Jahrzehntelang wurde die Chance auf Integration verschlafen. Der Gastarbeiter, der Motor des deutschen Wirtschaftswunders, kam und als das Wunder getan, blieb er einfach. Inzwischen sind Subkulturen und Parallelgesellschaften entstanden und jetzt ist es mit der Integration noch viel schwieriger. Immer mehr Werke nichtdeutschstämmiger Filmemacher greifen das Dilemma des Lebens zwischen den Kulturen auf, einerseits westlich orientiert, auf der anderen Seite der Religion und Tradition verhaftet. Shahada bildet solche Schicksale ab, vermag aber in seiner wirren Inszenierung, ohne erkennbare Mitte, keine nennenswerten Lösungsansätze zu formulieren.
Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts darf man sich, anstelle einer halbwegs harmonisch funktionierenden Multikulti-Gesellschaft mit Migranten der dritten Generation "herumplagen", die weder Deutsch noch eine andere Sprache ordentlich beherrschen, zuweilen ein hohes Maß an krimineller Motivation entwickeln (was nicht wundert: wer die Sprache nicht einmal beherrscht, dem bleiben viele Karrieren schlichtweg verschlossen) und sogenannten Rütli-Schulen, die für Lehrer wie deutschstämmige Kinder regelrecht zum "Kriegsgebiet" werden.
Fehler bei der Integration wurden aber auf beiden Seiten begangen. Zu Beginn Seitens des Staates, in der zweiten und dritten Generation, die hier geboren wurde, müssen sich aber auch diese den Mangel an Eigenverantwortung ankreiden lassen. In Verbindung mit der sich immer wieder anheizenden Debatte über Islamismus, Zwangsehen und Ehrenmorde, stehen nun beide Seiten vor einer immensen Herausforderung: einen Weg für die Zukunft zu gestalten, der ein friedliches Miteinander gewährleistet. Filmemacher mit Migrationshintergrund versuchen zum besseren Verständnis der Problematik schon seit einiger Zeit ihren Beitrag hierfür zu leisten.
Neuestes Werk ist Burhan Qurbanis, selbst bekennender gläubiger Moslem, Erstling Shahada. Das Shahada stellt das Glaubensbekenntnis des Islam dar und bedeutet in etwa: Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet. Dieses kurze Gebet bildet eine der fünf Säulen des Islam, die anderen vier: Salat (das liturgische Pflichtgebet), Zakat (das Almosengeben als religiöse Pflicht), Saum (das rituelle Fasten im Ramadan) und Haddsch (die Pilgerfahrt nach Mekka), werden in Qurbanis Film kapitelweise ebenfalls abgearbeitet. Warum aber solch eine derart lange Vorrede? Vermutlich deshalb, da dieser Film etwas bewirken möchte, nämlich die Integrationsdebatte wieder im positiven Sinne ankurbeln, sich aber methodisch derart verheddert, dass es zuweilen ein K(r)ampf ist, von Kapitel zu Kapitel durchzuhalten und somit im Vorhinein ein paar Erklärungen nötig macht.
Im Mittelpunkt stehen die Schicksale von Maryam (Maryam Zaree), eine junge Türkin mit freizügigem Lebensstil. Nach einer ungewollten Schwangerschaft treibt sie heimlich ab und über die Schuldgefühle, welche sich anschließend einstellen, beginnt sie sich regelrecht fanatisch an den Islam zu klammern; der Nigerianer Samir (Jeremias Acheampong) ist Homosexuell, hat aber ebenso große Angst, sich das einzugestehen wie es auszuleben (im Islam stellt diese Form der Liebe eine noch viel größere Sünde als im Christentum dar); dann der Polizist Ismail (Carlo Ljubek), der einen tragischen Unfall mit seiner Dienstwaffe nicht verkraftet hat; und zuletzt, ein sehr gütiger und liberaler Imam (Vedat Erincin), in dessen Gemeinde und Peripherie sich alles ereignet und der zudem Maryams Vater ist.
In Form eines Episodenfilms entwickelt Qurbani die locker zusammenhängende Handlung. Die einzelnen Schicksale und Leben berühren sich zeitweise; manchmal beginnen einzelne Kapitel sogar an derselben Stelle - werden aber aus anderer Perspektive erzählt und nehmen schlussendlich einen neuen Verlauf. Etwas wirr ist das Ganze schon gestaltet. Und man sucht vergebens nach inszenatorischen Ankerpunkten, auf die es eine zyklische Besinnung geben könnte. Bestenfalls die Figur des toleranten Imams könnte dieser Art noch etwas darstellen, allerdings ist der Charakter derart wohlwollend gezeichnet, dass es einfach zu schön ist, um glaubhaft zu wirken. Er stellt ein Ideal dar, von dem der Islam noch weit entfernt ist; und vielleicht nicht der Islam allein: Die Offenheit, Großherzigkeit und Versöhnlichkeit, die dieser moslemische Geistliche ausstrahlt, würde man sich auch bei manch einem Priester anderer Glaubensrichtungen wünschen.
Doch ohne dem Thema der Integration wesentlich näher zu kommen, verzettelt sich die Geschichte mit ihren Hauptfiguren, die offensichtlich nicht klar kommen, einerseits in einer freiheitlichen westlichen Gesellschaft zu leben und prinzipiell alles zu dürfen; anderseits aber ihrem Glauben nicht loslassen können und wollen. Ebenso wie der Film, irrlichtern diese durchs Leben, hin und her gerissen, zwischen dem was sie sein könnten und dem was sie glauben, sein zu müssen. Interessant ist das aber nur selten. Und die Storyline mit dem Polizisten fällt darüber hinaus ohnehin aus dem Schema und hätte sogar gut durch einen anderen Plot ersetzt werden können.
Schwer fällt es zudem, Sympathie mit den Figuren aufzubauen oder mit ihren Ängsten mitzufühlen, da in diesem Stückwerkgeschnipsel zu wenig in der Lage ist, zu berühren. Vermutlich auch deshalb, da vergessen wurde, die Charaktere und ihren inneren Konflikt in den Kontext zum real gelebten Islam zu stellen. Fast stellt sich dabei das Gefühl ein, Qurbani wollte ohnehin eher einen Film für Eingeweihte und Gläubige machen. In Anbetracht der Tatsache, dass Nichtmoslems nur als Randfiguren vorkommen, kann dies sogar gut möglich sein. Shahada fügt damit der Integrationsdebatte und der "Liberalisierung" des Islam aber nichts hinzu und besitzt in seiner leicht wirren Inszenierung, die keine erzählerische Mitte ihr Eigen nennt, auch kaum einen Erinnerungs- und Beachtungswert.