Es war die große Sensation der letzten "Academy Award"-Verleihung: Halle Berry gewinnt für ihre Rolle in Marc Forsters Drama Monster's Ball als erste Farbige einen Oscar für die beste Hauptrolle und hielt eine stark politisch gefärbte Rede, in der sie unter Tränen sagte, dass sie diesen Oscar im Namen aller großen schwarzen Schauspielerinnen gewonnen habe und sich freue, dass mit ihrem Sieg nun für so viele die Tür geöffnet worden sei. Passend zu diesem "politischen" Sieg ist auch der Film, der ihr diesen einbrachte, ein ebensolcher.
Der dritte Film des aus der Schweiz stammenden Regisseurs Forster, der bislang in der Filmwelt kaum auffällig geworden war, ist ein hochengagiertes, düsteres Drama, das sich ganz der Thematik des Rassismus und vor allem dessen Überwindung durch die "Irrwege" der Liebe verschrieben hat. Der Film kreist vorwiegend um die beiden Hauptcharaktere, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Hank (wie gewohnt mit großartiger Zurückhaltung und unter steter Anwendung der Kunst des Minimalismus von Billy Bob Thornton gespielt) lebt allein mit seinem erwachsenen Sohn und seinem sowohl physisch wie psychisch kranken Vater und ist von diesem von vorneherein "weißdenkend" erzogen worden und so kommt es dazu, dass er schon einmal zum Gewehr greift, wenn farbige Kinder auf dem Anwesen spielen. Sein Dasein in der Arbeitswelt fristet Hank - ebenso wie sein Sohn (Heath Ledger in einer drastisch-beklemmenden Nebenrolle) - als Aufseher in einem Gefängnis; einem Hochsicherheitstrakt, der Mörder, die auf ihre Hinrichtung warten, verwahrt. Unter ihnen ist auch Lawrence Musgrove, der, von Rapper Sean Combs durchaus passabel verkörpert, hier in einer schmerzhaften, kaum zu ertragenden Szene auf dem elektrischen Stuhl stirbt. Er hinterlässt eine Frau und einen Sohn.
Die afro-amerikanische Leticia, Lawrence Frau, lebt in einer Welt voller Schwierigkeiten: Sie hat Probleme mit ihrem krankhaft fettleibigen Sohn, um den sie sich voller Liebe sorgt, ihr Job ist in Gefahr, ihr Mann tot. Einer der Gäste in dem Lokal, in dem sie arbeitet, ist ausgerechnet Hank, der wohl schon hier tiefere Gefühle für sie entwickelt. Als Leticias Sohn dann eines abends von einem Auto tödlich angefahren wird und die junge Mutter neben seinem leblosen Körper kniend um Hilfe schreit, unternimmt der vorbeifahrende Hank einen folgenschweren Entschluss: Entgegen jeder politischen Auffassung hilft er ihr und fährt sie und ihren Sohn ins Krankenhaus, wo dessen Tod festgestellt wird, was Leticia völlig aus der Bahn wirft. Sie hat nun niemanden mehr und wendet sich verzweifelt an Hank, was zum Beginn einer Liebe jenseits der dunklen Schranke des Rassismus werden soll.
Monster's Ball ist ein ungewöhnlicher Film: Ein Werk, besetzt mit großen Hollywood-Stars und dennoch von großer inhaltlicher wie formaler Provokation. Gespickt ist der Film mit vielen Szenen menschlichen Makels, auswegloser Gewalt, Verblendung und blankem Hass, aber ebenso auch mit überaus schönen und anmutigen Momenten der Liebe, die die tiefverwurzelte Grausamkeit Hanks letztlich zu besiegen weiß. Man mag es dem Regisseur, der hier überwiegend sehr solide arbeitet und es äußerlich stets versteht, die ungewöhnliche Beziehung zwischen den beiden Protagonisten in überaus ansehnliche und hochästhetische Bilder umzusetzen, und den Autoren zwar vorwerfen, dass die Problematik des Rassismusthemas zuweilen unter der Liebesgeschichte etwas begraben wird, und auch dass der Hass selber wenig hinterfragt, geschweige denn wirklich analysiert wird. Vielmehr ist der Antisemitismus Hanks ein streckenweise etwas plakativer Aufhänger für die Demonstration der Macht der Liebe. Nein, es sind auch gar nicht die komplexe Thematik und deren Behandlung, die Monster's Ball vorwiegend zu einem so sehenswerten Film machen - es sind die Schauspieler, allen voran Halle Berry.
Zu sagen, es wäre erstaunlich, wie sich die Frau, deren größte Leistung bis vor kurzem noch darin bestand, kräftig dafür abzusahnen, dass man ihre nackte Brust in Passwort: Swordfish sehen konnte, gewandelt hat, wäre eine Untertreibung. Es ist eine schauspielerische Glanzleistung, die Berry in Monster's Ball erbringt: Ein nuancenreiches, engagiertes Spiel, das in jeder Sekunde überzeugt, die Rolle der verzweifelnden Mutter, die langsam wieder Halt findet, gekonnt immer weiter ausarbeitet und gen Ende, im Angesicht der Tatsache, dass ausgerechnet der Mann, den sie nun liebt, es war, der ihren Mann hinrichtete, in einem Gesichtsausdruck des gleichzeitigen Entsetzens, des Vergebens (!) und der Unsicherheit gipfelt. Eine der größten Momente des vergangenen Kinojahres und neben der enorm freizügigen (in der US-Version teils geschnittenen) Liebesszene in der Mitte der Handlung, die die Entladung aller aufgestauten Angst und Trauer symbolisiert, der Höhepunkt Halle Berrys vorzüglicher Darbietung, die in jedem Fall den Oscar mehr als rechtfertigt!
Neben der überragenden Halle Berry geht der wie üblich sehr zurückhaltend und ruhig agierende Thornton fast schon ein wenig unter, was aber seine Leistung nicht schmälert. Er spielt mit interessanter Distanz zu seinem Charakter, wirkt zuweilen durch seinen leeren, vor allem perspektivenlos anmutenden Gesichtsausdruck wie das lebendige Symbol eines aufgezwungenen Rassenhasses. Auch versteht es Thornton, den Wandel seines Figur, der den größten Charakterwandel des Filmes darstellt, durchaus glaubhaft zu verkörpern und der Zuschauer spürt, wie Hank vom "Mörder im Geiste", der er zu Beginn des Filmes ist, zum Vollzieher der menschlichsten, schönsten Szene des Filmes am Ende wird. So wird Hanks Figur zum Symbol für den ganzen Film, der Monster's Ball ist: Die finstere Ausweglosigkeit, die Gewalt, die erdrückende Grausamkeit des Anfangs wandeln sich stetig, aber dennoch wunderbar subtil und unterschwellig zu einem äußerst schönen und wahrhaftigen Plädoyer für die Menschlichkeit - trotz kleiner Schwächen im Detail allein schon wegen der großartigen Darsteller und der weitgehenden Souveränität der Inszenierung absolut sehenswert!