Eine Filmfigur existiert nur in dem Rahmen, den die Handlung vorgibt, sie kann nicht über die vorgegebenen Pfade hinaus agieren oder Bewusstsein über das erlangen, was gerade mit ihr passiert. Dani Levy, prämierter Regisseur für Filme wie Alles auf Zucker! oder Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler, erlaubt seiner Hauptfigur in seinem aktuellen Film zu begreifen, was sie ist, wer sie lenkt und dass sie grundsätzlich ihrem Schöpfer hilflos ausgeliefert ist. Damit präsentiert sich Das Leben ist zu lang als eine Art Film-in-Film(-in-Film)-Parabel, die aber leider auf der dritten Ebene etwas entgleitet und dem Publikum das Gefühl beschert, im Hamsterrad zu stecken.
Alfi Seliger (Markus Hering) war einstmals ein gefeierter Komödienregisseur. Seit 15 Jahren hat er aber nichts mehr inszeniert. Stattdessen widmete er sich in den letzten Jahren einem Drehbuch über den Streit bezüglich der Mohamed Karikaturen, das er jetzt gerne verfilmt sehen will. Dieser Film würde alles andere als eine Komödie werden, ganz im Gegenteil: Manch einer hinterfragt sogar ernstlich Seligers Geisteszustand, da das Ganze beinahe schon suizidal anmutet. Durch Schützenhilfe seiner Mutter, einer gealterten Filmdiva, gelingt es ihm aber doch noch, an einen Produzentenmogul (Hans Hollmann) heranzukommen, der sich seines Drehbuchs annehmen möchte.
Die Sorgen hören damit aber nicht auf: Seliger benötigt die geeigneten Schauspieler für seinen Film; die falschen, wie die Produzentengattin Natasha (Veronica Ferres), die Frau des Mannes der seinen Film realisieren möchte, werfen sich ihm aber derart schamlos an den Hals, dass es ihm nur mit Mühe gelingt, seine Hosen anzubehalten. Als Seliger auch noch herausfindet, dass ihn seine Frau Helena (Meret Becker) betrügt und seine Bank pleite ist, ihn damit regelrecht ruiniert hat, resigniert er. In der stillen Abgeschiedenheit eines Hotelzimmers inszeniert er seinen theatralischen Abgang mit Tabletten und Alkohol - offenbar ist seine Rolle damit aber noch nicht zu Ende gespielt.
Dramödie, Filmbusiness-Satire oder gleichzeitig Persiflage und Hommage an den großen Woody Allen? Ein wenig von allem steckt in Levys schrägem Werk. Rein optisch erinnert die Hauptfigur schon sehr an Woody Allen und auch die inneren Werte scheinen das zu bestätigen. Alfi Seliger wirkt wie der perfekte halbjämmerliche Hypochonder, der permanent vom Regen in die Traufe schlittert. Sein Leben befindet sich in einem kontinuierlichen Auflösungsprozess, ohne dass er die Kontrolle darüber erlangen könnte. Alles Ingredienzien für einen perfekt abgestimmten Woody-Allen-Film.
Levy wollte aber offensichtlich mehr; einerseits in tiefere psychologische Gefilde abtauchen, auf der anderen Seite aber mit seiner philosophischen Aussage sich auch eine Stufe hinaufbewegen. So löst er ab einem bestimmten Moment seine Hauptfigur vom Geschehen los und erlaubt ihr "außerhalb des Drehbuchs zu agieren"; als könnte sie ihr Schicksal selbst bestimmen. Plötzlich entstehen damit surreale Momente, in denen der Protagonist beispielsweise einen Filmvorführungssaal betritt, um festzustellen, dass dort gerade der Film seines Lebens läuft: Alles was er gerade macht, manifestiert sich zeitgleich auf der Leinwand. An anderer Stelle hetzt er hinter seinem Schöpfer her, den er in einem Aufnahmeraum aufspürt, um ihn zur Rede zu stellen. Etwas spooky wirken diese Einlagen schon und unterstreichen den grundsätzlich unkonventionellen Charakter von Das Leben ist zu lang. Diese leicht bizarre Experimentierlust spiegelt sich auch im illustren Cast wieder: Nebst Markus Hering, der im Kino bis dato eher unbekannt ist, finden sich beispielsweise in kleineren wie größeren Rollen Yvonne Catterfield, Udo Kier, Heino Ferch, Justus von Dohnanyi, Elke Sommer, Kurt Krömer, Gottfried John und Michael "Bully" Herbiger.
Nebst der Verbeugung vor Woody Allen und dem Durchexerzieren einer schrägen Virtual-Reality-Seite ist Das Leben ist zu lang aber offensichtlich für Levy auch ein sehr persönlicher Film. In der Hauptfigur des Alfi Seligers steckt mit Sicherheit ein großes Stück von ihm selbst. Damit beweist der Filmemacher, dass er nicht nur einen satirischen Blick auf das Filmschaffen zu werfen vermag, sondern auch mit seiner eigenen Person selbstironisch und zuweilen bissig umzugehen weiß. Leider gerät ihm aber, im sonst sehr augenzwinkernden Werk, besonders die Skizze des menschlichen Daseins, das manchmal viel von im-falschen-Film-stecken haben kann, am eigenen exemplarischen Aufhänger leidlich zu lang.
Die philosophische Aussage, dass das wahre Leben zuweilen mehr Schein als Sein bergen kann und es mitunter schwer fällt, zwischen Realität und (selbstgeschaffener) Virtualität zu trennen, hätte überdies nicht elegisch in einem vielfältigen Potpourri an divergierenden Handlungslinien durchexerziert werden müssen. Wenn Levy damit beweisen wollte, dass wir alle gewissermaßen die Regisseure unseres eigenen Lebens sind, es also besser ist, nicht immer wieder die selben Fehler zu begehen und damit Zeit zu verschwenden, liegt er zwar völlig richtig, hätte sich - wenn er den Titel seines eigenen Films ernst genommen hätte - aber etwas kürzer fassen können.