Im chaotischen Manila, einer Stadt in der es vor Armut, Elend und Verbrechen nur so wimmelt, kämpfen zwei alte Damen um die Rechte ihrer Enkel. Der eine ist ermordet worden und soll wenigstens ein anständiges Begräbnis erhalten und natürlich muss auch sein Mörder dafür büssen. Der hat auch eine Großmutter, die sich um ihn sorgt und die möchte, dass ihm Gnade widerfährt. Lola rückt diese beiden leidgeprüften Frauen in den Fokus des Geschehens und portraitiert ohne großes Pathos ihr Schicksal. Schwerer Stoff, aber durchaus sehenswert, wenn auch manchmal etwas Geduld vonnöten ist.
Ethnodramen, besonders wenn sie in Drittwelt- oder sogenannten Schwellenländern angesiedelt sind, zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie Realitäten abbilden oder zumindest Einblicke in Welten ermöglichen, die völlig anders sind, als das, was man als Bewohner westlicher Industrienationen gewohnt ist. Das gilt beispielsweise für den Oscar-Abräumer von 2009 Slumdog Millionär, ebenso wie für Sin Nombre 2010, der in die Abgründe mexikanischer Gangmilieus entführt.
Lola ist im philippinischen Manila angesiedelt; einem urbanen Moloch, dessen Zentrum allein knapp 12 Millionen Menschen beherbergt (der gesamte städtische Komplex Greater Manila kommt sogar auf beinahe 20 Millionen). Im Mittelpunkt des Geschehens zwei Großmütterchen (Lola heißt nichts anderes als Großmutter), deren Schicksale auf tragische Weise miteinander verbunden sind: Da ist Sepa (Anita Linda), deren Enkel, ein Security-Mitarbeiter, erstochen wurde. Der Täter, ein junger Mann, der inzwischen in Polizeigewahrsam sitzt, hatte es auf sein Mobiltelefon abgesehen, und dafür hat er ein menschliches Leben ausgelöscht.
Auf der anderen Seite dieses tragischen Dilemmas befindet sich Puring (Rustica Carpio). Sie ist die Großmutter des Täters und möchte verständlicherweise nicht wahrhaben, dass ihr eigener Enkel zu solch einer Tat fähig gewesen sein soll. Das wirklich Bittere wie zugleich Erschreckende dabei ist, dass die Täterseite im Grunde ebenso viel Mitgefühl verdient, wie die Opferseite. Vielleicht nicht explizit der Mörder selbst; aber für beide Frauen ist das Leben ein widriger Existenzkampf und beide stemmen mit anrührender Aufopferung ihr schweres Schicksal. Die eine ringt um Gerechtigkeit und die andere um Gnade. Im Wesen unterscheiden sie sich aber kaum voneinander.
Dass es ein trauriger und betrüblicher Film sein wird, darüber lässt Regisseur Brillante Mendoza keinen Zweifel aufkommen. Schon eine der ersten Szene, die bei einem Bestatter spielt, offenbart das ganze Elend: Sepa versucht, Geld für einen Sarg zusammenzukratzen, um ihren ermordeten Enkel wenigstens in Würde beisetzen zu können. Doch selbst die günstigsten Modelle erweisen sich als zu teuer. So ist sie auf Spenden angewiesen, um das Geld aufbringen zu können: Der ehemalige Arbeitgeber ihres Enkels leistet aber nur einen geringen Beitrag. Wäre ihr Enkel im Dienst getötet worden, hätte das anders ausgesehen - und wenige Monate später hätte er sogar Rentenanwartschaften erworben.
Ganz beiläufig betreibt Mendoza eine kleine Milieustudie sowie auszugsweise auch ein Stadtportrait in seinem Film. Letzteres zumindest insoweit, was bestimmte "soziale Niederungen" angeht. Erwartungsgemäß bildet sich dort Armut und Elend in einer kaum überschaubaren Stadt ab, in der es - während des gesamten Filmes - fast ausnahmslos regnet. Zwar wird Lola trotz all dieser Tristesse nie ausgesprochen sentimental, pathetisch oder lässt die beiden Damen märtyrergleich auftreten; trotzdem stellt sich regelrecht zwangsläufig ein Gefühl der Beklommenheit angesichts der Schwere dieser Lebensschicksale ein.
Die bevorzugte Perspektive, relativ enge Bildausschnitte und nah an den Hauptfiguren gehalten, verstärkt das Gefühl der allgegenwärtigen Ausweglosigkeit zudem. Leider ist dieses visuelle Stilmittel aber nicht gerade optimal geeignet, um breiter angelegte Milieustudien zu betreiben, da nicht raumgreifend genug gearbeitet wird und so eine spürbare Bandbreite an Eindrücken ausbleibt. Vielleicht wollte Mendoza dies auch gar nicht in seinem Film leisten, die Lebewelt der Protagonistinnen hätte aber durchaus mit noch mehr Impressionen wiedergegeben werden können, umso kompletter und runder hätte sich die Geschichte damit ausgestaltet. Trotz dieser grundlegenden Sparsamkeit in den eingesetzten Mitteln und der bleischweren Grundstimmung, ist Lola ein berührender und zuweilen sogar ergreifender Film geworden, den sich Liebhaber von Ethnodramen keinesfalls entgehen lassen sollten.