoizismus, sein Schicksal ganz zu ertragen, wie es ihm aufgebürdet wurde, offenbart eine immense Entschlossenheit und Würde im Zentrum dieser ambivalenten Männerwelt. Wer seinem Protagonisten also solche Sätze in dem Mund legt, zeigt, trotz aller süffisanter Kritik, wie sehr er diese Menschen im Grunde mag. Ähnlich wird es auch dem Zuschauer ergehen, denn selten zuvor wartete ein solch unscheinbarer Film mit derart viel Charme auf. |