Wieder einmal macht sich Hollywood über einen Stoff her, der im europäischen Kino zum Kulthit avancierte. Die Rede ist von Thomas Alfredsons So finster die Nacht, einem eigentümlichen, aber reizvollen Mix aus Jugendromanze und Horrorfilm. Die amerikanische Version liegt in den Händen von Matt Reeves, der mit Cloverfield bereits bewies, dass er atmosphärisch dicht zu erzählen weiß. Entstanden ist nun ein Film, der sich nicht hinter dem Original verstecken braucht und eigenständig punktet. Let Me In ist eine ebenso schaurig-schöne als auch bitter-süße Geschichte, die guten Gewissens älteren Jugendlichen und Erwachsenen empfohlen werden darf.
Wenn sich ein guter Regisseur einer gelungenen Vorlage bedienen darf, sollte er ein Gespür dafür entwickeln, die eingetretenen Pfade nur dort zu verlassen, wo es dramaturgisch sinnvoll ist und sich die Chance bietet, etwas Neues hinzuzufügen. Matt Reeves war ganz offensichtlich schlau genug, sich möglichst nah an das schwedische Original zu halten, was sich vor allem in der transportierten Stimmung und im Flair der Bilder zeigt, sowie kreativ genug, neue Schwerpunkte und Perspektiven für sein Remake zu suchen. Im Grunde ist Let Me In zwar immer noch eine Coming-of-Age-Geschichte, doch Reeves' Fassung wirkt deutlich erwachsener, was nicht zuletzt dadurch zustande kommt, dass er Richard Jenkins (Ein Sommer in New York, Freunde mit gewissen Vorzügen) Figur stärker als tragischen Charakter in den Mittelpunkt rückt.
Die Geschichte um den 12-jährigen Owen (Kodi Smit-McPhee) ist im winterlichen Los Alamos der 1980er Jahre angesiedelt. Äußerst subtil wird man in diese Zeit zurückbefördert; merklich nur dadurch, dass niemand ein Smartphone zückt, in den altmodischen Flimmerkisten mehrfach das Gesicht des damals amtierenden US-Präsidenten, Ronald Reagan, zu sehen ist; Musik und Mode aus der Zeit tun natürlich ihr Übriges. Owen, der bei seiner Mutter lebt, ist ein isoliertes Kind ohne Freunde. In der Schule wird er meist von den selbsternannten Alphatieren gemobbt, und zu Hause hängt er oft an seinem Teleskop und beobachtet die Nachbarschaft (ein wenig scheint Let Me In zwischendurch Anleihen bei Hitchcocks Das Fenster zum Hof nehmen zu wollen).
Auf der verschneiten Wiese vor dem Haus begegnet ihm eines Tages die gleichaltrige Abby (Chloe Moritz). Obwohl frostige Temperaturen herrschen, läuft sie im Minirock und barfuß herum. Die Kälte kümmert sie nicht, sagt sie. Ebenso wie Owen ist Abby eine ausgesprochene Einzelgängerin. Die beiden treffen sich in der Folgezeit immer wieder, bis aus einer zerbrechlichen Freundschaft eine spröde, kindlich süße Romanze erwächst. Zugleich geschehen in dem Ort bestialische Morde, und Owen ahnt nicht, dass Abby damit im direkten Zusammenhang steht. Erst viel später offenbart sie ihm, dass sie, um zu überleben, menschliches Blut braucht und auch, dass sie schon eine sehr lange Zeit zwölf Jahre alt ist.
Let Me In in die üblichen Kategorien des Genre-Kinos zu packen, würde dem Film Unrecht tun. Hier wurde endlich mal kongenial mit dem altbackenen Mythos des Vampirs umgegangen und sowohl eine schaurig-schöne juvenile Liebesgeschichte als auch ein Krimi mit reichlich Noir-Elementen und zuletzt natürlich auch ein Horrorstreifen, der vor expliziten Momenten nicht zurückschreckt, komponiert. Dabei werden vermutlich vor allem jene auf ihre Kosten kommen, die das Original nicht kennen. Reeves findet trotz der Nähe zur Vorlage seinen eigenen Rhythmus und setzt treffsicher seine eigenen Pointen. So führt der Beginn, der als kleine Zeitschleife angelegt ist, zunächst mal in die Irre. Lange wähnt sich das Publikum durch diesen geschickten Kniff in einer Art Mystery-Thriller, aber selbst später, zu einem Zeitpunkt, in dem die Marschrichtung prinzipiell geklärt ist, verkommt die Handlung nicht in Vorhersehbarkeit.
Zu den ausgesprochenen Qualitäten des Films gehört darüber hinaus der beinahe schon ehrfürchtige Umgang mit den vielen Facetten der Vampir-Mythologie. Anders als im blutarmen Twilight-Universum wird hier nicht alles ignoriert, was den Mythos im Kern ausmacht. Und geradezu liebevoll werden solch kleine Motive wie die überlieferte Obsession der Untoten für Rätsel in die Handlung hineingewoben oder die Tatsache, dass man einen Vampir erst ins Haus hineinbitten muss (deshalb auch "let me in"). Getragen wird das alles von zwei fabelhaften Jungdarstellern: Chloe Moritz, das Hit Girl aus Kick-Ass ist absolut überzeugend und Kodi Smit-McPhee, der schon in The Road beeindruckend an der Seite von Viggo Mortensen agierte, ist geradezu brillant.
Let Me In, dessen Dreh- und Angelpunkt sicher das unsterbliche Thema der Liebe ist und die Frage, wie viel man aus selbstloser Hingabe bereit ist zu tun, verwöhnt sowohl visuell als auch erzählerisch und beeindruckt durch die individuellen schauspielerischen Leistungen. Nicht zu verhehlen ist allerdings, dass sich in die schwelgerische Bilderschau zuweilen ein paar Längen einschleichen. Die größere Irritation stellt aber die Sache mit den Kids dar: Obwohl im Grunde als Jugendfilm gedacht und dementsprechend mit zwei beinahe noch kindlichen Protagonisten besetzt, machen es die Gewaltmomente eigentlich unmöglich, ihn einer Zielgruppe um die zwölf Jahre zu empfehlen. Damit bleibt als kleiner Wermutstropfen, dass die Jüngeren wohl erst in ein paar Jahren in den Genuss dieses ausgesprochen sehenswerten Filmes kommen werden.