Der alte Bauer musste plötzlich ins Krankenhaus und nun verwildern Hof, Haustiere und Nutzvieh. Schon stellen sich die ersten wilden Vettern wie Wildschweine und Fuchs ein. Die wilde Farm ist eine fiktive Tierdoku, für die Kleinen und Kleinsten, welche das Leben auf einer Farm in der Abwesenheit des Menschen widerspiegelt. Abgesehen von beiläufig eingestreuten Informationen über die Tiere, zeichnet sich der Film vor allem durch seine Bilder aus, die zum Schwelgen einladen. Leider waren sich die Macher aber nicht ganz schlüssig, ob die Doku nur auf niedlich getrimmt werden oder auch pädagogische Elemente enthalten sollte.
Im klassischen Sinne nicht wirklich Dokumentarfilm, auf der anderen Seite aber auch kein richtiger Tier(Spiel)film, erinnert der Titel an den Trickfilm Animal Farm, nach der 1945 erschienenen Fabel von George Orwell, in dem die Tiere ihren fiesen Herrn vertreiben und anschließend die Farm selber bewirtschaften. Am Ende aber sind einige der Tiere noch fieser als ihr ehemaliger menschlicher Herr geworden und die Utopie scheitert. Eine Gemeinsamkeit zwischen beiden Filmen existiert: In beiden steht eine Farm im Mittelpunkt, in der plötzlich die Tiere tun und lassen können, was sie wollen.
Anders aber als in der Geschichte George Orwells gibt es in Die wilde Farm keinen Aufstand der Tiere. Als der alte Bauer und Herr der Farm plötzlich ins Krankenhaus muss, bleiben die Nutz- und Haustiere einfach allein zurück und sind gezwungen, sich mit der neu gewonnenen Freiheit zu arrangieren. Vom Menschen verlassen, beginnt der Hof zudem schnell zu verwahrlosen und die domestizierten Tiere allmählich zu verwildern. Ganz beiläufig lernen die Kleinsten auf diesem Weg, dass die Tiere, die mit uns zusammenleben, auch wilde Verwandte haben und dass es mitunter nur wenig Zeit braucht, bis all das, was der Mensch mühsam durch Zucht erschaffen hat, wieder im wilden Ursprung verloren geht.
Die Protagonisten dieses bunten Bilderreigens der französischen Filmemacher Dominique Garing und Frédérique Goupil sind Schweine, Hühner, Pferde, Gänse, Hofhund und Hofkater, ein paar kleine Mäuschen sowie ein Fuchs, der sich jetzt auf die Farm traut. Eine sanfte Stimme liefert die Informationen zu den Bildern und ruhige Musik unterstreicht den Charakter der Dokumentation, die im Zusammenspiel aus Bild, Off-Kommentar und musikalischer Untermalung enorm an Tortuga - Die unglaubliche Reise der Meeresschildkröte erinnert. Besonders die einlullende Stimme der Sprecherin weckt Assoziationen an die Reise der kleinen Schildkröte, die von Hannelore Elsner im Märchenbuchstil eingesprochen wurde.
Eine weitere Gemeinsamkeit bleibt darüber hinaus gewissermaßen unausweichlich. Wie bei Tortuga - Die unglaubliche Reise der Meeresschildkröte mussten auch in Die wilde Farm den Tieren menschliche Emotionen angedichtet werden: Ein Huhn gackert "stolz", nachdem es das erste Ei seines Lebens gelegt hat und der Hofkater wird "eifersüchtig", nachdem neue menschliche Besitzer auf die Farm gezogen sind und ihre eigene Samtpfote mitgebracht haben. Ob es eher legitim wird, Tiere zu vermenschlichen, wenn die Zielgruppe des Films besonders jung ist, schließt sich hier als Frage an; dabei geht es nicht einmal darum, Tieren Gefühle abzusprechen, nur will sich nicht recht erschließen, welchen pädagogischen Wert es hat, diese mit zutiefst menschlichen Regungen zu charakterisieren.
Erstaunlicherweise klammert der Film anderseits den natürlichen Kreislauf vom Fressen und Gefressenwerden nicht aus. In einer Szene eingangs entgeht beispielsweise ein Hahn nur knapp der Attacke des Fuchses und auch später wird nicht verschwiegen, dass die süßen Ferkel, wenn sie älter sind, an einen Mastbetrieb gehen und schlussendlich eines Tages geschlachtet werden. Obwohl das ehrlich ist, wirkt es im Kontrast zu dem sonst eher auf niedlich getrimmten Charakter des Films, wiederum befremdlich. Insgesamt scheint den Machern die Balance zwischen harmloser Tiergeschichte für die Kleinsten und ehrlicher dokumentarischer Arbeit mit Informationsanspruch auch für Kinder jenseits der sechs Jahre nicht optimal gelungen. Unterm Strich aber sind die vielen schönen Bilder und der insgesamt angenehme Berieselungscharakter vielleicht doch Argument genug, mit den lieben Kleinen einen Kinonachmittag zu investieren.